Evangelisch in einer globalisierten Welt

Evangelisch in einer globalisierten Welt

Predigt von Pfr. Roman Fraiss vom 23. August 2015 im Rahmen unserer Sommerpredigtreihe.

Mt 6, 5-6

5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.

 

 

Liebe Gemeinde!

Die heutige Predigt ist die letzte unserer Sommerpredigtriehe. Pfarrer Hans Hubmer aus Timelkam hat sich die Themen ausgedacht. Es geht um Evangelisch sein. Was ist das? Und ich habe folgenden Aspekt dieser Fragestellung abbekommen: „Evangelisch in einer globalisierten Welt“.

Das ist von allen Themen, glaube ich, das einfachste. (Darum habe ich es mir auch genommen). Ich könnte die Predigt nämlich jetzt eigentlich sofort wieder beenden. Die Frage lautet: „Wie ist das Evangelischsein in einer globalisierten Welt?“ Und die Antwort ist ganz einfach: „Genauso wie in einer nicht globalisierten Welt.“

Den persönlichen Glauben, und um den geht es ja, kann man nicht globalisieren. Der kann sich immer nur in mir abspielen. Die Bibel kann ich zwar am Computer und am Handy haben und als Hörbuch hören, es bleibt aber trotzdem die gleiche Bibel. Die Botschaft bleibt gleich.

Gott ist, wenn sie so wollen, immer schon globalisiert. Schließlich ist er ja zu jeder Zeit überall. Besser noch als Google. Also ist bei Gott schon vieles vorweggenommen, was wir technisch als Neuerung feiern.

Für den Glauben an Gott ist die globalisierte Welt wurscht. Der Glaube ist ja das Vertrauen auf Gott, ist die Beziehung zum Vater im Himmel, ist das Orientieren an seinem Wort. Das war schon immer so. Und das darf sich auch nicht ändern.

Das ist gut und zugleich, offenbar, für manche schwierig. Denn der Glaube lässt sich nicht nebenbei konsumieren wie eine Fernsehserie. Der Glaube lässt sich nicht schnell runterladen wie eine Handy App. Die Nächstenliebe kann man nicht bei Google finden. Das heißt: Im Glauben läuft manches anders, als wir es heutzutage gewohnt sind: Ruhiger, innerlicher, langsamer.

Mein persönlicher Glaube kann immer nur in mir existieren kann und nicht auf meinem Computer oder meinem Handy. Und deshalb habe ich für die Predigt diese eine Bibelstelle aus der Bergpredigt Jesu gewählt. Jesus ist hier ganz klar und eindeutig: „Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.“

Sie merken schon: Gott ist im Verborgenen, ja bei mir. Da muss ich ihn suchen und nirgends sonst.

Als ich noch studiert habe, da habe ich mir den ersten Evangelischen Online‑Gottesdienst von Österreich live am Computer angesehen. Das war komisch. Damals gab es noch keine Videos, weil die Verbindungen zu langsam waren. Es wurde alles mit Texten und Bildern gemacht. Da stand auf dem Bildschirm eine Begrüßung, dann kam ein Gebet. Dann eine Bibelstelle – alles zum Mitlesen vor verschiedenfarbigen Hintergründen – , ein Bild und ein paar Gedanken dazu. Dann hätte man Kommentare schreiben dürfen. Danach wurden wir aufgefordert, daheim das Vater Unser zu beten. Dann stand auf dem Bildschirm, dass Gott uns jetzt segnet. Aus.

Es war sehr bemüht und gut gemacht. Aber fromm wird dadurch niemand. Glaube ist eben mehr. Der Glaube ist das Vertrauen auf Gott, ist die Beziehung zum Vater im Himmel, ist das Orientieren an seinem Wort.

Vielleicht macht es uns die moderne Welt schwerer, zu Gott zu finden. Wir sind es nicht mehr gewohnt, uns längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren. Wir lesen Zeitung, essen und sehen fern gleichzeitig. Und das sind nicht nur die jungen Menschen. Ich komme oft zu Hausbesuchen bei älteren Leuten, die wie selbstverständlich den Fernseher anlassen. Der läuft immer im Hintergrund. Das fällt uns gar nicht mehr auf, dass wir ständig mehrere Sachen gleichzeitig sehen und hören und tun.

Bei uns geht vieles schnell, weil die Hektik ein Merkmal unserer Zeit ist. Möglichst viel auf einmal erledigen und das effektiv.

Das ist auch beim Lesen so. Wir lesen schneller, aber dafür müssen auch die Sätze kürzer und einfacher werden. Wenn sie in alten Zeitungen lesen: Da sind die Sätze länger und die Bilder weniger. Die Lesegewohnheiten haben sich verändert. Die Bibel hat keine Bilder und hat lange Sätze. Das ist ungewohnt für uns. Vielleicht ist es deshalb für den modernen Menschen schwieriger, sich darauf einzulassen. Wer immer nur Gratiszeitungen liest, der tut sich am Anfang vielleicht schwer, wenn er die Bibel zur Hand nimmt. Und dabei sollten ja gerade wir Evangelischen ganz besonders am Wort Gottes ausgerichtet sein. Aber was, wenn dieses Wort Gottes für unser heutiges Hörverständnis zu lang ist? Könnte man die Bibel nicht kürzen?

Um Himmels Willen – Nein! Die Zeit müssen wir uns nehmen, wenn wir Gott verstehen wollen.

Ich mache in den Gottesdiensten in diesem Zusammenhang etwas, was Pfarrer Petri und Pfarrer Hubmer sicher nicht gefällt. Ich lese viele Lesungen nicht mehr aus der Lutherbibel, sondern aus der Gute Nachricht Übersetzung. In dieser Übersetzung wird versucht, die Bibel in eine heutige Sprache zu übersetzen. Dadurch wird sie leichter verständlich. Das ist aber schon wieder ein Stückchen Nachgeben an die Gewohnheiten unserer Zeit. Da kann man natürlich auch dagegen sein.

Aber das sind die Schwierigkeiten, die der persönliche Glaube in einer globalisierten Welt scheinbar erst überwinden muss. Es gibt zwar inzwischen alle möglichen guten und schlechten religiösen Apps fürs Handy – die Konfis waren heuer ganz verwundert, dass ich die Losungen am Handy habe und lese – aber das sind eben alles nur Nebenschauplätze.

Denn der Hauptschauplatz deines Glaubens bist du. Nicht dein Computer. Nicht dein Fernseher. Nicht dein Radio. Nicht einmal deine Bibel – sondern nur dein Herz, dein Geist, wie es die Bibel nennen würde.

Ich schlage meinen Schülern eine einfache Übung geht: Geht einmal auf einen Berg, sucht euch dort ein ruhiges Bankerl aus oder legt euch in die Wiese – und tut eine halbe Stunde lang einfach nichts. Nichts. Nichts lesen, nichts am Handy spielen, nur in die Natur schauen, darüber nachdenken, beten oder auch nicht beten. Einfach aufnehmen, was Gottes Natur uns bietet. Das ist für manche unvorstellbar. Eine halbe Stunde! So lang! Nichts reden, niemandem ein SMS schicken. Das ist eine Quälerei.

Und da müssen wir wohl an uns arbeiten. Um es mit alten Worten zu sagen: Die Fähigkeit zur Mystik oder zur Spiritualität – diese Dinge müssen wir wieder in uns entdecken. In der Lesung haben wir ja vom Propheten Elia gehört. Der hat um seinen Glauben gerungen. Der hatte Glaubenskrisen, dagegen sind unsere Konfis fromm. Tut alles für Gott und wird verfolgt und vertrieben, verhungert fast, verzweifelt total. Und dann hat er dieses großartige Erlebnis, wo ihm Gott nicht im Feuer oder im Sturm, sondern im leisen Lufthauch begegnet. Aber um das zu erfahren, hat er erst um seinen Glauben ringen und sich bemühen müssen. Wir legen schnell zur Seite, was nicht gleich funktioniert.

Vielleicht begegnet Gott auch uns so leise. Nur merken tun wir’s halt nicht, weil es bei uns nie leise ist. Weil der Lärm von der Straße kommt, das Piepsen und Läuten aus den Handtaschen, der Radio aus dem Hintergrund, die Volksmusik auf den Berghütten und, und, und.

Wir hatten vor ein paar Jahren eine Besprechung, was wir bei uns in der Rosenau im  Gottesdienst verbessern könnten. Und da bekam ich eine interessante Rückmeldung. Die Stille, die Gebetsstille sei zu kurz. Es ging um die Fürbitten und wie lange da Stille sein soll, damit jeder für sich seine Gebete sprechen kann. Ich hatte immer nur 30 Sekunden. Das fühlt sich lang an, wenn man vorne steht. Aber zum Beten ist es wohl wirklich zu kurz. Seitdem haben wir es auf eine Minute verlängert, was ja auch nicht wirklich lang ist. Heute bei den Fürbitten werden wir das Doppelte wagen. Zwei Minuten Stille zum Gebet. Wir werden fühlen, wie es uns damit geht. Auf Abenteuer dieser Art sollten wir uns wieder mehr einlassen. Gott kommt zu uns, aber im Stillen, im stillen Kämmerlein, in der Ruhe deines Herzens, in einsamen Augenblicken.

Lassen wir uns von dieser globalisierten Welt nicht rund um die Uhr beschäftigen. Geben wir Gott die Chance, von uns gehört zu werden.

Denn egal, was sich unsere Welt ständig Neues ausdenkt – es bleibt uns immer der gute, alte Gott, der es nicht nötig hat, sich jedem Zeitgeist zu fügen. Denn der Glaube an ihn geht weit über diese Welt hinaus. Worum geht es beim Glauben? Der Glaube ist das Vertrauen auf Gott, ist die Beziehung zum Vater im Himmel, ist das Orientieren an seinem Wort.

Amen.