Ich bin der Weinstock

Ich bin der Weinstock

Predigt von Pfr. Roman Fraiss vom 26. April 2015 über das Jesuswort vom Weinstock und seinen Reben.

Joh 15

1 Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner.

2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.

3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.

4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.

5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen.

7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.

8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

 

 

Liebe Gemeinde!

Viele von Ihnen werden sicher das Lied kennen, das – ich glaube Hans Moser – in einem seiner Filme gesungen hat:

Ich muss im früheren Leben eine Reblaus g’wesen sein,
sonst wär’ die Sehnsucht nicht so groß nach einem Wein.
Drum tu den Wein ich auch nicht trinken, sondern beißen
und hab’ den Roten grad so gern als wie den Weißen.
Und schwören könnt ich, dass ich eine Reblaus g’wesen bin.
Ich weiß bestimmt, ich hab’ gehaust in einem Weingarten bei Wien.
Drum hab’ den Gumpoldskirchner ich so vom Herzen gern,
und wenn ich stirb, möcht’ ich eine Reblaus wieder werd’n.

Wissen Sie eigentlich, was eine Reblaus macht? Ich habe nachgelesen. Sie wurde Mitte des 19. Jhdts. von Amerika nach Europa eingeschleppt. Ihr Aufkommen löste im Weinbau Europas eine Katastrophe aus. Ganze Weinbauregionen wurden vernichtet. Die Reblaus bohrt die Wurzel des Weinstocks an und entzieht damit den Reben ihre Nährstoffe. Erst als man europäische Reben auf amerikanische Weinstöcke gepfropft hat, hat man das Problem in den Griff bekommen.

Doch zurück zum Reblauslied. Stellen wir uns diesen Heurigensänger einmal vor, der solche Lieder singt. Der ist ein recht harmloser Kerl. Er ist vom Leben nicht gerade gut behandelt und dem Wein ein wenig zu viel zugetan. Vielleicht, könnte sein, hat ihn die Frau verlassen. Er hat halt noch seine Freunde beim Heurigen, mit denen er lange Abende sitzt und philosophiert. Religiös arrangiert er sich mit Satz eines anderen Wienerliedes: „Wenn der Herrgott net wü nutzt das gor nix.“

So einfach kann man sich das Leben deuten. Die einen haben Glück, die andern haben Pech. Es ist Schicksal.

Nein, sagt Jesus, es ist nicht nur Schicksal. Dein Leben ist immer auch das, was du daraus machst. Es ist nicht immer gerecht, das Leben auf dieser Welt. Aber du kannst etwas dazu beitragen, dass es gerechter wird. Du kannst etwas dazu beitragen, dass es dir gut geht und gut ergeht.

Und dann bringt Jesus sein Bild vom Wein. Nicht: Ich möchte eine Reblaus sein. Er sagt, ganz anders: Ihr könnt sein wie Trauben an meinem Weinstock. Verwurzelt euch im Glauben an mir, dann fließt euch das Wichtige des Lebens zu. Bei mir habt ihr Zeit, zu wachsen und zu reifen. Ihr seid die Trauben. Die Kraft, die ihr braucht, der Lebenssaft, der fließt durch mich zu euch. So bleibt am Weinstock und glaubt nicht, dass es ohne Weinstock besser geht, dass es mehr Freiheit und Spaß bedeutet, nicht mehr mit der Quelle des Lebens verbunden zu sein.

Jesus will uns sagen, dass wir mit Gott verbunden sind, so wie die Trauben mit dem Weinstock. Wir hängen – unsichtbar aber beständig – mit Gott zusammen. Die Lebenskraft, die uns gedeihen lässt, die kommt von Gott. Es ist ja wirklich oft beeindruckend: Wenn wir ganz fertig und wie erschlagen sind, dann bekommen Menschen immer wieder von irgendwoher die Kraft, weiterzumachen. Der Weinstock lässt seine Trauben nicht im Stich!

Wir Menschen sollten also gut gedeihende Früchte an Gottes Weinstock sein. [Pause] Sollten. Allzu oft sind wir allerdings eher die Reblaus in Gottes Garten. Wir hängen dann nicht wie gute Trauben am Weinstock und werden reifer und klüger und weiser. Manche Menschen sitzen wie die Reblaus am Stamm und saugen alles aus diesem Leben heraus, was sie kriegen können. Egal, ob das jemand anderem schadet oder nicht. Wie Rebläuse den Weinstock zerstören, von dem sie leben, so nagen auch wir bedrohlich an unserer Welt. Wir verhalten uns oft wie Schädlinge. Wir leben ein Leben, das uns geschenkt ist, glauben, uns ums nichts und niemand dabei kümmern zu müssen. Wir bleiben gerne im Verborgenen, naschen in vollen Zügen am Lebenssaft, sitzen ansonsten wie die Reblaus auf der kühlen Erde und fragen uns nicht, was danach kommt.

Im Weinbau lässt man sich das nicht bieten. Da gibt es inzwischen hochwirksame Gifte, mit denen den Rebläusen zu Leibe gerückt wird. Wenn der Hans Moser damals gewusst hätte, mit wie viel Gift heutzutage Rebläuse bekämpft werden, dann hätte er wohl nicht mehr gesungen: „wenn ich stirb, möcht’ ich eine Reblaus wieder werd’n.“

Ach ja, unser Heurigensänger. Der singt zwar, dass er eine Reblaus sein möchte. Aber in Wirklichkeit ist er ein armes Früchtchen. Er ist ein gutmütiger Kerl, der halt lieber beim Heurigen sitzt als daheim oder in der Arbeit. Ein Verlierer des Lebens. Er saugt den anderen nicht den Saft oder das Geld weg, sondern ist eher der, den die anderen ausnutzen, dem am Ende nichts bleibt.

Aber er tut auch nichts dagegen. Er sitzt und jammert. Aber Gott sagt: Hefte dich an mich als deinen Weinstock, dann wird die Kraft dir zufließen. Nicht der Wein ist die Lösung, sondern das Verwurzelt‑Sein in Gott. Sei keine Reblaus, die anderen alles wegsaugt. Sei ein reifer Mensch, der warten kann, bis er Kraft und Wachstum von seiner Wurzel, seinem Gott empfängt.

„Wer bei mir bleibt, der bringt viel Frucht“, heißt es in der Bibel. Gott gibt uns die Kraft und den Verstand, gute und richtige Taten zu tun. Jeder auf seine Weise mit seinen Stärken und Schwächen. Das ist ja das Schöne an dem Bild vom Weinstock. Der Glaube an Gott ist nicht das Ziel, und wenn ich den dann habe, geht’s mir gut und alles ist erledigt. Glaube ist ein Weg des inneren Wachsens. Wenn ich zu Gott finde, dann reife ich heran und entwickle mich weiter. Glaube ist ein Weg des inneren Wachsens.

Auch für unseren kleinen Heurigensänger ist das die Hoffnung. Momentan ist sein Leben ja eher trist. Er lebt halt so für den nächsten Tag, schaut was kommt. Und am Abend, wenn’s geht, geht er wieder zum Heurigen und diskutiert mit „seine Freind“ über Gott und die Welt und das Leben. Dann trinkt er ein paar Glaserln, ist deprimiert und tröstet sich mit Gesang. Er glaubt an den Herrgott, aber er hat das Gefühl, es hilft nix.

So sitzt er also beim Heurigen und philosophiert mit seine Freind: „Da war ich letztens beim Pfarrer und hab ihm das erzählt, dass ich im früheren Leben eine Reblaus gewesen bin. Und hab ihm g’sagt, er soll für mich beten, dass ich’s im nächsten Leben wieder werd’. Weil Mensch sein, das taugt mir nicht so. Hat mich der Pfarrer blöd angeschaut und gesagt, wir Christen glauben gar nicht an die Wiedergeburt. Dann hat er gesagt, dass ich keine Reblaus bin, sondern eine Traube an Gottes Weinstock. Auch gut. Hauptsache Wein. Aber da habe ich ihm dann schon auch die Meinung gesagt. Da ist der Herrgott schon ein unfairer Weingärtner, wenn er manche Trauben einfach so auf dem Trockenen sitzen lässt wie mich! Aber so ist es halt. Einer hat immer das Bummerl – und das bin ich.“ Auch das ist ja eine in Liedform gefasste Heurigenweisheit: „Einer hat immer des Bummerl. Einer muss immer verlier’n.“

Gott gibt eine klare Antwort. „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Auch wenn ihr gerade eine Zeit der Dürre erlebt, ich werde euch wieder Kraft geben. Bleibt bei mir!“ Das heißt: vertraut mir.

Dieses Versprechen gilt auch für unseren Heurigensänger. Auch er kann diesen Lebenssaft, diese Kraft, die von Gott kommt, nutzen. Er ist, so wie wir, mit Gott verbunden. Auch bei ihm kann es aufwärts gehen. Er muss halt wirklich wollen und die ersten Schritte gehen. Gott hilft ihm, Gott nimmt ihm aber nicht ab, es selber zu wollen und sich zu engagieren.

Wir alle sind – manche mehr, manche weniger – verbunden mit diesem Weinstock. Auch wenn wir gerade zu verdorren scheinen, es wird wieder der Lebenssaft fließen. Gott kann uns wieder aufrichten und unser Leben bis zum Rand erfüllen. Wir müssen nur dranbleiben, nicht aufgeben. Manchmal dauert es und manchmal dauert es lange. Aber Gott ist der Weinstock und wir sind die Reben. Und wer bei ihm bleibt, bei dem bleibt er.

Amen.