Nösner Straße

Nösner Straße

Predigtgedanken zur Nösner Straße – aus unserer Predigtreihe über die Straßennamen in der Rosenau.

Liebe Gemeinde!

Die Nösner Straße. Sie geht von der Paul Wiener Straße auf der Höhe der Rot Kreuz Stelle ab und mündet dann nach einer kleinen Ecke in der Toleranzstraße.

Die Geschichte der Nösner Straße weicht ab von der Geschichte der anderen Straßen. War es Pfr. Schuster, der die meisten Straßen der Rosenau benannt hat, so war es hier Pfr. Petri, der einen Namen geben durfte. Er wählte nun den Namen Nösner Straße.

Und – so hat er mir erzählt – das ist damals bei ein paar Leuten gar nicht gut angekommen. Warum er eine Straße hier nach „Tschuschen“ benenne, so der völlig inkorrekte Vorwurf. Ich habe den Vorwurf gar nicht verstanden, weil ich zu meiner Schande gar nicht gewusst habe, was Nösen eigentlich ist.

Wahrscheinlich wissen Sie es schon. Nösen ist der deutsche Name der Stadt Bistritz. Und dieses Bistritz, dieses Nösen gehörte ganz am Anfang der Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen zu den ersten von den Moselfranken errichteten Siedlungen dort unten. Bald wurden auch die anderen etwa 26 Deutsch-Siebenbürgisch-Sächsischen Siedlungen als „Nösnerland“ und die Menschen als Nösner.

Es ist interessant, dass der Familienname Nösen über 66 mal in Luxemburg – übrigens auch ein Gebiet der Auswanderung – vorkommt.

Zirka 90 Jahre nach der Ankunft der ersten Siedler kamen 1241 die Mongolen und verwüsteten den neu gegründeten Ort. Überlebende bauten Nösen erneut auf. 1264 ist Nösen als Stadt erstmalig in den Urkunden erwähnt.

Nösen wurde zu einer wichtigen Handelsstadt. Die Waren aus dem Osten, aus Russland, der Türkei, ja sogar auch China wurden nach Wien, Nürnberg, Augsburg weitergeführt und umgekehrt. Die Stadtpfarrkirche, im 16. Jhdt. errichtet, besitzt den höchsten Kirchturm Siebenbürgens und hat Platz für bis zu 4.000 Gottesdienst Besucher.

 Es ist so auch kein Wunder, dass die Studenten aus Wien und Deutschland (alle Siebenbürger studierten im Westen) auch die Gedanken der Reformation in ihre Heimat brachten. So kam es auch im Nösnerland zu einer sanften Reformation ohne Bildersturm und ohne radikale Umstürze. Im Gegenteil. Hier wurde die neue Konfession neben den anderen toleriert. Bereits um 1565 wurde in Siebenbürgen die Religionsfreiheit zum Gesetz.

Im Herbst 1944 fällt der Krieg schließlich auch in Siebenbürgen ein. Es kommt zur Flucht. Einige der Bewohner des Nösnerlandes landen in Österreich, die meisten davon in Oberösterreich.

Pfarrer Petri schreibt dazu: Für mich, einem Südsiebenbürger, sind die Leute aus dem Nösnerland durch folgende Kennzeichen aufgefallen:

– Bescheidenheit. Sie haben viel leichter den „großen Fall“ vom siebenbürgischen Bauern und Grundbesitzer zum oberösterreichischen Knecht, zur Magd ertragen und annehmen können. Denn Fall vom angesehenen Bürger und Fachmann zum Hilfsarbeiter. Dieses Annehmen des Schicksals verdanken sie der ihnen mitgegebenen Bescheidenheit.

– tiefe Frömmigkeit! Eine tiefe Frömmigkeit hat ihnen in den Jahren der Not, der Flucht, beim Leben in den Baracken, und dem Verlust der Heimat und der Söhne und Väter geholfen.

– Es war ihnen selbstverständlich, ihre Kirchen hier neu zu bauen. Trotzdem haben viele dabei mitgeholfen, ihre Heimatkirchen in Rumänien zu renovieren, obwohl sie oftmals rumänisch-orthodoxen Gemeinden übergeben wurden.

Diese Treue, diese Eigenschaften haben mir die Nösner lieb werden lassen, schreibt Pfarrer Petri. Als ich gefragt wurde, welchen Namen die neue Straße tragen solle, wählte ich zum memento Nösner Strasse. Es ist die Erinnerung an die Heimat einiger unserer Familien, an eine wunderschöne Landschaft, Dörfer und vor allem die schöne, geschichts- und kulturträchtige Stadt Bistriz – Nösen.