Es kann sich nicht alles ändern und dabei alles gleich bleiben.

Es kann sich nicht alles ändern und dabei alles gleich bleiben.

Predigt zum Ewigkeitssonntag 2013 in der Gnadenkirche Rosenau, Pfarrer Roman Fraiss

Predigttext: Jer 8

4 »Sag zu ihnen: ‚So spricht der HERR: Wenn jemand hinfällt, steht er dann nicht schnell wieder auf? Wenn jemand vom Weg abkommt, kehrt er nicht gleich wieder um?

5 Warum bleibt Jerusalem bei seinen falschen Göttern und weigert sich, zu mir zurückzukehren?

6 Ich habe genau gehört, was sie reden. Sie haben ihren Irrtum nicht erkannt. Niemand bereut seine Schlechtigkeit, niemand fragt sich: Was habe ich getan? Alle rennen auf ihrem Irrweg weiter wie Pferde, die sich in die Schlacht stürzen.

7 Alle Zugvögel kennen ihre Ordnung und gehen und kommen zu der Zeit, die ich ihnen bestimmt habe: der Storch, die Taube, die Schwalbe, die Drossel. Nur mein Volk hält sich nicht an die Ordnungen, die ich ihm gegeben habe.’«

 

Liebe Gemeinde!

Es gibt Behauptungen, wenn ich die in einer Predigt oder einer Ansprache einsetze, dann stimmen mir alle zu. Behauptungen wie:

  • Früher konnten die Kinder sich noch über kleine Geschenke freuen. Heute haben sie viel zu viel.
  • Advent sollte die ruhige Zeit sein, aber wir haben im Advent eigentlich viel mehr Stress als sonst.
  • Was heute besonders wertvoll ist, das ist unsere Zeit. Wir müssen gut darauf achten, wofür wir unsere Zeit nutzen.
  • Es ist so schlimm, wenn in einem Ort, einer Stadt jeder nur noch anonym ist, und sich jeder nur noch um sich selber kümmert.
  • In unserer Zeit dreht sich alles viel zu sehr ums Geld, und viel zu wenig um andere Werte.

Ich könnte noch einige solcher Sätze hinzufügen; solcher Sätze, bei denen Sie mir fast alle zustimmen.

Vor zwei Wochen hatten wir eine heitere Lesung in unserem Pfarrsaal. Da hat Robert Kriechbaum auch einen dieser Sätze gesagt, denen heute fast jeder zustimmt. Er hat gesagt: „Ich möchte nicht in der Stadt leben, weil da kennt einen niemand, und da hilft einem niemand.“ Da es aber eine heitere Lesung war, hat er folgendes hinzugefügt: „Da lebe ich doch lieber in Seewalchen, da kennt einen jeder, und da hilft einem auch keiner.“

Das finde ich sehr interessant. Man kann heute Kritik an der Gesellschaft üben, und alle nicken und sagen: „Ja, der hat Recht“. Fast keine Adventfeier, die ohne solche Sätze auskommt.
„Ja, früher, da war es noch so und so, aber heute…“
„Wir sollten mehr auf unsere Familien, Nachbarn, Freunde schauen.“
Wir scheinen uns also größtenteils einig zu sein, wo unsere Probleme liegen. Nun könnte man denken: „Problem erkannt, Problem gebannt“. Mitnichten!

Wir wissen, was uns stört. Wir wissen, was falsch läuft. Aber ändern wollen und tun wir es auch nicht. Das ist heute ein ganz interessantes Phänomen. Jeder jammert, dass er zu wenig Zeit hat. Gemeint ist: Ich komme nicht zu all den Sachen, die ich gerne tun möchte, weil Arbeit und andere Pflichten mich davon abhalten. Aber es zu ändern wagt dann doch niemand. Natürlich könnte man mehr Freizeit haben, wenn man, zum Beispiel, weniger arbeitet. Aber da müsste man auf Geld verzichten, auf Karriere, auf Ansehen – und das bringen dann doch nur die Wenigsten übers Herz.

Überhaupt ist das ein Knackpunkt. Wir wissen schon im Grunde, was wir ändern müssten. Aber so eine Änderung geht nicht schmerzfrei. Sie kostet uns was. Und zwar kostet sie uns in den meisten Fällen Geld. Ich muss nun mal auf eine Sache verzichten, wenn ich eine andere haben möchte. Ich muss auf Geld verzichten, wenn ich mehr Zeit für mich haben möchte. Ich muss auf einen ruhigen Nachmittag vorm Fernseher verzichten, wenn ich dem Nachbarn bei irgendwas helfe. Ich muss im Advent auf Partys und Punschstände verzichten, wenn ich weniger trinken und besinnlicher sein will.

Und das ist unser Problem. Wir wollen zwar im Grunde gerne etwas ändern, aber wir wollen auch auf nichts verzichten.

Von diesem Phänomen erzählt uns Jeremia heute im Predigttext. Und wieder einmal dürfen wir nicht glauben, dass unsere Probleme ganz neu und noch nie dagewesen sind. Ähnliches kennt schon Jeremia, der so ungefähr um 600 v. Chr. gewirkt hat. Es beweist einmal mehr, wie viel wir von der Bibel lernen könnten, wenn wir die Zeit hätten, uns hinzusetzen und von ihr zu lernen, wir würden es ja auch so gerne. aber wir haben ja heute alle so viel Stress, nicht wahr, und früher, da war das alles viel besser…

Bei Jeremia steht: „Wenn jemand vom Weg abkommt, kehrt er nicht gleich wieder um?  Ich habe genau gehört, was sie reden. Sie haben ihren Irrtum nicht wirklich erkannt. Niemand bereut seine Schlechtigkeit, niemand fragt sich: Was habe ich getan? Alle rennen auf ihrem Irrweg weiter wie Pferde, die sich in die Schlacht stürzen.“

Das ist doch gar kein so unpassendes Bild für unsere Zeit. Wir wissen zwar im Grunde, was falsch läuft. Aber wir ändern es nicht, und wir bereuen es nicht. Wir bedauern höchstens, dass es so ist wie es ist, aber dann stürzen wir uns auch wieder in die Vergnügungen, die uns unser System bietet.

Bei Jeremia geht es dabei vordergründig nur um den religiösen Bereich. Da wird gesagt: „Warum bleibt Jerusalem bei seinen falschen Göttern und weigert sich, zu mir zurückzukehren? “ Aber spätestens seit Martin Luther wissen wir, dass die falschen Gottheiten nicht nur in Goldenen Kälbern oder Sekten zu finden sind. In seiner Erklärung zum ersten Gebot hat Luther geschrieben: „Woran du dein Herz hängst, das ist in Wirklichkeit dein Gott.“ Und so gesehen haben wir heute viele Gottheiten. Und die meisten Gottheiten sind heute eher materieller als ideeller Natur.

Woran also hängt unser Herz nur allzu oft? Daran, dass unser Haus schön und groß, die Küche neu und das Sofa aus Leder ist? Daran, dass das Auto ein ganz bestimmtes Auto ist, schnell oder stark oder schnittig in der Optik? Daran, dass der Urlaub zwar vielleicht nicht erholsam ist, dafür aber in die entlegensten Gebiete geht?

Nicht selten führt dabei heute eine Belastung zur nächsten. Wir wollen das eigene Haus. Das kostet aber. Dafür brauchen wir Kredite. Um die zu begleichen, müssen alle viel arbeiten, und das kostet wiederum Zeit. Dann wollen wir aber auch noch Familie und was sonst das Leben so bietet – und dann wird es eng. Wir selber beuten uns aus, nicht mehr der böse Arbeit gebende Kapitalist. Streiken müssten wir heute nicht mehr gegen den Chef in der Firma, sondern den kleinen Chef in uns, der uns sagt: Das geht noch, und das geht noch und das wirst du auch noch irgendwie schaffen, das kriegst du schon alles unter einen Hut.

Und sind die Kredite dann zurück bezahlt und die Kinder aus dem Haus und hätten wir endlich Zeit und Geld – dann machen wir trotzdem so weiter, wie wir es uns eingelernt haben. Der Chef in uns heißt uns weitermachen. Wozu? Mit welchem Ziel? Wir wissen es selbst nicht.

Woher, Wozu, Wohin? Gott möchte uns diese Fragen beantworten. Aber haben wir die Zeit, um uns mit seiner langwierigen Antwort auseinander zu setzen? Da können wir so viele andere Dinge nicht tun, wenn wir jeden Sonntag in der Kirche sitzen.

Und daher rührt dann auch diese eigentümliche Widersprüchlichkeit. Wir stimmen zu, dass vieles heute nicht stimmt. Und gleichzeitig wollen wir unser Leben nicht ändern. Wir sind es so gewohnt. Wir scheuen uns davor, dass die Veränderung auch lieb gewordenen Bequemlichkeiten zu Fall bringen muss. Es kann sich nun mal nicht alles ändern und dabei alles gleich bleiben. So hätten wir es aber gerne.

„Sie gehen den falschen Weg“, sagt Jeremia hier über das Volk Israel. Sie gehen den falschen Weg, aber sie stoppen nicht. Sie kehren nicht um. Sie gehen einfach weiter. Sie wollen es nicht sehen. Sie wollen es nicht wahrhaben.

Zugvögel kennen ihre Bestimmung. Sie wissen, was ihre Aufgabe ist. Warum sind wir nicht so? Wissen wir, was unsere Bestimmung, unsere Aufgabe im Leben ist? Wir fragen das ja gar nicht. Wir trauen uns oft gar nicht mehr, uns selber zu fragen: „Warum tust du dir das eigentlich an?“ Und wenn wir uns diese Frage stellen, landen wir bald wieder in dieser eigentümlichen Widersprüchlichkeit: Eigentlich will ich es gar nicht so, wie es ist, aber ändern will ich es auch nicht.

Und da findet nun also Gott bei Jeremia deutliche Worte. Ihr habt vergessen, was eure Bestimmung ist! Ihr macht euch absichtlich blind und rennt weiter in ein Unglück, wie Pferde, die mit Scheueklappen mitten hinein in eine Schlacht geritten werden!

Es ist an der Zeit, mahnt Gott, es ist an der Zeit, dass ihr zu erkennen und umzudenken beginnt! Es ist an der Zeit!

Amen.