Den Zerredern nicht auf den Leim gehen - Weihnachtspredigt

Den Zerredern nicht auf den Leim gehen – Weihnachtspredigt

Predigt von Pfarrer Fraiss zur Christmette 2016.
„Gehen wir denen, die alles zerreden, nicht auf den Leim“

 

Liebe Gemeinde!

Ich möchte heute über eine Spannung sprechen, die wir vielleicht alle ein bisschen erleben zu Weihnachten. Da ist auf der einen Seite die Sehnsucht nach einer Heiligen Nacht, nach dem Zauber von Weihnachten, nach dem tiefen Geheimnis des Glaubens. Und da sind auf der anderen Seite unsere Zweifel. Gibt es Gott? War das alles wirklich so? Kann man das noch glauben als moderner Mensch?

Ich möchte ihnen dazu zu Beginn eine kleine, wahre Geschichte erzählen. Viktor Frankl hat sie in einem seiner Vorträge berichtet.

Da gab es ein amerikanisches Ehepaar, ein junges. Die waren im Rahmen des Peace Chor, des Friedenschors in Afrika. Ehrenamtlich wollten sie zwei Jahre in Entwicklungsländern mithelfen. Die haben dort selbstlos gearbeitet, zwei Jahre ihre Karriere zurückgestellt. Es war ihnen, so haben sie gedacht, ein inneres Anliegen.

Am Ende dieser zwei Jahre waren sie dann allerdings total angefressen und frustriert. Was ist passiert? Es hat so begonnen. Alle, die beim Peace Chor arbeiten, wurden psychologisch betreut. Das hätte, so hat man sich das gedacht, eine Hilfe, eine Unterstützung sein sollen. Drei Monate lang kamen sie also regelmäßig in einer Art Gruppentherapie zusammen.

Das ist so abgelaufen. Der Psychologe hat sie gefragt: „Na gut, sie sind als dem Friedenschor beigetreten. Warum?“ „Wir haben uns gedacht, es wäre doch wichtig, den Leuten, die weniger Möglichkeiten und Mittel als wir haben beizustehen, zu helfen.“

Darauf der Psychologe: „Dann werden sie ja wohl auch zugeben, dass sie ihnen überlegen sein müssen.“

„Na, mein Gott, wir müssen halt das Know How haben. Sicher, sicher, irgendwie.“

Darauf der Psychologe: „Dann werden sie aber auch zugeben, dass tief in ihrem Unterbewusstsein der Drang sein muss, anderen Leuten zu zeigen, dass sie die Überlegenen sind.“

„Mein Gott, wir haben das von der Warte aus noch nie betrachtet. Aber sie sind der Psychologe, sie werden schon recht haben.“

So ist es dann drei Monate hindurch gegangen – bis man die ganze Selbstlosigkeit und Hilfsbereitschaft zerredet, zerstört hat, den ganzen Idealismus vertrieben hatte. Die Leute haben sich dann nach drei Monaten wie bei einer künstlich erzeugten Zwangsneurose nur noch selbst beobachtet, selbst befragt: „Was war jetzt wieder mein eigentliches Motiv im Unterbewusstsein?“ Und das ärgste war, dass die Leute von der Gruppe hinter den anderen her waren und bei jeder Tat gefragt haben: „Was war jetzt dein eigentliches Motiv? Warum hast du das jetzt wieder gesagt? Was hat dein Unterbewusstsein hier wieder mitgeteilt?“

Am Ende waren die Leute fertig, angefressen und haben bedauert, dass sie überhaupt am Friedenschor teilgenommen haben.

Der Psychologe hat vor lauter Analyse etwas zerstört: die Überzeugung dieser Menschen, ihren Idealismus. Den hätte er nicht zerlegen, hinterfragen brauchen, weil er echt gewesen ist. Er hat ihn dennoch zerlegt und damit zerstört.

Wir leben in einer Zeit, in der alles zerlegt wird, hinterfragt wird. Wo wir verunsichert werden, weil doch vieles nicht so sein kann, wie wir es immer dachten.

  • 95 Thesen an der Schlosskirche zu Wittenberg aufgehängt – ist umstritten.
  • Paulus war drei Tage blind – kann auch eine Schwellung des Sehnervs gewesen sein.
  • Es gibt ein Leben nach dem Tod – ist nur ein Glaube.
  • Gott kann Kranke heilen – es kann auch nur Einbildung sein.

Wir zerlegen alles. Wir hinterfragen alles. Aber wir hinterfragen auch Sachen, die nicht mehr zu hinterfragen sind, weil sie echt sind. Wir hinterfragen und zerstören dabei.

Auch bei der Liebe ist es so. Wenn ich es nur lang genug hinterfrage, dann liebe ich meine Frau nicht – sondern es ist nur mein Fortpflanzungstrieb, der mich dazu bringt, mir eine Partnerin zu suchen. Mehr steckt nicht dahinter.

Doch! Es steckt mehr dahinter! Liebe ist zutiefst menschlich und lässt uns über uns hinauswachsen. Selbstlos stehen wir für einen anderen Menschen ein, sind auch für Opfer bereit! Weit mehr als nur ein Trieb.

Und dieses junge Ehepaar in Afrika: Die haben wirklich einfach nur helfen wollen. Sie waren selbstlos. Und dann kam jemand daher, der hat ihnen eingeredet, dass sie nicht selbstlos sind. Der hat so lange ihre Motive hinterfragt, bis sie selber dachten, sie wären nur Egoisten, die anderen überlegen sein möchten.

Wir dürfen uns nicht alles zerreden lassen. Weil manches ist einfach echt. Und im Wahn, alles zu entlarven, hinter jeden Vorhang zu schauen, in diesem Wahn übersehe ich das Wahre, das Echte.

Und so ist es auch mit dem Geheimnis von Weihnachten. Wir können alles kritisch zerlegen. Die Geschenke an unsere Kinder sind nur eine Kompensation für unser schlechtes Gewissen ihnen gegenüber. Der Tannenbaum ist nur ein großes Phallus Symbol und soll Macht demonstrieren. Dass wir Gott im hilflosen Kind feiern, zeigt unseren Wunsch, Gott überlegen sein zu wollen. Der Glaube an Gott sind sowieso nur unsere unerfüllten Allmachtsphantasien, die wir nun auf ein fremdes Wesen übertragen.

Alles kann man irgendwie deuten. Und es klingt gut und klug – ist aber trotzdem Blödsinn. Vieles klingt toll und es ist trotzdem Schmarrn. Denn manchmal gehen Deutungen in die falsche Richtung oder zu weit. Sie enthüllen nicht mehr die Wahrheit, sondern sie zerlegen sie und lassen nichts mehr übrig.

Wir müssen aufpassen, dass wir diesen Zerlegern nicht auf den Leim gehen. Weihnachten ist ein Wunder. Ein kurzes Eindringen der himmlischen Herrlichkeit auf Erden. Ein Zeichen, das uns geschenkt ist. Das muss ich annehmen, so wie es ist. Denn davon haben wir etwas, wenn wir uns darauf einlassen. Das führt mich menschlich weiter, lässt mich hoffen, lässt mich glauben. Das bringt uns ja was, diesem liebenden Gott zu vertrauen.

Ein paar Beispiele gefällig?
Den Glaubenden führt es dazu, gute Taten zu tun.
Wer sich Jesus zuwendet, der wird versuchen, sein Leben an Jesu Vorbild zu orientieren.
Wer Leid zu tragen hat, bekommt Hoffnung.
Wer an der Welt verzweifelt, kann über sie hinausblicken.

Wenn ich alles zerlege, dann wird das zerstört. Dann entwickelt sich kein Glaube, nur Nihilismus. Dann ist niemand motiviert, auch nur eine gute Tat zu tun. Dann habe ich keine Hoffnung. Wenn ich alles zerlege, dann wird nur mein Misstrauen allem gegenüber größer und ich auf jeden Fall kein besserer Mensch.

Die Menschen heute haben genug, übergenug, wovon sie leben können. Aber manche wissen nicht mehr, wofür sie leben sollen. Sie haben die Lebensmittel, aber keinen Lebenszweck.

Und da hinein gehört das Wunder von Weihnachten! Wir können uns fragen und hinterfragen, ob damals wirklich alles so war. Wir können analysieren, dass die Stimmung zu Weihnachten durch Lieder und Lichter künstlich erzeugt wird. Wir können forschen, ob Jesus wirklich am 25. Dezember geboren wurden. Das können wir. Wir können zerlegen und zerfragen. Aber davon haben wir nichts. Davon werden wir nicht besser, nicht freundlicher, nicht ehrlicher. Höchstens besserwisserischer.

Ich kann bei jedem Wunder eine Erklärung finden, die es irgendwie erklärt. Was aber, wenn manches Wunder tatsächlich ein echtes Wunder war? Dann sind unsere Erklärungen falsch. Was ist, wenn Weihnachten einfach nur ein Wunder war? Das Wunder Gottes!

Vielleicht müssen wir unsere angelernten Zweifel auch mal zur Seite schieben und es einfach annehmen, dass ein Gott Wunder wirken kann. Auf Erden! An uns!

Amen.