An das Gute glauben - Predigt vom 30. Juli 2017

An das Gute glauben – Predigt vom 30. Juli 2017

zum Bild: Symbol der DDR Friedensbewegung

Predigt im Sommer 2017 zu Jes 2, 1-5, insbesondere Vers 4: Gott „weist die Völker zurecht und schlichtet ihren Streit. Dann schmieden sie aus ihren Schwertern Pflugscharen und aus ihren Speerspitzen Winzermesser. Kein Volk wird mehr das andere angreifen, und niemand lernt mehr das Kriegshandwerk.“

 

Liebe Gemeinde!

Lassen Sie mich zu Beginn eine Geschichte erzählen, die mit unserem Bibelwort zusammenhängt.

1959 – mitten im kalten Krieg – hat die kommunistische und außerdem atheistische Sowjetunion unser heutiges Bibelwort bemüht. Sie verschenkte ein Denkmal für das UNO Gebäude in New York. Und dieses Denkmal zeigt einen Schmied, der ein Schwert zu einem Pflug umschmiedet. Dieses Denkmal war den in der DDR Thema einer interessanten Auseinandersetzung.

Die DDR: also der kommunistische Teil Deutschlands, ein eigener Staat, nach dem zweiten Weltkrieg geschaffen und nach der Wende wieder mit der Bundesrepublik Deutschland vereint. Diese DDR verstand sich laut Selbstbild als friedliebender Arbeiter- und Bauernstaat. Weil aber ein so friedliebender Staat stark militärisch verteidigt werden musste, gab es eine durchaus harte Wehrpflicht. Die jungen Männer hatten 18 Monate Militärdienst zu leisten. Irgendwann schien die politische Führung den Eindruck zu haben, das Land wäre noch nicht wehrfähig genug. Deshalb wurde Mitte der 80-er Jahre in den Schulen das Fach „Wehrerziehung“ eingeführt.

Der Wehrkundeunterricht gipfelte in der 9. Klasse – also im Alter unserer Konfirmanden – in einem Wehrlager. Dort waren 12 Tage vormilitärischer Ausbildung vorgesehen, inklusive Exerzier- und Schießübungen. Die Mädchen und diejenigen Jungen, die etwa aus Gesundheitsgründen nicht am Lager teilnehmen konnten, absolvierten einen gleich langen Zivilschutz-Lehrgang.

Dazu gab es dann auch schon eigene Uniformen für die Kinder. Und hier fängt die Geschichte mit unserem Bibelwort an. Denn die DDR führte den Wehr-Unterricht ausgerechnet am „Tag des Friedens“ ein, dem Tag des Beginns des zweiten Weltkriegs. Dass ein angeblich friedliches Land am Friedensgedenktag Wehrübungen einführt, ging dann vielen Bürgern und vor allem den betroffenen Schülern doch zu weit. Als stiller Protest sollten Aufkleber gedruckt werden mit der Aufschrift: „Schwerter zu Pflugscharen“. Leider  war das nicht möglich, weil man für Aufkleber eine Druckgenehmigung brauchte.

Aber, es fand sich ein Weg. Es wurde ein Aufnäher aus Vlies-Stoff produzier. Das war möglich, weil Aufnäher als Textilveredelung galten und erlaubt waren. Die Bürokratie lässt grüßen. Auf dem Aufnäher stand das Bibelwort und darauf war ein Bild eben jenes Denkmals abgebildet, das ein russischer Künstler im Auftrag der Sowjetunion gestaltet hatte. Die wurden also hergestellt und gekauft und als stiller Protest auf die Wehranzüge genäht: „Schwerter zu Pflugscharen“. Unser heutiger Predigttext auf dem Gewand der Jugend! (siehe Bild zu diesem Beitrag)

Als das überhandnahm kam es zu Gegenmaßnahmen. Das war aber gar nicht so einfach. Denn die Jugendlichen sagten frech: „Wieso ist das verboten? Das zeigt doch ein Denkmal unserer sowjetischen Freunde?“ Schließlich verzichtete man auf Strafen und ließ den Aufnäher einfach aus der Uniform schneiden. Fortan erkannten sich alle jungen Revoluzzer daran, dass sie an ihrem Gewand ein rundes Loch hatten. Dieses trugen sie mit Stolz! Damit war man cool. Und obwohl die Aufschrift weg war, wusste jeder, was dort hingehörte.

Schwerter zu Pflugscharen!

Noch einen aktuellen Bezug zu diesem Bibelwort habe ich gefunden. 2009 wurde Barack Obama erstmals als Präsident der USA angelobt. Im Rahmen dieser Angelobung wird auch immer ein Gebet gesprochen. An diesem Tag kam im Gebet unter anderem folgende Zeile vor: „Hilf uns, Gott, auf den Tag hinzuarbeiten, an dem Nationen nicht mehr ihre Schwerter gegeneinander erheben, wenn Panzer zu Traktoren umgebaut werden…“ Panzer zu Traktoren, also die moderne Version unseres biblischen Gedankens.

Dieses Bibelwort datieren wir so ungefähr 600 vor Christus. Es ist bis heute aktuell. Leider. Bis heute werden Waffen produziert und vor allem auch benutzt. Und in den Ländern, in denen Waffen sprechen, veröden die Äcker und verhungern die Menschen. Heute wie damals. Es ist also traurig, aber wahr, dass unsere heutige Bibelstelle aktuell ist seit eh und je. Sie spricht eine Sehnsucht an, die wir alle in uns tragen sollten: Die Sehnsucht nach Frieden.

Doch viele haben diese Sehnsucht gar nicht mehr. Gut, Frieden will jeder. Aber bei manchen ist die Sehnsucht nach Frieden erkaltet und zu einem Gefühl der Hilflosigkeit geworden: „Ich kann da eh nichts tun.“ Und aus der Hilflosigkeit wird dann manchmal eine Gleichgültigkeit: „Geht mich nichts an.“ Und wenn das viele denken, dann stellt sich den Kriegstreibern nichts mehr in den Weg und sie können munter weiterkriegen.

Die jungen Menschen in der DDR mit ihren Aufnähern, die haben geträumt, gehofft, sich dazu bekannt und waren bereit Ärger auf sich zu nehmen. Wir, heute, wir sind das weniger. Der Krieg ist weit weg und wir sind das Wegschauen gewohnt. Wie gab es doch in den 60-er Jahren Friedensmärsche und -gebete und -demonstrationen wegen eines Krieges in Vietnam. Da haben sich Menschen empört und haben demonstriert auch bei uns, wo wir in Österreich doch gar nichts damit zu tun hatten.

Und heute sind die Kriege viel näher, flüchten deren Opfer bis zu uns und doch ist der Einsatz für den Frieden viel geringer.

Vielleicht eben deshalb: Weil wir das Hoffen aufgegeben haben, weil das Gefühl „es bringt eh nichts“ stärker geworden ist.

Die Gleichgültigkeit ist aber eine Gefahr, die es zu bekämpfen gilt. Die Gleichgültigkeit muss man mit Hoffnung besiegen. Das will Jesaja. Er will, in seinem konkreten Fall den Israeliten, die Hoffnung wiedergeben. Es ist vieles im Argen, aber mit eurer und mit Gottes Anstrengung kann auch ein vom Krieg zerstörtes Land wieder erblühen.

Sie brauchen nur Österreich anschauen. Nach dem Krieg am Boden, viele sahen keine Zukunft und wollten in die USA auswandern oder sind auch ausgewandert. Und heute? Heute zählen wir sogar knapp vor der USA zu einem der reichsten Länder der Welt. Bei uns war es so, dass Waffen eingestampft und Traktoren erbaut wurden. In den Werken von Steyr‑Daimler‑Puch wurden im Krieg Waffen produziert. Danach kamen die Traktoren, die unserer Landwirtschaft wieder auf die Beine geholfen haben. Es ist keine leere Vision, die Jesaja da anspricht. Es ist immer möglich, auch heute, auch in Syrien, auch im Irak.

Es braucht Hilfe. Es braucht die Hoffnung im Inland wie im Ausland, dass so etwas möglich ist.

Ein anderer Hoffender, ganz im Sinne Jesajas, war Erzbischof Camara in Brasilien. Seine Besuche in den Elendsvierteln von Rio, seine Bemühungen, annehmbare Wohnbedingungen für die Armen zu schaffen, und seine Fernsehpredigten machten ihn populär. 1956 initiierte er eine Kampagne  in Rio de Janeiro, bestimmt für die Lösung der Probleme der Elendsviertelbewohner. 1959 gründete er eine Vorsorgebank, die sich speziell mit der Elendsfrage beschäftigte.

Außerdem hat Bischof Camara einen Satz geprägt, der ganz oft zitiert wird. Er hat gesagt „Wenn einer allein träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, ist das der Anfang einer neuen Wirklichkeit.“

Dazu möchte Jesaja die Menschen aller Zeiten führen: Wieder zu träumen, gemeinsam den Traum vom Frieden zu träumen, und ihn dadurch unter sich anbrechen zu lassen. Er möchte, dass die Menschen die Hoffnung zurückgewinnen. Und gerade wir sollten ja voller Hoffnung und Zuversicht sein. Wir, die wir das Wiederaufstehen unseres Landes nach dem Krieg erlebt haben. Aus Siebenbürgen kamen die Bewohner der Rosenau mit nichts und konnten hier neu anfangen. Wir haben es erlebt, was möglich ist: Mit Hoffnung, mit Gottvertrauen, natürlich auch mit viel Fleiß und Entbehrungen.

Das Wort von Jesaja ist universell: Überall ist solches möglich. Wenn wieder Schwerter zu Pflugscharen und Waffen zu Werkzeug umgeschmiedet werden. Um die Hoffnung geht es Jesaja.

Gerade wir sind ja ein wenig müde geworden in unserem Hoffen. Das Hoffen weicht dem Gefühl, eh nichts tun zu können. Und dieses Gefühl wandelt sich manchmal weiter in „Gleichgültigkeit“. „Ich kann nichts tun, geht mich nichts an, lasst mich damit in Ruhe.“

Und genau dagegen möchte Jesaja uns ermuntern. Er ruft uns zu: „Glaubt an das Gute. Glaubt, dass sich die Welt verändern kann. Glaubt – und tut was dafür.“ Für euch will Gott die Welt verbessern, aber eben auch mit euch.

Diese heutige Predigt ist erfolgreich, wenn Sie ein Stück Zuversicht mitnehmen. Wenn Sie heimgehen und sagen: „Ja, der alte Jesaja hat eigentlich recht. Ich will versuchen, nicht immer nur die Probleme zu sehen. Kriege kommen, aber sie enden auch wieder. Probleme entstehen, aber sie können auch wieder gelöst werden.“

Die DDR, mit der ich diese Predigt begonnen habe, ist Geschichte. Überlebt hat sie das Bibelwort, das schon Jahrtausende davor gegolten hat. Die Verheißung: Gott „weist die Völker zurecht und schlichtet ihren Streit. Dann schmieden sie aus ihren Schwertern Pflugscharen und aus ihren Speerspitzen Winzermesser. Kein Volk wird mehr das andere angreifen.“

Amen.