Bringt mich pünktlich zum Altar

Bringt mich pünktlich zum Altar

Predigt zum Ostersonntag 2015 in der Evang. Gnadenkirche Rosenau, Pfr. Roman Fraiss. 

Liebe Gemeinde!

Kennen Sie das Musical „My Fair Lady“? Das Musical basiert auf dem Theaterstück Pygmalion von George Bernhard Shaw. Darin kommt eine etwas komische Person vor: Alfred P. Doolittle. Wie alle komischen Personen gibt es zwei Sichtweisen. Die einen sagen, er ist ein Lebenskünstler, fast schon ein Philosoph. Die anderen sagen er ist ein Gsindl, arbeitsscheu und nützt die Menschen aus. Seinen Freunden ist er ein Held. Für seine Tochter ist er wohl das Gegenteil. Wie auch immer: Jeder Mensch hat Licht- und Schattenseiten. Ich möchte Ihnen heute diesen Doolittle als Beispiel vorstellen und an ihm ein paar Fragen rund um Ostern erläutern.

Gleich zu Beginn singt er ein Lied, das zeigen soll, wie sein Charakter so aussieht. Ich zitiere zwei Strophen:

„Der Herrgott macht den Männerarm wie Eisen, dass er im Schweiß schafft ohne Rast und Ruh – doch, mit einem kleinen bisserl Glück, mit einem kleinen bisserl Glück, schwitzt ein anderer und du schaust nur zu.“

„Als braver Mann ernährst du deine Kinder, und diese Pflicht ist unabänderlich – doch, mit einem kleinen bisserl Glück, mit einem kleinen bisserl Glück, hast du Kinder, die ernähren dich.“

Dieser Doolittle liebt die Frauen. Ich rede hier bewusst in der Mehrzahl. Heiraten ist für ihn der Untergang seiner Welt.

Als ihm ein Professor 10 Pfund schenken will, lehnt er ab und bittet um weniger. Er sagt: Fünf Pfund kann ich ohne Gewissensbisse in einer Nacht versaufen. Bei 10 Pfund geht das nicht mehr. Da werde ich nachdenklich, was ich damit machen soll. Also schenken sie mir lieber Sorglosigkeit und geben sie mir nur 5 Pfund.

Er lebt sorglos und tut das, was ihm gefällt.

Doch eines Tages kommt, was kommen muss: Seine Hochzeit. Den Abend vor der Hochzeit eröffnet er mit dem Satz: „So viel Schnaps gibt’s auf derer Welt und so fesche Madeln, wie kann i des in der kurzen Zeit verkraften?“

Warum ich Ihnen das heute erzähle? Wegen genau diesem einen Satz. Weil ich glaube, dass viele von uns, viele Menschen der modernen, westlichen Welt diesen Satz im Unterbewusstsein denken. Wir denken: Mit dem Tod ist es aus. Es gibt aber so viel zu sehen und zu erleben in der Welt, wie soll ich das alles schaffen in den paar Jahren, die mir noch gegeben sind?

Denn das ist das Drama der Menschen, die nicht an Jesu Auferstehung glauben wollen. Da es für sie mit dem Tod keine Erlösung, keine Erfüllung ihrer Sehnsüchte mehr gibt, deshalb müssen sie alles im Leben erfahren: Erlösung, Erfüllung, Glückseligkeit. Das ist ein großer Druck, wenn ich im Leben alles probieren muss, wenn mein Lebensziel heißt: Glücklich sein. Denn wer das im Leben nicht erreicht, kriegt es nie, hat versagt.

Das sind die Probleme vieler Menschen heute.

  • Sie werden unruhig. Sie haben eine Art Freizeitstress. Denn wie soll ich alles das alles schaffen und erleben mit dem wenigen Geld und der wenigen Zeit, die ich habe?
  • Und wenn mein Ziel ist: Glücklich sein. Was ist dann, wenn es mir nicht gelingt? Was ist, wenn ich krank werde? Ist dann mein Leben verloren, wertlos, verschwendet?

Sie merken: Hinter diesem einfachen Satz von Doolittle steht die große Frage nach dem Sinn des Lebens! Ist das Leben ein Leben nur auf dieser Welt – wie ungerecht und hart und erbarmungslos ist es dann für manche! Wie glücklich sind dann die Reichen und Schönen, und wie blöd dran alle anderen. Haben dann die Glücklichen ihr Ziel erreicht und die Leidenden sind die Versager?

…und in diese Frage hinein kommt Jesus. Und er zeigt uns und sagt uns: Ihr könnt lachen über den Tod. Ihr könnt lachen über die Leute, die den Tod für das letzte Ende halten. Ihr könnt lachen, weil der Tod vielleicht wie eine letzte Wand ausschaut, aber in Wirklichkeit schlicht eine Tür ist. Eine Tür, die euch geöffnet wird.

Das müssen wir uns, liebe Gemeinde, viel öfter bewusst machen. Denn die Frage, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, ist nicht nur eine Frage, die sich uns am Ende des Lebens stellt. Sie hat auch mitten in unserem Leben Relevanz. Denn sie beeinflusst, wie wir über unser Leben denken.  Sie beeinflusst auch, wie wir unser Leben leben. Müssen wir möglichst alles möglichst schnell ausprobieren, um dem Leben gerecht zu werden? „So viel Schnaps gibt’s auf derer Welt und so fesche Madeln, wie kann i des in der kurzen Zeit verkraften?“  Das ist keine gesunde Einstellung. Das führt uns nicht zu innerem Frieden, sondern im Gegenteil zu innerer Unruhe.
Oder dürfen wir vertrauen, dass es weitergeht. Darf ich mich auf wenige Sachen konzentrieren, auf wenige Menschen, auf meine Arbeit, auf das, was mir wichtig ist – weil ich weiß: Die Erfüllung des Lebens muss ich mir nichts selbst erarbeiten. Sie ist mir geschenkt.

Liebe Gemeinde: Das ist das Geheimnis von Ostern! Ich muss nicht alles erreichen und schaffen und haben. Denn das Größte, das hat uns Jesus geschenkt. Den Schlüssel zu diesem letzten Tor. Es geht auf. Es eröffnet uns einen neuen Weg. Das ist Ostern!

Zurück zu unserem Alfred P. Doolittle. Er lebt von Tag zu Tag. Er mag sein Leben wie es ist. Er fürchtet sich vor Veränderung. „Ich bin so, wie ich lebe, zufrieden“, sagt er sich. „Warum sollte ich etwas ändern?“ Auf die Idee, dass es durch eine Änderung auch besser werden kann – dieser Gedanke kommt ihm nicht.

Auch wir leben unser Leben so dahin. Tun unser Bestes. Vielleicht ginge es aber auch anders? Vielleicht könnten wir etwas ändern – und dann wird es noch besser, erfüllter?

Doolittles Leben ändert sich in der Geschichte. Er kommt zu Geld und fügt sich in sein Schicksal und heiratet. Irgendwie will er es und irgendwie hat er auch Angst davor, dass sich jetzt alles ändert. Und dann singt er das Lied, dessen Anfang ich schon mehrmals zitiert habe: „So viel Schnaps gibt’s auf derer Welt und so fesche Madeln, wie kann i des in der kurzen Zeit verkraften?“ An dieser Stelle setzen bezeichnender Weise die Kirchenglocken ein. Sie erinnern ihn daran: Es geht auch anders. Es ist auch anders gut. Die Kirchenglocken läuten ihm den Weg.

Dafür ist die Kirche da. Die Glocken in unserem Kopf läuten zu lassen und uns aufmerksam zu machen – Achtung: Es gibt noch mehr! Achtung: Schaue auf Gott! Achtung: Überdenke dein Leben!

Dafür ist Kirche da. Euch immer wieder daran zu erinnern, welche frohe Botschaft uns geschenkt ist: Es gibt ein Leben nach dem Tod!

Als ich letztens beim Zahnarzt war, war ich schnell fertig, weil er – Gott sei Dank – nichts gefunden hat. Da habe ich gesagt: „Heute haben sie kein Geschäft mit mir gemacht.“ Da hat er zu mir gesagt: „Bei mir, Herr Pfarrer, ist es wie bei ihnen. Irgendwann kommen sie alle!“

Ich hoffe, es ist so. Ich hoffe, dass viele Menschen irgendwann diese Glocken in sich läuten hören. Dass die Menschen irgendwann in ihrem Leben nachdenken und erkennen: Da gibt es Gott. Er hat einen Weg für mich. Ich muss etwas ändern und mich Gott zuwenden. Wer auf Gott vertraut, der ist befreit davon, alles erreichen und schaffen zu müssen im Leben. Wer auf Gott vertraut, der hat Sinn auch in Krankheiten und in Problemen. Wer auf Gott vertraut, heißt es in einem unserer schönsten Kirchenlieder, der hat auf keinen Sand gebaut.

Alfred P. Doolitte singt also sein Lied: Bringt mich pünktlich zum Altar. Ja, er trauert seinem alten Leben nach. Ich glaube, aber, tief in sich weiß er, dass es der richtige Weg ist, der bessere Weg. Er lässt das alte Leben hinter sich. Man merkt im Verlauf des Liedes, dass er eigentlich schon ganz gerne heiratet. Deshalb singt er auch:

„Wenn ich davon flieg, schießt’s in die Luft.
wenn ich dann hin bin kratzt mi aus der Gruft.
Denn heute Morgen hab ich Hochzeit,
Ding dong! Bald bimmelt‘s wunderbar.
Reibt mich mit Schnee ein,
setzt die Armee ein,
Gott helf euch, bringt mich pünktlich zum Altar.“

Und ein bisschen von dieser Einstellung würde ich mir für uns wünschen. Dass auch wir in der Tiefe unseres Herzens wissen: So sehr das Leben hier uns auch in seinen Bann zieht, es gibt noch was anderes. So sehr wir beschäftigt und abgelenkt sind, dass wir doch die Kirchenglocken hören, die uns zurufen. Dass auch wir zu unseren Freunden sagen: Auch wenn ich in der Früh im Bett lieg und nicht mag, dann reibt’s mich halt mit Schnee ein, setzt die Armee ein, aber bringt mich wieder mal zur Kirche. Ich weiß, im Grunde meiner Seele weiß ich es, ich brauch’s.

Amen.