Geburtstagswünsche zum 50-jährigen Orgeljubiläum

Geburtstagswünsche zum 50-jährigen Orgeljubiläum

Geburtstagswünsche zum 50-jährigen Orgeljubiläum,
Evangelische Gnadenkirche Rosenau, im Oktober 2013

Von Pfr. Volker Petri

Liebe Orgel, liebe Jubilarin!

Zu dir passt das Wort des Psalmes 19,1 “Die Himmel erzählen die Ehre Gottes und die Feste verkündet seiner Hände Werk!” Du wurdest geboren um den Lobgesang des Himmels aufzunehmen, vervielfältigen und mit deinen vielen Möglichkeiten  erklingen zu lassen, was wir heute, mit dieser Orgelmette, bedenken möchten.

Wir feiern deinen 50.Geburtstag heute und du stehst silbern und klingend vor uns. In Griechenland hatte man dich vor 2500 Jahren erfunden, doch die orthodoxe Kirche verbannte dich aus den Gotteshäusern, denn sie meinte, dass nur die Krone der Schöpfung, der Mensch / sag Mann, Gott singend loben darf! So kamst du in die westlichen Kirchen und hieltst einen ungemeinen Siegeslauf bis in die kleinsten Dorfkirchen hinein.

Zu dir nun im Speziellen: Deine geistig-geistliche Zeugung war einmalig und das meine ich wörtlich. Das Psalmwort 9,2 “Ich danke dem Herren von ganzem Herzen und erzähle alle deine Wunder!” passt zu deinen Werden. Ein orgelbesessener Virtuose, Prof. Zweimüller besorgte deine Ausstattung, deine Register – “nach seinem Bilde solltest du geschaffen werden!” Du solltest “Mädchen für Alles” werden oder besser gesagt “ in einer Orgel alle Orgeln erfassen”. Für  Werke von Meistern des Barock, über die Klassik und Romantik solltest du spielen können, ja sogar die besondere französische Schule sollte bei dir gut aufgehoben sein. Du entsprangst ungezähmten Phantasien eines egozentrischen  Virtuosen. Fast hätte man übersehen, dass du ja eigentlich geschaffen wurdest, den Kirchengesang und die Liturgie zu begleiten.

Die Paten waren überwältigt von deinem vorprogrammierten Können. Man träumte, musikalischer Mittelpunkt des Salzkammerguts zu werden und dass die “Rosenauer Orgelfestspielwochen” tausende Musikbegeisterte anziehen würden. Man plante schon rauschende Konzerte, programmierte im Stillen die Virtuosen, die dich spielen durften und alle Orgelgourmets Europas anziehen würden.

Dann folgte die erschütternde Ernüchterung, dass  eine Orgel  mit diesen Fähigkeiten, mit diesem Können  in keiner Fachwerkstätte bestellt und noch viel weniger finanziert werden konnte. Die Pfarrgemeinde war eben nicht Krösus, sondern deine arme bäuerliche, österreichisch und siebenbürgisch-flüchtlingische Nachkriegs-Patengemeinde! Kein seriöser Orgelbauer wollte diese Schwangerschaft zum Sondertarif austragen und es fand sich auch kein Sponsor für die Finanzierung. So stand man da mit dem großen, brennenden Wunsch, aber auch mit leeren Taschen nach all den Jahren des Aufbaues, Einsatzes und Spendens.

Pfarrer Mathias Schuster, dein Patenonkel, gab nicht auf, er kannte die wunderbaren Wege Gottes und er hoffte auf sie, hatte er ja im Laufe des Aufbaues immer wieder Hilfe erfahren. Wenn schon die Orgel-Fachleute abwinken, die Kosten jeden Rahmen spregen, dachte er, werde ich mich umsehen, nach anderen Möglichkeiten suchen, beten, harren und hoffen und dem biblischen Wort folgen: “Wer anklopfet, dem wird aufgetan, wer bittet dem wird gegeben”!

Aus Wien kam der berühmte Universitätsprofessor Joseph Mertin ins schöne Salzkammergut. Er war es, der Österreich die Augen, Herzen und Ohren für die Musik des Barock öffnete. Wem so Großes gelingt, wer alte, unendlich wertvolle Musik der Welt neuentdeckt, der ist Idealist, Träumer, hat viel Gefühl. So war er auch auf sein christliches Mitgefühl ansprechbar. Pfarrer Schuster erzählte ihm von seinem Orgel- Traum, aber auch über die fast leeren Taschen. Inzwischen hatte er einen Orgelfond errichtet, der erste Sümmchen brachte. Indirekt proportional zum vorhandenen Geld war die  Hoffnung und unzerstörbare Zuversicht, so wie es sich für einen guten Theologen auch gehört. Er startete erfolgreich eine Charme-Offensive, klopfte beherzt an die Tür des großen Professor Mertin und wie einst Saulus in Damaskus zum Paulus wurde, verwandelte Pfarrer Schuster  den Musiktheoretiker Mertin, zum praktischen Orgelbauer. Er war bereit, den Traum Wirklichkeit werden zu lassen! Die Bürgermeister, Gustav-Adolf-Verein, Kirche, Sponsoren, vor allem auch wieder die Kirchenmitglieder, konnten das Unmögliche möglich machen, unsere Kirchenorgel, die GNADEN-Kirchenorgel verwirklichen und es erfüllte sich das Wort des Psalmes 31,20 “Wie groß ist deine Güte, Herr !”

Wenige Spezial-Register wurden gestrichen, das zweimüllersche Wunschgebilde etwas zurechtgestutzt, aber es verblieb die Virtuosität des geplanten Instrumentes. Wenn Prof. Zweimüller dein geistiger Vater ist, so war Professor Mertin deine leibliche Mutter, die dich im Herzen trug, dich mit viel Idealismus und Einsatz wachsen ließ, deine Geburt ermöglichte und bereit war, auch die damit verbundenen Wehen auf sich zu nehmen. Dich, du stolze und besondere Orgel, pflanzte er auf die Empore, unter den Kirchturm und unter die tiefhängende Holzdecke. Wie gerne würdest du in romanischen oder gotischen Bögen wohnen, wo du in die Höhen steigen kannst, um deiner tausendfachen, vielfältigen Stimme Raum und Echo zu schenken. Du hast dich mit dem Platz abgefunden, mit viel Würde hast du dein Los angenommen und klingst auch unter diesen Umständen noch immer unverschämt gut.

Leider verkannte man, dass du eine empfindliche Dame bist, die unter Klima(kterium)bedingungen besonders zu leiden hat – und das nicht erst ab 50! Nein, bei dir ging es gleich los. Die Umluftheizung heizte dir ein und verlangte für eine empfindliche Orgel das Unmögliche. Die Holz- und Metallpfeifen und Register leiden, wenn du in der Winterzeit von Minusgraden innerhalb von 2-3 Stunden in Saunatemperaturen geführt wirst und unter diesen Umständen dann auch noch tadellos funktionieren sollst.

Prof. Mertin, von Idealismus gelenkt, Optimismus geprägt, ging ans Werk; begeisterte Studenten halfen mit; die leibliche Versorgung des großen Mäzenen Mertin durch die Kirchenmitglieder funktionierte perfekt. Die Orgelpfeifen wurden bestellt, andere aus alten Orgeln ausgebaut, ein Spieltisch geleimt, das sogenannte Regiewerk gezimmert. Danach hängte man die Trakturen-Verbindungen zu den Schleifladen an, welche die Ventile in den Luftladen, auf welchen die Orgelpfeifen stehen, betätigen.

Nachdem  das Herz wohl am rechten Platz stand, jedoch die Mittel begrenzt waren und das handwerkliche Können mehr genial, als gekonnt, bekamst du – du weißt es auch aus unserem menschlichen Los der Erbsünde – chronische Erbkrankheiten mit, die  Behandlungen nötig machen. Mal hängt ein Ventil und mit einem wimmernden Tönen weckst du  Mitleid und Bedauern und fast hört man dich das Psalmwort 41,11 hauchen “Du aber Herr sei mir gnädig, hilf mir auf!”. Immer wieder drückt es die Ladenabdichtungen raus, weil sie eintrocknen und du kriegst Atemnot, weil deine Lunge, der Blasebalg, auch sparsam kalkuliert wurde. Dann wiederum quillt dein Holz nach langen Feuchtigkeitsperioden und blockiert die Traktur.

Diese, deine typischen Orgel-Wehwehchen, kann man ohne große ärztliche Kunst beheben. Wie oft bin ich gekommen, dir weiter zu helfen, mit Michael Gottschling die Dichtungen befestigen, hängende Töne wieder einzuhängen, mal eine gebrochene Führung neu zu verschrauben – und du hast dich nicht gekränkt, dass “Laien” dich berühren. Was uns allerdings zu schaffen macht ist die Tatsache, dass du so leicht an Verstimmung leidest und diese Behandlung teurer ist als jeder Psychotherapeut.

Kurz vor deinem 40. Geburtstag sehnte sich unser damaliger Organist und Chorleiter Hans Kellner nach einer gründlichen operativen Behandlung für dich. Es kam Peter-Maria Kraus, der eine wohl gelungene “Schönheitsoperation” vornahm, leider deine chronischen Wehwehchen nicht zu heilen vermochte. Er versetzte dich nach vorne hin, gab dir freien Blick in den Altarraum, und man konnte dich besser sehen und hören. Du kamst aus dem Kirchturm raus, damit dich gleichtemperiertere Luft umfließe und beatme. Damals hatte ich, gemeinsam mit dem Presbyterium, Peter-Maria Kraus verpflichtet aus einem einfachen Grund: den konnten wir bezahlen, weil er kein Fachmann war. Die Mühe war redlich, jedoch das Können und Resultat ließ viel zu wünschen übrig. Eins aber gelang: nachdem auch noch die herrliche Holzwand rechts erbaut wurde, reifte deine Stimme, wurde milder und schöner.

Als du dann ziemlich flott auf die 50 zugingst und mit deinen ungestimmten Registern und immer wieder ausfallenden Pfeifen zu nerven begonnen hast, da überlegte das neue Presbyterium mit Pfarrer Fraiss, was zu tun wäre.  Fachleute kamen und fast hätten sie dir die “Euthanasie” verordnet, dich durch ein elektronisches Urenkerl ersetzen lassen, da die nötigen Operationen anscheinend nicht mehr finanzierbar und rentabel wären. Da hast du wohl mit dem Psalmwort 12,8 gebetet: ”Du, Herr wolltest mich bewahren und behüten vor diesem Geschlecht!”

Landesmusiker Mathias Krampe aus Wien durchleuchtete dich und erkannte, dass du tatsächlich etwas Besonders bis, mit dem halben Jahrhundert auf dem Buckel schon historisch und durch deine Entstehungsgeschichte und deinen Klang einzigartig! Wieder half dir das Psalmwort 46,2 “Gott ist unserer Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten!”

Einsicht und Gnade schenken dir von Neuem Vertrauen. Du erfreut uns, du  treue klingende Seele, die den Lobgesang Gottes anführt und uns so lange schon begleitet. Der christliche Geist, die Achtung vor den Leistungen der Gründergeneration und unser Mitgefühl gehören dir nun ungeteilt.

Du bist uns inzwischen so vertraut, dass wir ohne dich nicht können. Deine vielfältige Stimme erklingt zu jedem Anlass. Du verleihst unseren Festen jene unverkennbare musikalische Atmosphäre, die unsere Gnadenkirche ausmacht. Auch wenn du nicht immer “fachmännisch oder fachfrauisch” gespielt wirst, klingst du freundlich und einfühlsam und verzeihst großzügig manchen Fehlgriff. Du hast eine große Seele, Königin der Instrumente, und das schätzen wir an dir.

Heute, zu deinem 50. Geburtstag, liebe Orgel, wenn dein vergessenes Pedal zusammen mit den Manualen und vielen Registern zum Leben erweckt wird, wenn all jene wehleidigen, so leicht verstimmten Zungen-Register nicht gespielt werden, erwachst du zum Leben, bewegst unsere Herzen, berührst mit deinem Können unsere Ohren mit ungeahnten Harmonien und lässt uns wissen, dass du es wert bist, dass man dir eine Chance gibt. Nur Fachleute dürfen dich in Zukunft behandeln, dich umbauen und erhalten! Wir müssen dir mit gesunderer Luft helfen, dich vor aggressivem Klimawechsel bewahren, dann wirst du in deiner bisherigen Treue, Einzigartigkeit und Geschichte uns erhalten bleiben. Dann werden dir unsere Nachkommen dankbar zuhorchen und du wirst auch in den nächsten 50-100 Jahren kommende Generationen erfreuen. Uns aber, die wir keinen so langen Atem haben, wirst du im Trauergottesdienst verabschieden, mit deinem Takt und deinen Harmonien in die Ewigkeit geleiten. Und ehrlich gesagt, das solltest du uns wert sein! Wenn wir, dein Kirchenvolk, jeder 100 Euro für dich aufbringen, dann ständest du wieder da, erneuert, geheilt und wunderbar ertönend und würdest unsere Stimmen hineinnehmen und einbinden in das große Gotteslob!