Überschrift Segen

Gilt der Segen Gottes auch Betrügern? (Jakob und die Himmelsleiter)

Predigt vom 1. September 2013 von Pfr. Fraiss Roman
über 1Mos 28, 10-19 (Jakob und die Himmelsleiter)

 

10 Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran

11 und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen.

12 Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.

13 Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben.

14 Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.

15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.

16 Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!

17 Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.

18 Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf

19 und nannte die Stätte Bethel;

 

Liebe Gemeinde!

Dieses 1. Buch  Mose, Genesis genannt, ist das Fundament der Bibel. Alles Folgende ruht auf ihm. Dementsprechend bedeutsam sind seine Erzählungen, von der Urgeschichte mit Adam und Eva bis hin zu Abraham, Jakob und Joseph. Es handelt sich dabei um extrem verdichtete, hoch symbolische Texte. Den größten Raum darin nimmt die Gestalt Jakobs ein, immerhin von Kapitel 25 bis Kapitel 50. Mit seinem Leben wird Grundsätzliches vermittelt.

Heute wird es meine Aufgabe sein, Ihnen ein paar der symbolischen Bedeutungen aufzudröseln, die in diese Erzählung von der Himmelsleiter verpackt sind.

Dieses 1. Buch Mose ist auch ein Buch des Segens. Das Wort segnen kommt 445 mal im Alten Testament vor. In meiner Bibel damit ungefähr auf jeder zweiten Seite. Besonders  häufig aber ist im 1. Buch Mose vom Segnen die Rede, nämlich 92 Mal – und damit im Schnitt 2x pro Seite. Es geht in diesem Buch um einen Leitgedanken: Gott segnet die Seinen und begleitet sie. Aber was bewirkt Segen? Und was passiert, wenn sich die Menschen des Segens nicht würdig erweisen? Das wird uns lehrreich und symbolisch vor Augen geführt, insbesondere an der Gestalt des Jakob.

Jakob – Sie werden seine Geschichte sicher alle kennen. Ich darf nur kurz auffrischen: Schon seine Geburt ist ungewöhnlich – seiner Mutter Rebecca werden Zwillinge geboren. Zuerst Esau, dann Jakob. Seit der Kindheit besteht eine Spannung zwischen den beiden – nur einer kann das Erbe antreten: Esau, der Erstgeborene. So wird Jakob seinen Bruder Esau überlisten. Zuerst juristisch, gegen eine Unterschrift, die er dem leichtgläubigen Esau im Gegenzug für einen Linseneintopf abluchst. Dann überlistet er ihn auch noch geistlich, indem er sich den Segen des schon etwas greisen Vaters Issak erschleicht.

Doch das alles nützt ihm nichts. Er muss vor dem Zorn seines Zwillingsbruders fliehen und sein Erbe dem Bruder überlassen.

An dieser Stelle, während seiner Flucht, hat Jakob nun den berühmten Traum von der Himmelsleiter, der unser Predigttext ist.

In der Folge flieht Jakob zu seinem Onkel Laban. Doch Laban ist mindestens ebenso gerissen wie Jakob und legt seinen Neffen rein und nutzt ihn aus. Der Betrüger wird zum Betrogenen. Laban hat zwei Töchter, die ältere Lea und die schönere Rahel. Jakob will Rahel heiraten, der Schwiegervater gibt ihm aber zuerst die ältere, dann muss er noch mal 7 Jahre für ihn arbeiten, um auch Rahel zu bekommen. Schließlich nimmt Jakob mitsamt seinen Frauen und seinem Besitz reiß aus. Er kehrt wieder dorthin zurück, wo er hergekommen ist. Aber wie wird sein Bruder Esau ihn aufnehmen? Schließlich hatte der ja geschworen, ihn zu erschlagen. Keine erfreulichen Aussichten. Weit und breit kein Segen Gottes.

Doch dann, Alter macht manchmal weise und vernünftig, doch dann versöhnen sich beide und Friede kehrt wieder ein. Die heraufdämmernde Vernunft hat auch den Segen Gottes wieder sichtbar werden lassen.

Folgendes ist also der Leitgedanke im 1. Buch Mose: Abraham erhält Gottes Segen, und dieser Segen soll in Zukunft auf seiner Familie liegen. Doch mit Jakob liegt der Segen erstmals auf einem Betrüger. Es wird im 1. Buch Mose somit die Frage aufgeworfen, ob Gott in so einem Fall „mitspielt“. Die weitere Entwicklung zeigt die schweren Folgen des Täuschens auf, mit Jahrzehnten in der Fremde, großem Leid und eigenem Betrogen‑Werden. Es ist aber gar nicht Gott, der Jakob hier für seine Lügen straft. Die Lüge, zeigt uns die Bibel, straft den Lügner selbst. Sie fällt auf ihn zurück und zerstört das Glück, das er sich durch die Lüge ja eigentlich hat erhalten wollen.

Gilt bis heute. Der Ehebrecher lügt – und doch fällt die Lüge eines Tages auf ihn zurück und zerstört alles, was er sich durch die Lüge hat erhalten wollen. Diese Urgeschichten sind nämlich nicht alt, sondern zeitlos!

Diese zeitlosen Texte, ich habe es schon gesagt, sind hoch symbolisch. So haben auch manche Sätze im Predigtwort eine tiefere Bedeutung. Da heißt es belanglos: „Die Sonne war untergegangen.“ Doch in Wirklichkeit geht es um mehr. Dieses Bild will Jakobs Stimmung und Lage zeigen. Es ist Nacht um ihn geworden. Die selbst verschuldeten Probleme haben alles verdunkelt. Erst mit seiner Rückkehr, Jahrzehnte später, ändert sich das Schicksal. In Kapitel 32 steht dann folgerichtig „Und als er an Pnuël vorüberkam, ging ihm die Sonne auf.“ Das zeigt dann an, dass seine Situation und er selbst sich völlig gewandelt haben.

„Er nahm von den Steinen des Ortes und setzte ihn als Kopfkissen.“ Auch dieser Satz hat mehrere Ebenen. Er lässt die Härte spüren, die nun Jakobs Leben, fern von der Vorzugsliebe seiner Mutter, bestimmt. Zugleich gibt es eine Vorahnung von dem, was ihn in den kommenden Jahren erwartet.

Und dann dieser Traum, diese Vision, was immer es sein mag: Die Himmelsleiter, die Jakob sieht. Die Symbolik geht weiter. Es ist die Auflösung der Geschichte vom Turmbau zu Babel. Damals wollten die Menschen aus eigener Kraft Gott erreichen, ein Turm, der bis zu Gott hinauf geht. So groß zu sein wie Gott, das war der Wunsch. Die Menschen scheiterten kläglich. Genau das, was damals scheitern musste, wird hier nun geschenkt: Eine Verbindung der beiden Sphären Himmel und Erde. Durch Gott kann ein Mensch diese Verbindung erfahren. Nicht durch seine Leistung, aber als Geschenk. Eine zutiefst evangelische Überzeugung!

Dass es einen Austausch zwischen Gott und Mensch gibt, wird hier symbolisch deutlich in den Boten und ihrer Bewegung, wie sie auf dieser Leiter herumlaufen. Von der Erde steigt Manches zum Himmel auf, und umgekehrt erreichen uns Botschaften und Hilfe von oben, in vielfältiger Weise.

In diesem Traum spricht nun Gott zu Jakob. Zu einem Menschen, der bisher ohne Rücksicht den eigenen Vorteil gesucht, sogar seinen eigenen Vater getäuscht hat. Dahinter steckt natürlich eine große Botschaft an uns Menschen: Gott offenbart sich auch einem Täter, einem tief schuldig gewordenen Menschen. Gott ist offenbar bereit, lehrt diese Geschichte, uns eine neue Chance zu geben.

Gott hat Abraham versprochen, dass sein Segen auf ihm und seiner Familie liegt. Dieses Versprechen bleibt aufrecht, auch wenn Jakob so gar nicht würdig ist. Gott hält fest an uns. Dass Jakob und uns trotzdem die Folgen unserer Fehler treffen, das gehört zum System. Gottes Segen bewahrt uns nicht davor, mit den Folgen unserer eigenen Fehler zu leben.

Aber noch eine unglaubliche Botschaft ist in diesen Worten Gottes versteckt. Noch ein Wort, das bis hinein ins Neue Testament und weit darüber hinaus reicht. Gott sagt zu Jakob: „du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.“ „Alle Geschlechter auf Erden“, steht da. Gottes Segen gilt nicht exklusiv einer Familie, einer Gruppe, einem Volk. Es wird von Abraham und Jakob in die Welt gebracht, durch sie wird es deutlich, aber Gottes Segen macht nicht Halt an der Grenze dieser Familie. Er gilt allen Geschlechtern auf Erden, gilt auch uns!

Und hier Bitte nicht den falschen Umkehrschluss ziehen: Gottes Segen gilt auch uns, aber eben nicht nur uns! Uns Christen steht es nicht gut an zu sagen, diese oder jene Gruppe hätte Gottes Segen nicht. Nur weil wir Gottes Segen haben, weil er uns auch mag, sagt das ja nicht, dass er andere deshalb nicht auch segnen, mögen darf. Darin liegt ja die Wurzel aller Religionskriege und –konflikte. Zu behaupten, zu fühlen, zu wissen, dass Gottes Segen mit uns ist, das ist kein Problem. Aber wenn eine Gruppe dann beginnt zu sagen, nur wir haben ihn und jemand anders hätte ihn nicht, dann wird es schwierig. Diese Arroganz, Gottes Urteil vorwegzunehmen, war oft genug tödlich. Deshalb haben wir hier eine wertvolle Richtschnur erhalten: Gottes Segen gilt allen Geschlechtern auf Erden.

Ich möchte es nochmal anders formulieren: Gottes Liebe gerade zu den Anderen anzunehmen, das ist ein Schlüssel für das eigene Gesegnetwerden.

Sie merken, wie dicht diese Texte vom Beginn der Bibel sind. Da steckt in jedem Satz so viel Symbolik, so viel Botschaft darin, dass es in seiner Vielfalt fast nicht zu erpredigen ist. Denn es geht ja noch weiter.

Gottes Schenken ist noch nicht zu Ende; es folgt eine Beistandszusage: „Ich werde mit dir sein.“ Das bedeutet, dass Jakob nie allein sein wird, sondern immer Gottes Begleitung erfährt. Gott führt ihn nicht den richtigen Weg; zumindest nicht, wenn Jakob partout den falschen gehen will. Aber Gott ist auch auf den falschen Wegen mit uns unterwegs. Er leidet mit uns. Er leidet mit unserer Dummheit.

Es ist spannend. Wir lesen diese Geschichte von der Himmelsleiter ja eigentlich mit dem Wissen Gottes. Wir – und Gott – wissen, wie die Geschichte Jakobs weitergeht. Wir wissen, dass sich nach langen, wahrscheinlich auch notwendigen Irrwegen die Vernunft wieder einstellt, das Gute wieder heraufdämmert, der Segen wieder umfassend werden kann. Wir wissen es. Jakob, in dieser Situation, weiß es nicht. Für den sind Gottes Versprechen fast schon Phantastereien, Vertröstung, ferne Zukunftsmusik. Kurz: Eine Glaubensfrage.

Da geht es ihm wie uns in scheinbar aussichtslosen Situationen. Auch uns möchte Gott ansprechen und sagen: Ich bin bei dir. Mein Segen ist bei dir. Ich gehe deinen Weg mit dir – und ich weiß, dass es Licht am Ende geben wird, auch wenn jetzt noch Nacht ist bei dir. Die Sonne wird dir wieder aufgehen. So spricht Gott durch die Bibel auch zu uns. Phantasterei, Vertröstung? Eine Glaubensfrage! Können wir das glauben?

Jakob hat geglaubt, trotz all seiner Zweifel und all seiner eigenen Fehlerhaftigkeit. Er hatte den Mut unter diesem Versprechen Gottes seinen schweren Weg weiterzugehen, um dann an das verheißene, gute Ende zu gelangen.

Diese Geschichten aus dem 1. Mosebuch sind zeitlose Symbolgeschichten. Auch heute gibt es Jakobs, Menschen in den Scherben ihrer Fehler, und doch von Gott angesprochen. Lassen sie, lassen wir uns von Gott ansprechen? Er tut es – auch und gerade durch diese alten, zeitlosen Geschichten. Können wir es glauben, dass auch auf uns diese Verheißungen, dieser Segen Gottes liegt? Er ist bei uns und wird uns führen durch all unsere Verstrickungen.

Amen.