Der Engel kommt zu Maria

Evangelische Predigt zu Mariä Empfängnis

Predigt von Pfr. Roman Fraiss vom 8. Dezember 2013, Gnadenkirche Rosenau, über die Geschichte und das Evangelische Verständnis des Feiertages Maria Himmelfahrt.

Liebe Gemeinde!

Katholische Christen feiern heute am 8. Dezember den Feiertag Mariä Empfängnis. Das ist für uns Evangelische ein etwas schwieriges Fest. Aber auch wenn Sie sich unter Katholischen umhören wissen viele nicht genau, was hier eigentlich gefeiert wird. Ich habe dazu die vier katholischen Religionsprofessoren an meiner Schule befragt. Nur einer hat mir die korrekte Antwort gegeben. Die anderen drei haben nur vage erklären können, was heute gefeiert wird.

Falsch ist auf jeden Fall folgende Auskunft, die Schüler oft anbieten: Es wird die Empfängnis von Jesus in Maria gefeiert. Dann wäre sie ja nur zwei Wochen schwanger, das ist natürlich ein bisschen wenig.

Es geht heute vielmehr um die Empfängnis von Maria in ihrer Mutter Anna. Und diese Empfängnis – das ist der Kern des heutigen Feiertages – diese Empfängnis soll ohne Erbsünde geschehen sein.

Erlauben Sie mir kurz zu erklären, was wir Theologen uns unter Erbsünde vorstellen: Erbsünde ist jetzt nichts Katholisches, diesen Begriff kennen alle Kirchen. Es ist ein Zustand von uns Menschen. Dieser Zustand lässt sich mit der Lateinischen Formel „non posse non peccare“ zusammenfassen. Das heißt übertragen: Wir sind nicht fähig, nicht zu sündigen. Kein Mensch kann sich Hass, Lüge und Egoismus entziehen.

„Eh klar“, kann man fast dazu sagen. Niemand von uns ist fähig, perfekt zu sein. Niemand macht niemals Fehler. Niemand ist immer nur gut. Diese Erbsünde ist einerseits eine Belastung, andererseits auch eine Befreiung. Weil wir eben nicht perfekt sein können, deshalb kann es auch niemand von uns verlangen. Auch Gott nicht. Der will nicht und erwartet nicht, dass wir alles richtig machen. Er erwartet nur unser ehrliches Bemühen. Das ist ja eine Grundeinsicht von Martin Luther und der Reformation: Vor Gott können wir gar nicht durch eigene Leistung bestehen. Es liegt diese Erbsünde auf uns, diese Unfähigkeit zur Fehlerlosigkeit. Und deshalb brauchen wir nicht in einen Leistungsstress vor Gott verfallen. Wir dürfen auf seine Gnade vertrauen – so wir uns bemühen. Das ist das Menschliche!

Diese Erbsünde wird bildhaft mit dem Sündenfall Adams und Evas beschrieben. In dem Moment, in dem sie den Apfel genommen hatten vom Baum der Erkenntnis, ging es los. Die Erkenntnis des Guten und des Bösen, sie kam bildhalft zu Adam und Eva. Und wer beide Möglichkeiten vor sich sieht und kennt – die Möglichkeiten des Guten und des Bösen –, der verfällt auch manchmal der schlechten Wahl. Das also ist Erbsünde.

Und genau ohne dieser soll nun Maria, die Mutter von Jesus, empfangen worden sein. Das feiern unsere Katholischen Geschwister heute. Bemerkenswert sind die Jahreszahlen zu dieser Erkenntnis. Es hat nämlich durchaus gedauert, bis man auf dieses besondere Detail im Leben Marias draufgekommen ist.

Erst Papst Sixtus IV. hat dieses „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“ im Jahr 1476 eingeführt. Vorher hat man das nicht gefeiert. Die ersten Jahrhunderte wäre man auch nicht einmal auf diese Idee gekommen. Es hat noch einmal 400 Jahre gedauert bis sie sich ganz sicher waren. Papst Pius IX. erklärte es 1854 zum Dogma, dass Maria frei von Erbsünde sei. Seit damals ist es also unverrückbare Lehrmeinung der Katholischen Kirche.

In Wien, übrigens, wurde schon 1647 Mariä Empfängnis gefeiert. Wir sind hier mitten im 30-jährigen Krieg. Kaiser Ferdinand gelobte 1645, als die protestantischen Schweden vor der Toren Wiens standen, die besondere Verehrung der Unbefleckten Empfängnis in seinen Ländern in Form eines öffentlichen Feiertages sowie die Errichtung einer Gnadensäule – sofern die Gefahr abgewendet würde. Was dann auch geschah.

Der Kaiser hielt Wort: Am Hof wurde 1647 eine Säule errichtet und der Feiertag am 8. Dezember eingeführt.

1938, mit dem Anschluss an Hitler-Deutschland, wurde dieser Feiertag abgeschafft. Doch die Österreicher hingen früher noch ehrlich und gläubig an diesem Tag. Nach dem Krieg kam es zu einer Unterschriftenaktion. Eineinhalb Millionen Österreicher unterschrieben, dass sie den Feiertag wieder haben wollen, woraufhin seit 1954 der 8. Dezember wieder frei ist.

Frei war – möchte ich fast sagen. Heute ist es klar, es ist Sonntag. Da haben die Geschäfte mit wenigen Ausnahmen wie Bad Ischl geschlossen. Aber sonst, Sie wissen es, wird dieser Feiertag neuerdings als freier Einkaufstag missbraucht. Die letzten zehn Jahre schon waren an jedem 8. Dezember die Geschäfte offen und voll und die geistliche Idee dieses Feiertages völlig im Hintergrund. Das ist auch aus Evangelischer Sicht sehr bedauerlich. Wenn schon Feiertag, dann doch bitte richtig. Aber der Inhalt dieses Feiertages ist eben schwer zu fassen.

Das gilt auch für uns Evangelische. Als der Feiertag 1954 wieder eingeführt wurde, haben sich die Evangelischen hier in der Gegend überlegt, was sie tun sollen. Sie wollten den kirchlichen Feiertag nicht einfach ignorieren, sondern ihm einen evangelischen Akzent geben. Und zwar gibt es in Deutschland, allerdings schon vor dem Advent, den sogenannten Buß- und Bettag. Da dieses Fest in Österreich gar nicht gefeiert wurde, nahm man die Möglichkeit wahr, und feierte diesen Tag am 8. Dezember in den Evangelischen Kirchen. Man wollte, wie gesagt, die Gelegenheit nutzen. Das war auch in unserer Gemeinde bis 2002 üblich. Ich weiß nicht, wer sich da noch daran erinnert.

Als ich dann 2003 hier begann, hatte ich keine Ahnung davon. In Wien war das nicht üblich. Ich habe also am 8. Dezember, ganz ahnungslos, einfach keinen Gottesdienst angesetzt. Und das Kuriose ist: Es ist fast niemandem aufgefallen. Nicht einmal den Presbytern. Nur unsere damalige Kurator Stellvertreterin, Traudi Aschauer, hat mich dann nachher darauf angesprochen, warum wir nicht Buß- und Bettag gefeiert haben. Aber sonst scheint es niemandem abgegangen zu sein.

Das ist so ein bisschen das Schicksal dieses heutigen Tages.

Auch auf katholischer Seite wird vielerorts nach neuen Bedeutungen gerungen. Die Idee der Erbsündenlosigkeit ist für viele Menschen nicht mehr griffig, sagt ihnen nichts. So finden heute, in Anlehnung an Maria, Gottesdienste für Schwangere statt oder Gottesdienste für zur Geburt verstorbene Kinder. Weil eben der Inhalt dieses Festes und die Bedeutung einer erbsündenlosen Maria eben schwer zu fassen sind. Es ging wohl ursprünglich darum, die Größe, die Besonderheit, der Erwähltheit Marias zum Ausdruck zu bringen. Und genau hier, an diesem Punkt, unterscheiden sich die Auffassungen unserer Kirchen.

Wir Evangelische sehen das Besondere der Erwählung Marias nämlich gerade darin, dass sie eine „normale“ Frau war. Im Normalen ist sie uns ähnlich, und kann sie uns Vorbild sein.

In der Bibel wird von der Geburt und Empfängnis Marias nichts berichtet. Da wird Maria als normale Frau geschildert, mit Sorgen, mit Problemen, mit einem Ehemann. Und gerade das macht einen großen Unterschied aus. Wir glauben, dass Gott hier eine normale Frau berufen hat. Eine von uns. Die Geschichte soll zeigen, dass Gott Menschen wie uns auserwählt, uns dazu beruft, seinen Willen zu tun.

Wenn Maria ohne Erbsünde geboren worden wäre, dann wäre sie anders als wir. Dann wäre es kein Wunder, dass sie Gottes Sohn gebiert. Aber da sie ist wie wir, war ihre Leistung doch viel größer. Die Probleme damals, ungewollt und unverheiratet schwanger zu werden. Die ganze Tortur der Wanderung nach Betlehem. Und dann das Leiden, als sie ihren Sohn sterben sehen musste. Nebstbei, nicht ihren einzigen Sohn. Denn die Bibel berichtet von mehreren Geschwistern Jesu. Sein Bruder Jakobus wird sogar nach Jesu Tod Leiter der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem. Auch wer wird hingerichtet werden.

Diese Aspekte im Leben von Maria sind im katholischen Bereich aufgrund der immer stärker werdenden Verherrlichung Marias zurück gedrängt worden. Denn eine Maria, die ohne Sünde geboren ist, konnte man sich nicht den „nächtlichen ehelichen Aufgaben“ hingegeben vorstellen. Sie wurde zur ewigen Jungfrau.

Aber diese ganze Diskussion ist eigentlich nicht wichtig. Was wichtig ist, ist das Menschliche an Maria. Diese Hingabe. Dieses Annehmen ihres Schicksales. Auch die Liebe, die sie ihrem Kind wohl erwiesen hat. Jesus hat nicht nur von Liebe geredet. Er hat sie auch gelebt. Und das kommt nicht von irgendwoher. Das kommt auch von den Eltern.

Der Feiertag Mariä Empfängnis ist heute arm dran, weil er das Schicksal des Advent besonders heftig teilt: Dass das Kaufen das Geistliche überlagert. Eigentlich geht es dabei um die Frau Maria, deren Leben von Gott durcheinander gewirbelt wird. Die es aber annimmt und sagt: „Ich bin des Herrn Magd. Mir geschehe, wie du gesagt hast.“

Für Maria war der Advent weder eine besonders besinnliche Zeit noch eine besonders ruhige Zeit. Es war eine Zeit der Glaubensprüfung. Sie hat die Prüfung bestanden und hat Gott vertraut. So soll es sein. So sollen wir sein! Und genau das können Evangelische und Katholische in trauter Gemeinsamkeit aus dieser Geschichte und an diesem Feiertag lernen. Diesen Satz: „Ich verstehe deine Wege nicht, Gott, aber du weißt den Weg für mich.“

Amen