Gott ist nahe - Predigt zu 2Mos 33

Gott ist nahe – Predigt zu 2Mos 33

Predigt von Pfarrer Fraiss vom 15. Jänner 2017 über 2Mos 33, 17-23

 

Bibeltext:

17 Der HERR antwortete: »Ich werde auch diese Bitte erfüllen, weil du in meiner Gunst stehst und mein Vertrauter bist.«

18 Nun bat Mose den HERRN: »Lass mich doch den Glanz deiner Herrlichkeit sehen!«

19 Der HERR erwiderte: »Ich werde in meiner ganzen Pracht und Hoheit an dir vorüberziehen und meinen Namen ‚der HERR‘ vor dir ausrufen. Es liegt in meiner freien Entscheidung, wem ich meine Gnade erweise; es ist allein meine Sache, wem ich mein Erbarmen schenke.

20 Trotzdem darfst du mein Gesicht nicht sehen; denn niemand, der mich sieht, bleibt am Leben.«

21 Weiter sagte der HERR: »Hier auf dem Felsen neben mir kannst du stehen.

22 Wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht, werde ich dich in einen Felsspalt stellen und dich mit meiner Hand bedecken, bis ich vorüber bin.

23 Dann werde ich meine Hand wegnehmen und du kannst mir nachschauen. Aber von vorn darf mich niemand sehen.«

 

Liebe Gemeinde!

Das ist ja eine steile Geschichte. Gott geht auf der Erde an Mose vorbei, weil der sich das so wünscht. Genau wegen solcher Geschichten zweifeln manche Menschen. „Das soll ich glauben? Das ist aber schon sehr weit hergeholt!“

Nun, weit hergeholt, im Gegenteil! Wir haben Gott weit weggedacht. Wir haben ihn irgendwo im Himmel, im All, irgendwo hinter der Milchstraße verräumt. Wenn wir dann zu ihm beten wollen, müssen wir ihn erst von weit herholen.

Die heutige Geschichte von Mose will uns etwas sagen: Das ist nicht weit hergeholt. Denn Gott ist nicht weit weg! Er ist ganz nahe. Mose hat das spüren können. Der Unterschied zwischen Mose und mir ist vielleicht nur der, dass der Glaube von Mose stärker war, sein religiöses Gespür besser. Er hat diesen nahen Gott spüren können. Sehen ja nicht, das gelang ja nicht einmal ihm. Sehen kannst du ihn nicht, sagt die Bibel.

Gott ist nahe!

Zur Papstkrönung wurde Johannes XXIII – wie das damals noch üblich war – auf den Schultern von Zwölf Männern auf einem Tragesessel in den Petersdom getragen. Dieser Sessel war ihm aber aus zwei Gründen zuwider. Er wollte nicht über den Köpfen der anderen schweben, und – ihm wurde dabei schwindlig.

Bevor die Männer mit dem Tragesessel den Petersdom betraten, ließ er sie anhalten und sagte zu ihnen: „Als ich ein kleiner Junge war, trug mein Vater mich auf seiner Schulter in die Kirche. Jetzt tragt ihr mich auf euren Schultern. Dazwischen liegt mein Leben. Das Geheimnis, aber, besteht darin, sich von Gott tragen zu lassen!“

Gott ist nahe!

Das hat Johannes XXIII gewusst, das wissen und spüren ganz viele andere Menschen ebenso. Früher wie heute. Gott will nicht fern sein, unnahbar, eine diskutierbare Theorie. Dazu haben wir ihn gemacht. Gott ist uns nahe, ob wir ihn spüren oder nicht. Gott ist uns nahe, ob wir wollen oder nicht. Gott ist uns nahe!

„Bevor ich nicht weiß, ob es Gott überhaupt gibt, wie soll ich da an ihn glauben?“ Das sagen doch manchmal Leute. Ich habe keinen Beweis, darum kann ich nicht glauben.

Dazu gibt es auch eine kleine Geschichte, die von der Rolltreppe.

Du kennst eine Rolltreppe. So eine, die nicht ständig läuft, sondern sich nur bei Bedarf durch eine Lichtschranke einschalten lässt. Nun stell dir vor, ein altes Mütterlein vom Lande kommt in die Stadt. Jemand zeigt ihr die Rolltreppe und sagt: „Die bringt sie nach oben!“ Die Frau schaut eine Weile auf die Treppe, schüttelt dann den Kopf und sagt: „Sie meinen wohl, sie können mir alles erzählen? Die bewegt sich doch gar nicht. Ich gehe lieber zu Fuß nach oben, da weiß ich, dass ich ankomme.“ Da nimmt der Mann die alte frau am Arm, geht mit ihr auf die Rolltreppe, und plötzlich steht fest: Es funktioniert.

So, könnte man nun erwidern, ist es auch mit Gott und dem Glauben an ihn. Solange du auf Beweise wartest, ehe du an ihn glaubst, so lange passiert gar nichts. Du bekommst nur immer neu die Bestätigung, dass du mit deiner Skepsis recht hast. Erst wenn du den Fuß auf die Rolltreppe setzt, erfährst du, ob es nach oben geht.

Glaube muss man tun, leben. Es ist wie beim Essen. Wenn ich nur davon rede, dann werde ich nicht satt. Wenn ich vom Glauben nur rede, werde ich auch nicht erfüllt. Ich muss ihn üben, ausüben.

Dieses Bild von der Rolltreppe lässt sich auch erweitern. Ich stehe davor und sehe, dass sich nichts bewegt. Nun könnte ich ja auch stehen und warten, was passiert, wenn jemand anders auf die Treppe geht. So ist es ja im Glauben auch. Ich muss nicht alleine gehen. Da gibt es viele Menschen, die auf Gott vertrauen, die mit ihm leben, die sich ihm nahe wissen. Die gibt es. Auf die könnte ich schauen und würde dann schon sehen und ermuntert werden, es auch mit ihm zu probieren.

Doch nicht einmal das motiviert die Menschen noch, an Gott zu glauben. Selbst dass es so viele tun, ist ihnen kein Beweis. Denn, anders herum, gibt es ja auch so viele Menschen, die nicht glauben.

Nun ja: Es gibt Menschen, die nehmen die Rolltreppe. Es gibt andere, die gehen die Stiegen. Aber: Nur weil jemand die Rolltreppe nicht benützt, ist sie trotzdem da und funktioniert. Man kann es sogar sehen, wenn man hinschaut. Man kann es erfühlen, wenn man sich darauf einlässt.

Moses hat es erfühlt, dass Gott nahe ist. Mose wurde erfüllt von Gott und hat Großes bewirkt.

In der Lesung hat uns Sara den Beginn des Buches vom Propheten Jona vorgelesen. Auch das ist ja eine sehr unglaubliche Geschichte. Jona spürt die Nähe Gottes. Gott sagt ihm: Geh nach Niniveh und sagt den Leuten, dass es so nicht weitergeht. Sie sollen sich ändern oder ich werde die Stadt vernichten. Und was macht Jona? Er rennt davon. Ihn belastet die Nähe Gottes. Er will sich ihr sogar entziehen. So sehr erlebt er die Nähe Gottes. Jona will die Nähe Gottes gar nicht! Er will seine Ruhe haben. So wie wir auch des Öfteren.

Jona geht auf ein Schiff und haut ab. Aber es funktioniert nicht. Das Schiff gerät in Seenot und Jona über Bord. Ein Walfisch fängt ihn und bringt ihn nach drei Tagen an Land. Und dann fügt sich Jona und sagt Ninive, was zu sagen ist.

Unglaublich, diese Geschichte. Und wieder steckt da genau das drinnen, worüber ich jetzt die ganze Zeit rede: Der nahe Gott, der erlebbar ist.

Damit sollten wir rechnen. Wir sollten Gott in unseren Gedanken aus seinem Versteck hinter der Milchstraße herausholen. „Ich bin bei dir“, so ist es uns in der Bibel mehrmals gesagt (Ps 139, 18, Jes 43, 5, Jer 1, 8).

Die Geschichte von Mose ist ja gar nicht so unglaublich. Sie beschreibt nur das, was Mose erlebt hat. Dass man mit Gott reden kann, dass Gott zu ihm kommt und ihm beisteht. Sie stellt uns Mose als Beispiel, als Vorbild vor Augen. Es geht nicht darum: Das ist irgendwann mal passiert. Die Botschaft ist: Das kann auch dir passieren! Es ist dir vielleicht sogar schon in einem Leben passiert, das Gott nahe war. Wir nennen das heute oft nicht mehr Gott, sondern sagen manchmal: „Da hast du aber ein Schutzengerl gehabt“. Oder: „Da hat aber jemand seine schützende Hand über dich gehalten.“

Es gibt in jedem Leben so besondere Momente. So Chancen, an denen wir die Nähe Gottes spüren, erfahren können. Aber manchmal stehen wir nur da wie die Frau vor der Rolltreppe und wollen gar nicht verstehen.

Auch die Konfirmationszeit ist so ein Abschnitt. Da versucht der Pfarrer, den Blick zu weiten: Schaut hin, wie groß euer Gott ist. Lasst euch auf ihn ein!

Und immer wieder sollte uns das gesagt werden: Schaut hin, wie groß euer Gott ist. Spürt es: Gott ist nahe.

Amen.