Den Sonntag heiligen - aber wie? (Predigt vom 13. Oktober)

Den Sonntag heiligen – aber wie? (Predigt vom 13. Oktober)

Predigt von Pfarrer Fraiss vom 13. Oktober 2013, Gnadenkirche Rosenau 

Predigttext: Mk 2, 23-28

23 An einem Sabbat ging Jesus durch die Felder. Seine Jünger fingen unterwegs an, Ähren abzureißen und die Körner zu essen.

24 Die Pharisäer sagten zu Jesus: »Da sieh dir an, was sie tun! Das ist nach dem Gesetz am Sabbat verboten!«

25 Jesus antwortete ihnen: »Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er und seine Männer hungrig waren und etwas zu essen brauchten?

26 Er ging in das Haus Gottes und aß von den geweihten Broten, damals, als Abjatar Oberster Priester war. Nach dem Gesetz dürfen doch nur die Priester dieses Brot essen – und trotzdem aß David davon und gab es auch seinen Begleitern!«

27 Jesus fügte hinzu: »Gott hat den Sabbat für den Menschen geschaffen, nicht den Menschen für den Sabbat.

28 Also ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat; er hat zu bestimmen, was an diesem Tag getan werden darf.«

 

Liebe Gemeinde!

Diese Bibelstelle eignet sich wunderbar, um wieder mal über die dummen Pharisäer zu schimpfen und zu zeigen, um wie viel klüger Jesus ist. Aber Vorsicht! Aus heutiger Sicht, aus der Sicht eines Menschen des Jahres 2013, muss ich fast sagen: Ich stehe hier ausnahmsweise auf der Seite der Pharisäer. Ein bisschen zumindest.

Denn bevor wir uns dem Streit zwischen Jesus und den Pharisäern widmen – davor müssen wir eine Sache überlegen: Was ist das, dieser Sabbat, um den es da geht?
Sabbat, das wissen Sie, ist der Samstag, ist der Ruhetag der Juden. So wie die Christen sich den Sonntag gewählt haben, so hatten die Juden immer schon den Sabbat. Der Sabbat dauert von Freitag Sonnenuntergang bis Samstag Sonnenuntergang. Und jetzt das Wichtige: Der Sabbat ist für die Juden mehr als der Sonntag für die Christen. Der Sabbat ist nicht nur der freie Tag. Es ist viel mehr als bei uns wirklich ein Tag des Herrn. Der Tag, an dem sie von der Arbeit ruhen. Bei uns ist es ja so: Der Sonntag ist der Tag, an dem wir von der Erwerbsarbeit ruhen, von der Arbeit in der Firma. Aber der Sonntag hindert uns nicht daran, umso mehr daheim zu arbeiten.

Und bei uns zu behaupten, der Sonntag sei der Tag des Herrn, ist auch gewagt. Wie viele Menschen machen am Sonntag etwas, das mit ihrem „Herrn“ zu tun hat? Der Kirchenbesuch liegt in Österreich bei ungefähr 9% der Christen, egal ob den Evangelischen oder Katholischen. 9% gehen in die Kirche, und das auch nicht jeden Sonntag.

Im Judentum wird der Sabbat höher gehalten, wird in Israel deutlich ernster genommen als im christlichen Bereich der Sonntag. Das Christentum mit seiner nüchternen Logik hat gesagt: Gut, Gott ehren, das ist schon wichtig. Aber sobald man am Sonntag im Gottesdienst gewesen ist, ist eigentlich die Sonntagspflicht erfüllt. Gegen Hausarbeit und Nachbarschaftshilfe und kleine Arbeiten ist nichts einzuwenden. Um den Sonntag kämpfen heute mehr die Gewerkschaften als die Kirchen. Ist immerhin bemerkenswert!

Das Judentum ist von der Grundstruktur her anders als das Christentum. Es hängt mehr am Wortlaut, an den Regeln. Und die Regeln sind in den 10 Geboten klar vorgegeben. Wir haben das in der Lesung gehört. Da steht klipp und klar: „Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht der Fremdling, der in deiner Stadt lebt.“ Da gibt es eigentlich nicht viel dran rumzudeuten. Im Judentum geht es so weit, dass fromme Juden z.B. nicht fotografieren am Sabbat – ist eine Arbeit. Sie kochen kein Essen am Sabbat – das richten sie sich vorher her. Sie fahren nicht mit dem Auto am Sabbat – auch das gehört dazu. Sie gehen zwar innerhalb ihres Ortes Besuche machen, aber sie würden am Sabbat keine Wanderung unternehmen. Zählt auch zur Arbeit.

Immer wieder begegnet uns in der Bibel dieser Konflikt zwischen Jesus und den Pharisäern, die Gottes Regeln besonders wortgetreu befolgen wollen. Sie versuchen das wirklich im besten Glauben. Die Pharisäer sind fromm und wollen alles richtig machen. Das muss man ihnen zugutehalten. Auf der anderen Seite der Diskussion steht die Jesusgemeinde, die grob gesagt dem Leitsatz Jesu folgt: „Die Liebe steht über dem Gesetz.“ Also: Das blinde befolgen von Regeln allein macht dich noch nicht zu einem wertvollen, hilfreichen, guten Menschen.

Die Phariäser kritisieren Jesus, weil seine Jünger unterwegs, am Sabbat, Ähren abreißen, um sie zu essen. Das ist Arbeit am Sabbat, das ist gegen Gottes Gebot. „Du, Jesus, kannst kein Mann Gottes sein, wenn du seine Gebote offen brichst.“ Jesus antwortet in etwa so: „Seid nicht kleinlich! Die Regeln sind für die Menschen da, als Hilfe, als Richtschnur. Es ist nicht umgekehrt, dass der Sinn des Menschenlebens wäre, die Regeln zu befolgen.“ Ganz vernünftig, aus unserer Sicht, was Jesus hier sagt.

Trotzdem, ich habe es eingangs gesagt, bin ich hier ein Stück weit auf der Seite der Pharisäer. Denn es hat schon seine Berechtigung, dass sie hier den Sabbat einmahnen. Der Sabbatt, bei uns der Sonntag, muss verteidigt werden. Er muss verteidigt werden vor all der Arbeit, die ins Wochenende hinein wächst. Vor all der Arbeit, die wir uns selber aufhalsen. Verteidigt aber auch vor der Leere, der Langeweile, die manche Menschen an diesem Tag empfinden. Verteidigt vor allem auch vor der spirituellen Leere, davor, dass Gott keinen Raum an seinem Tag bekommt.

Als Jesus damals gesagt hat: „Gott hat den Sonntag für die Menschen geschaffen.“, hat er sicher nicht gemeint, wir sollen ihn so verbringen, wie der Durchschnittsösterreicher ihn heute verbringt. Da gibt es zwei Extreme.
Die einen arbeiten zu viel. Die erledigen all die Hausarbeit, zu der sie unter der Woche nicht gekommen sind. Die sitzen am Computer und bereiten noch schnell was für die Firma vor. Oder sie gehen gleich schwarz hackl’n.
Die anderen tun wiederum viel zu wenig. Die schlafen am Sonntag erst mal sehr lange, dann ein ausgiebiges Frühstück und am Nachmittag bleiben sie vor dem Fernseher.

Ist das gemeint, wenn Jesus sagt: Den Sabbat hat Gott für die Menschen geschaffen?

Ich kann die 10 Gebote nicht interpretieren, wie ich will. Ich kann ja auch nicht sagen: Du sollst nicht morden, aber ein bisserl quälen ist schon in Ordnung. So geht es ja nicht. Du sollst nicht ehebrechen ist geboten, aber ein bisserl rummachen ist schon in Ordnung. Ein bisserl Feiertag reicht schon.

Sie merken, worauf ich hinaus will. Auf eine Frage: Wie begehen wir den Tag des Herrn, den Sonntag. Ruhen wir von der Arbeit? Es muss ja nicht so streng sein wie bei strenggläubigen Juden, dass ich nicht fotografiere und nicht telefoniere. Und Sie, hier, haben ja auch schon mal gut begonnen, indem sie die Kirche besuchen. Aber gesamtgesellschaftlich sollten wir uns schon überlegen, wozu der Sonntag gut ist. Weil wenn ihn eh keiner mehr als Tag des Herrn feiert, dann können wir gleich die Sonntagsruhe beenden und den Sonntag zu einem normalen Werktag erklären. Warum nicht? Kann eh jeder auch an einem anderen Tag frei haben. Warum sollen die Geschäfte nicht am Sonntag geöffnet haben? Ja, warum eigentlich nicht? Es gibt eh genug Geschäfte die offen haben. Das Kaufhaus Freund in Schörfling, San Seba in Steindorf, der kleine Laden in der Dürnau. Warum nicht?

Warum nicht, wenn nicht aus dem alten Grund: Du, Mensch, sollst den Feiertag heiligen. Und zwar – und Jesus sagt es hier ganz modern. Du sollst den Feiertag nicht deshalb heiligen, weil es dir befohlen ist. Der Mensch ist nicht für das Gesetz gemacht. Du sollst den Feiertag heiligen, weil du ihn brauchst. Das Gesetz ist für den Menschen gemacht. Wir Menschen brauchen den Feiertag!

Und offenbar brauchen wir Vorschriften dafür, sonst halten wir den Feiertag nämlich nicht ein. Es schadet ja nicht Gott, wenn wir uns weigern, am Sonntag zu ruhen. Es schadet uns. Es schadet unserer Gesundheit, unseren Nerven, unserer Familie.

Ich nehme da ja die Kirche gar nicht aus. Was wir nicht alles an einem Sonntag veranstalten! Kirchweihfest und Flohmarkt und Sommerfest und Kirchenkaffee. Wir beanspruchen auch unsere Mitarbeiter. Aber achten wir auch genug darauf, dass unsere Mitarbeiter zu Zeiten der Ruhe, zu geistlicher Inspiration kommen?

Und so gesehen bin ich aus Sicht eines Menschen in 2013 auf der Seite der Pharisäer. Wir sollten nicht ganz so frei umgehen mit diesem dritten Gebot. Wir brauchen es, dass wir den Sonntag mehr ehren.

Aber wie ehre ich den Sonntag nun richtig? Luther hat das 3. Gebot im Kleinen Katechismus so erklärt: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir die Predigt und sein Wort nicht verachten, sondern es heilig halten, gerne hören und lernen.“ Also Gottesdienst sollte ein Teil des Sonntags sein. Und dann? Wie sollte er sonst aussehen, mein freier Tag?

Nachbarschaftshilfe, liegen gebliebene Hausarbeit, Renovierungsarbeiten, Ausschlafen mögen alle ihre Berechtigung haben – das darf auch an einem Sonntag sein – aber doch nicht an jedem Sonntag! Das ist der Punkt! Der Sonntag sollte weder zum Arbeitstag noch zum Zeittotschlagtag verkommen. Es darf Ausnahmen geben. Genau darum geht es ja Jesus. Aber die Ausnahmen dürfen nicht zur Regel werden. Ein Tag des Herrn, sollte der Sonntag sein, mit Gott, aber für dich. Ein Tag um das zu tun, was dir wirklich gut tut.

Amen.