Den Glauben bekennen (Predigt über Phil 3, 7-11)

Den Glauben bekennen (Predigt über Phil 3, 7-11)

Predigt vom 31. Juli 2016 über Phil 3, 7-11.

7 Aber dies alles, was mir früher als Vorteil erschien, habe ich durch Christus als Nachteil erkannt.

8 Ich betrachte überhaupt alles als Verlust im Vergleich mit dem überwältigenden Gewinn, dass ich Jesus Christus als meinen Herrn kenne. Durch ihn hat für mich alles andere seinen Wert verloren, ja, ich halte es für bloßen Dreck. Nur noch Christus besitzt für mich einen Wert.

9 Zu ihm möchte ich um jeden Preis gehören. Deshalb will ich nicht mehr durch mein eigenes Tun vor Gott als gerecht bestehen. Ich suche nicht meine eigene Gerechtigkeit, die aus der Befolgung des Gesetzes kommt, sondern die Gerechtigkeit, die von Gott kommt und denen geschenkt wird, die glauben. Ich möchte vor Gott als gerecht bestehen, indem ich mich in vertrauendem Glauben auf das verlasse, was er durch Christus für mich getan hat.

10 Ich möchte nichts anderes mehr kennen als Christus: Ich möchte die Kraft seiner Auferstehung erfahren, ich möchte sein Leiden mit ihm teilen. Mit ihm gleich geworden in seinem Tod,

11 hoffe ich auch, zur Auferstehung der Toten zu gelangen.

Liebe Gemeinde

Wir haben gerade ein Glaubensbekenntnis gehört. Eines von Paulus. Ein persönliches Bekenntnis. Ein sehr leidenschaftliches Bekenntnis von Paulus.

Und gerade seine Leidenschaft und seine Sicherheit im Glauben stellt mir beim Lesen eine Frage. Diese Bibelstelle fragt mich: „Roman, wie steht es mit deinem Bekenntnis? Kannst du so leidenschaftlich ‚Ja‘ zu Gott sagen wie Paulus?“ Die Antwort ist mir leider klar: Ich kann es nicht. Ich sage nicht „Ja“ zu Gott, ich sage eher „Ja, schon“ und manchmal „Ja, aber.“

Ja, ich glaube an Gott, aber manches ist schon schwer zu verstehen. Manches Leid lässt mich doch zweifeln. Wenn mir jemand erklärt, warum er nicht glauben kann, dann kann ich das schon nachvollziehen.

Ich tue mir schwer, so klar zu bekennen. Wie geht es Ihnen? Was antworten Sie, wenn die Bibelstelle Sie nach Ihrem Bekenntnis fragt? Können Sie, so wie Paulus, bedingungslos „Ja“ zu Jesus sagen? Oder wird es auch bei Ihnen ein „Ja, schon irgendwie“, ein „Ja, aber“ oder das oberösterreichische „Ja, eh“. Das gibt es ja sogar in zwei Varianten: „Ja, eh“ [das eh langgezogen und Stimme runter] und „Ja, eh“ [kurz und Stimme rauf].

Es ist interessant, wenn man sich die Geschichte unserer Bekenntnisse ansieht. Denn die ersten Christen hatten ein ganz einfaches Bekenntnis: „Jesus Christus ist der Herr“. Mehr war ihnen nicht nötig. Da wären die Konfirmanden froh, wenn sie nur diesen einen Satz lernen müssten und nicht das ganze, lange, sperrige apostolische Glaubensbekenntnis. Denn bei diesem einen Satz ist es nicht geblieben. Bald schon wurde es um die Dreieinigkeit erweitert: „Ich glaube an Gott Vater, an Jesus, an den Heiligen Geist.“

In den folgenden Jahrzehnten begannen dann die ersten theologischen Streitigkeiten. Wie hängen Jesus und Gott zusammen? Ist Jesus mehr Mensch oder mehr Gott? Und nach jedem Streit wurde ein Satz an das Glaubensbekenntnis drangehängt. Ein Satz, um die „Ungläubigen“ auszuschließen. Und so kam es dann 381 in Konstantinopel zum Nicänischen Glaubensbekenntnis, das bis heute so gut wie alle Kirchen bekennen.

Kam das erste Bekenntnis noch mit 5 Wörtern aus, so hat das aktuelle Bekenntnis 213 Wörter. Weil das dann zu viel war, entstand im 5. Jahrhundert eine Kurzform davon. Und zwar das apostolische Glaubensbekenntnis, das wir auch heute schon gesprochen haben. Das kommt aus mit immerhin nur 104 Wörtern.

Evangelische und Katholische berufen sich übrigens einmütig auf diese beiden Bekenntnisse. Dass wir heute trotzdem ein Wort Unterschied haben, das liegt an der Übersetzung. Im griechischen Original steht das Wort „katholikae“. Das heißt eigentlich, wörtlich übersetzt „allgemein“. Die „allgemeine Kirche“ also. Und dieses Wort haben die Katholischen extra übersetzt mit „katholisch“ und wir nicht minder extra mit „christlich“.

Aber aus meiner Erfahrung heraus gibt es aber einen viel auffälligeren Unterschied. Wissen Sie welchen? Das Tempo. Die Katholischen sind gewohnt, es schneller zu sprechen. Jede Konfession hat offenbar ihren eigenen Rhythmus. Das fällt bei Begräbnissen besonders auf, wenn ich extra laut reden muss, weil mir sonst die Gemeinde davonzieht.

Jetzt wieder zurück zum Thema. Unser Bekenntnis entstand also eigentlich als Abgrenzung gegen Irrlehren. Es wurde zu einer Aufzählung von Sachverhalten, die man zu glauben hat. Oder zumindest, denen man nicht widersprechen darf.

Deshalb ist unser Glaubensbekenntnis so sperrig. Da geht es gar nicht darum, sich lustvoll zu einem liebenden Gott zu bekennen. Da geht es mehr darum aufzuzählen, welche theologische Lehrmeinung man zu teilen hat.

Die katholische und die orthodoxe Kirche haben sich nebst anderen Gründen auch wegen eines einzigen Wortes im Glaubensbekenntnis getrennt. Das war im Jahr 1054. Die Orthodoxen sagen, der Heilige Geist ist hervorgegangen aus Gott. Die Katholischen (und in der Folge auch wir) lehren, er sei hervorgegangen aus Gott – und Jesus. Nur ein Wort Unterschied – und zwei Kirchen entstehen.

Wie anders, wie viel ehrlicher und freier klingt da das Bekenntnis des Paulus aus unserem Predigtwort. Auch wir sollten wieder üben, uns zu Gott zu bekennen. Einerseits vor anderen. Aber auch vor uns selber. Sich selber einmal überlegen und vorsagen, was Gott für mich ist. In lustvolleren Worte vielleicht, als den 104 Worten unseres Glaubensbekenntnisses.

Alle Presbyter und alle Gemeindevertreter haben sich am Beginn ihrer Funktion zu Gott zu bekennen. Da gibt es eine wunderbare Formulierung, die alle sprechen. Sie hängt zusammen mit unserem Bibelwort. Sie sagen: „Ich gelobe daran mitzuwirken, dass die Kirche an dem wachse, der ihr Haupt ist: Jesus Christus.“

Wir bekennen das. Und die Gemeinde bekennt jeden Sonntag. Und doch ist alles das noch weit davon entfernt, wie Paulus schwärmt von dem, was Jesus an ihm getan hat.

Ich möchte an dieser Stelle zu meiner und vielleicht auch zu Ihrer Entlastung eine andere Bibelstelle anführen: Eph 28. Da heißt es: „Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.“

Der Glaube, die Fähigkeit zum Glauben, ist also nicht unsere Leistung. Sie ist ein Geschenk. Ein Geschenk, von dem manche mehr haben und andere nicht ganz so viel. Aber das ist gut so und das soll so sein. Es braucht Menschen, die überzeugt sind. Es braucht aber auch Menschen, die einen kritischen Geist haben, und falsche Entwicklungen hinterfragen können. Die Kirchengeschichte ist voll davon. Menschen, die stur ihren Glauben geglaubt und vertreten haben. Und anderen, die das hinterfragt haben. Da sind dann Streitereien entstanden, aber auch Reformen und Korrekturen. Blinder Gehorsam ist im Glauben nicht gefragt. Unkritisches Bekennen ist im Glauben nicht gefragt.

Wir sehen das in unseren Tagen, wohin blinder Glaube und Fanatismus führen können. Ich glaube, das hat Gott ganz bewusst und ganz richtig so eingerichtet. Dass manche mit tiefem Glauben als gute Beispiele vorangehen. Dass aber auch manche kritisch bleiben. Sie können dort korrigieren, wo Menschen ihren Glauben über den der anderen erheben und ihn versuchen aufzuzwingen. Denn das ist auf jeden Fall falsch.

Glaube kann und darf ich nur mit Worten und mit dem Herzen verbreiten. Nicht mit dem Schwert. Schon Jesus hat gesagt: „Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen.“

Deshalb ist beides wichtig für unsere Kirchen: Menschen mit festem Glauben und Menschen, die auch mal hinterfragen, die nicht alles gleich glauben können.

Trotzdem können wir uns nicht ausreden darauf: „Ach, ich habe halt zu wenig Glauben, hat mir Gott nicht geschenkt. Ist er schuld.“ So einfach können wir uns dann doch nicht abputzen. Denn, wie heißt es so schön in der Bibel: „Sucht, und ihr werdet finden. Klopft an, und euch wird aufgetan.“

Wir sollen Glauben suchen, aber wir werden finden. Oder anders gesagt: Der Glaube wird uns finden, wir bekommen ihn geschenkt. Nur suchen müssen wir manchmal schon selber und manchmal auch eine längere Zeit.

Aber es hilft Suchenden, wenn andere von ihrem Glauben reden, ihn bekennen. Bekennen vielleicht nicht nur in den kurzen 104 oder längeren 213 Worten unserer Bekenntnisse. Bekennen vielleicht auch mal in eigenen Worten und vielleicht mit so einer tiefen Freude an Gott, wie sie Paulus heute mit uns geteilt hat.

 Amen.