Beten ist wie Singen, Predigt vom 29. Dezember 2013

Beten ist wie Singen, Predigt vom 29. Dezember 2013

Predigt vom 29. Dezember 2013, Pfarrer Fraiss:

Lk 11

9 Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.

10 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

11 Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete?

12 Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete?

13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

 

Liebe Gemeinde!

Ich habe beim Gottesdienst in der Weihnachtsnacht davon gesprochen, dass viele Menschen in der heutigen Zeit eine große Sehnsucht nach dem Heiligen in sich tragen. Sie wollen Weihnachten auch spirituell feiern, sie wollen von Gott hören.

Das haben mir in Gesprächen nach der Predigt etliche Leute bestätigt. Es gibt diese Sehnsucht nach dem Heiligen.

Eine ältere Dame hat mir erzählt, wenn die Kinder und Enkel alle zu ihr kommen, dann macht sie zu Weihnachten immer so eine Viertelstunde Andacht. Zwei Lieder, ein Bibelwort und ein Gebet aus einem alten Gebetsbuch. Und die Kinder und Enkerl, die nie in die Kirche gehen, machen mit und genießen es. Sie brauchen das. Daheim, bei sich, haben sie es nicht.

Warum nicht? Warum sehnen sich so viele Menschen nach Spiritualität, nach Glauben, aber so wenigen gelingt es, es in ihrem Leben auch zu praktizieren?

Ich glaube, dass mit der Andacht und dem Beten, das ist wie beim Singen. Im Grunde ist Singen ja ganz leicht. Wenn einer sagt, er könne nicht singen, dann kann man ihm frech antworten: „Wer atmen kann, der kann auch singen – du musst nur die Luft über die Stimmbänder laufen lassen.“

Ganz so einfach ist es natürlich nicht, aber es stimmt schon. Im Grunde kann jeder singen. Vielleicht nicht ganz perfekt. Nicht jeder Ton sitzt. In unserer Welt, wo alles immer perfekter wird, wird das schon als Makel empfunden. Es wird heute leider viel weniger gesungen als früher. Viele Menschen singen überhaupt nicht mehr. Man merkt das ja auch bei den Konfirmanden. Die tun beim Gottesdienstgesang den Mund nicht auf. Singen? Peinlich!

Und wer dann also nie singt, der verlernt es zwar nicht, aber der wird ängstlich, der traut sich nicht mehr, der kann fast keine Lieder mehr.

Und dann passiert folgendes: Es fühlt sich für einen selber komisch an, wenn man dann doch mal singt. Da ist man unsicher, singt mit leisem Stimmchen – und dann kommt es einem selbst und anderen komisch vor. Und man singt lieber gar nicht mehr. Genau das passiert, wenn man nur ein Mal im Jahr zu Weihnachten singen möchte. Dann lässt man es meistens bald ganz bleiben. Nicht, weil man nicht singen möchte, sondern weil es einfach nicht mehr passt.

Ähnlich geht es vielen jungen Menschen heute auch mit dem Beten und einer kurzen Andacht. Beten kann nun wirklich jeder – das ist noch leichter als singen. Wer denken kann, der kann auch beten. Ich sage immer: „Man kann beim Beten nichts falsch machen, egal ob man leise oder laut redet, stottert, eine falsche Grammatik hat. Man kann beim Beten nur eine einzige Sache falsch machen: dass man es nicht ehrlich meint.“ Aber wenn es jemand nie tut, dann kommt es ihm komisch vor, wenn er dann ein Mal im Jahr doch betet. Und dann lässt man es lieber ganz weg. Wie beim Singen. Und damit verliert man das Heilige, das Spirituelle vollends aus seinem Leben. Obwohl man eigentlich eine Sehnsucht danach hat. Obwohl man es eigentlich gerne täte und erlebte.

Ich bin da selber ein gutes Beispiel dafür. Bei mir beim Singen. Ich habe Musik sehr gerne. Da in meiner Familie aber nie gesungen wurde, habe ich immer geglaubt, ich könne es nicht. Ich bin auch wirklich nicht gut. In der Volksschule hat mir die Lehrerin gesagt, ich solle nach Möglichkeit nur leise mitsingen. Im Chor wäre ich völlig fehl am Platz, weil ich dauernd die falschen Töne erwische. Das heißt nun aber nicht, dass man nicht trotzdem singen kann. Gerade so Leute wie ich, die gar nie gesungen haben, haben ja viel Raum nach oben. Wir können ja tolle Fortschritte machen. Ein Sänger kann von 95% Prozent Perfektion mit viel Üben auf 96% Perfektion kommen. Ich habe es in kurzer Zeit von 0% Singen ganz passabel singen gebracht. Beachtlicher Fortschritt! Ein ungeübter Sänger macht natürlich viel schneller viel größere Fortschritte als jemand, der schon gut ist. Da hat man schnell Erfolgserlebnisse.

So ist es auch mit dem Beten, mit der Andacht. Man muss sich drüber wagen, auch wenn es sich am Anfang ein wenig komisch anfühlt. Und dann macht man ganz schnell ganz tolle Fortschritte.

Ich habe singen im Altenheim in Lenzing gelernt. Sie müssen sich das dort vorstellen. Dort, beim Gottesdienst, sind ich und 10 ältere Damen. Manche können nicht mehr singen, andere können das Liedblatt nicht mehr lesen, und ein paar singen leise mit. Da gibt es kein Verstecken. Entweder ich singe laut, oder niemand singt.

Und siehe da, es geht. Es geht nicht immer gut. Manchmal stimme ich ein Lied zu hoch an, dann breche ich es halt wieder ab und beginne etwas tiefer. Hin und wieder erwische ich auch die Melodie nicht. Dann lasse ich das Lied eben aus. Es ist mir, glaube ich, niemand böse, weil ich ja wirklich mein Bestes gebe.

Früher habe ich mich nicht singen getraut, weil ich dachte: Da werden alle über mich lachen oder mich komisch anschauen. Aber dieses Schämen ist ja nur eine Sache in meinem Kopf. Den anderen ist das ja in Wirklichkeit egal. Keiner ist böse, wenn man etwas nicht gut kann. Es ist doch, im Gegenteil, eher mutig, trotzdem zu singen. Wir brauchen ja nicht glauben, dass die anderen uns auslachen. Wir müssen uns nur trauen, dann geht es. Und mit ein bisschen Übung klingt es dann bei jedem und jeder ganz gut.

Und so ist es auch mit dem Gebet und einer Andacht am Weihnachtstag oder an jedem anderen Tag im Jahr. Wir müssen es nur ab und an probieren. Und dann spüren wir schon, wie es gut geht. Dann merken wir schon, wie gut es uns tut.

Menschen sehnen sich heute nach dem Heiligen. Sie sehnen sich danach und scheitern zugleich daran, selber andächtig, betend zu werden. Dabei ist das gar nicht so schwer. Man muss nur mal über seinen Schatten springen. Aber das sollte man ja sowieso öfters im Leben machen.

Jesus, in unserem Predigtwort, hat das, worüber ich nun schon so lange rede, ganz einfach formuliert: „Suchet, so werdet ihr finden.“ Wenn ihr wirklich nach Spiritualität, nach dem Heiligen sucht, dann werdet ihr es schon finden. Ihr müsst halt nur wirklich suchen und was tun – und nicht nur milde beklagen, dass es nicht da ist. Oder, um das Jesuswort umzuformulieren. Nicht suchet, sondern versuchet es, und ihr werdet es finden!

Gott versteckt sich nicht. Er will sich finden lassen. Aber einen kleinen Schritt zu ihm hin müssen wir schon selber tun. So wie Sie heute an diesem Sonntag zwischen Weihnachten und Silvester; Sie haben den Schritt in die Kirche getan. Das ist gut. Das tut, hoffe ich, gut.

Es lässt sich hier in der Kirche leicht reden, dass die Menschen spiritueller werden sollen. Vielleicht sollten wir den Leuten mehr dabei helfen. Ich möchte nächsten Advent eine Handreichung auflegen oder im Kirchenboten schreiben, wie Familien eine kleine Andacht am Weihnachtstag gestalten können. Denn hier braucht es keine mahnenden Worte in einer Predigt, hier braucht es einfach Hilfe und Ermunterung.

So hat es ja auch Gott gemacht. Er hat nicht Jesus in die Welt geschickt, und der hat dann die Menschen beschimpft, wie schlecht sie sind. Wäre durchaus eine Möglichkeit gewesen. Gott hat einen anderen Weg gewählt. In diesem Kind Jesus hat er von der Geburt an mit den Menschen gelebt und ihnen vorgelebt, wie er Leben versteht, wie Leben gelingen kann.

Wir alle hier können unserer Familie dabei helfen, das Heilige zu entdecken. Wir dürfen es unseren Mitmenschen nicht aufdrängen oder aufzwingen. Aber so kleine Rituale können der Familie schon eine große Hilfe sein. Ich kann so kleine Rituale anbieten, eine Kerze aufstellen, mal darüber reden, wofür wir dankbar sind, Stille erleben, ein kurzes Gebet sprechen, was auch immer.

Nicht die Leute belehren, aber sie einladen, mitzumachen. So wie Jesus es getan hat. Und dann kann man den anderen eine große Hilfe sein auf ihrem Weg zum Glauben.

Amen.