Pfingstpredigt 2020

Pfingstpredigt 2020

Predigt von Pfr. Fraiss zum Pfingstfest 2020 in der Rosenau und Rutzenmoos. Predigtstelle: Apg 2, 1-18

Liebe Gemeinde!

Ein gebrauchtes Auto privat zu kaufen ist Stress. Zumindest für mich. Man kann nicht alles überprüfen. Irgendwo könnte noch ein versteckter Schaden sitzen. Dann muss man sich das Auto anschauen, so tun als kennte man sich aus und über den Preis verhandeln. Das kann ich schon gar nicht. Vor ein paar Jahren haben sie mich bei einem unserer Flohmärkte aus dem Verkaufsteam genommen, weil ich immer zu nett war und alles zu billig hergab. Ich bin also kein guter Gebrauchtwagenkäufer.

Genau aus diesem Bereich hat mir jemand, der sich viel besser auskennt, eine interessante Begegnung erzählt. Der Mann, Hobby-Mechaniker, hatte eine alte Schüssel zu verkaufen. Er hat sie etwas hergerichtet und auf Hochglanz poliert. Sah gut aus. Er wusste: Sieht nach mehr aus als es wert ist.

Eine nette, leicht verunsicherte Frau kam sich den Wagen anschauen. Er erzählte ihr all das, was man im Verkaufsgespräch erzählt. Er merkte schon: viel Ahnung hat sie nicht. Er merkte auch: Sie wird den Preis zahlen, den er vorschlägt. Er braucht nicht handeln; er macht ein gutes Geschäft. Schrott gegen bares Geld.

Doch dann passierte etwas, hat er mir erzählt. Es war wie eine Eingebung. Es war ihm, als würde er einen traurigen Blick bei ihr wahrnehmen. Und mit einem Mal hat er seinen Plan geändert. Er verkauft den Wagen zu dem geringen Preis, den er wirklich wert ist. Er machte zwar keinen Verlust, aber auch nicht den Gewinn, den er sich erhofft hatte.

Eine kleine Entscheidung wie durch eine Eingebung hat den Unterschied ausgemacht. Vielleicht hat er gespürt, dass sie Geldsorgen hat, dass es Probleme gibt, dass er hier auf irgendeine Weise gebraucht wird. Wir nennen diese kleinen Eingebungen den Heiligen Geist.

Menschen entscheiden sich für das Gute, sei es aus Überzeugung oder aus einer plötzlichen Eingebung heraus. Sogar gegen einen Vorteil wählen sie etwas, was in einem größeren Sinn „besser“ ist. Manchmal scheint das unbegreiflich. Aber wenn Menschen so handeln, wenn sie sich auf diese neue Sicht einlassen, erfahren sie eine innere Sicherheit und eine Gewissheit, das Richtige zu tun. Der Mann hat innerlich gewusst: „Das war richtig so.“ Wer mit Gottes Geist handelt, den begleiten positive Gefühle, der erfährt Freude, Geduld, ja, einen „inneren Frieden“.

Diese innere Kraft ist mehr als ein positiver Energiestrom. Sie ist ein innerer Zuspruch, hinter dem „jemand“ steht: der Heilige Geist. Er steht den Menschen zum Guten bei, schenkt Weisheit und Einsicht. Er hilft in kritischen Situationen und begleitet durch den Alltag.

Die Jünger waren am Pfingsttag auch in einer kritischen Situation. Jesus gestorben. Jesus wieder erschienen. Ab Himmelfahrt ist Jesus weg. Es gibt keine Erscheinungen mehr. Nun sind die Jünger auf sich allein gestellt. Was sollen sie tun? Hat das alles noch Sinn? Die lachen uns ja aus, die Leute, wenn wir ihnen erzählen, dass ein toter Mensch unsere Rettung sein soll. Wir werden uns bis auf die Knochen blamieren, fürchten sie, wenn wir von Jesus erzählen. Sie werden uns auslachen oder – noch schlimmer – hinrichten wie Jesus. Unsicherheit und Angst lähmen die Jünger.
Ihnen geht es wie uns, wenn wir vor Neuem, Ungewohnten, vor Problemen stehen und uns nicht so recht trauen, den ersten und entscheidenden Schritt zu gehen.

Und dann geht ein Ruck durch die Jünger. Wie Feuer vom Himmel brennt es plötzlich in ihren Herzen. Nicht die Welt ändert sich, sondern sie ändern die Welt. Nicht das Äußere verändert sich, sondern sie werden in ihrem Inneren gestärkt. Nun haben sie den Mut, zu den Menschen zu gehen und sie von Jesus zu begeistern. Nun verändern sie die Welt!
Von Karfreitag bis Pfingsten erleben sie eine Krise, erleben sie ein Auf und Ab ihrer Gefühle. Zu Pfingsten gehen sie es an und machen etwas daraus.

Damit sind wir sehr nahe an dem, wie es uns ergeht. Auch wir erleben in diesen Monaten eine Krise, deren Ausmaß vor einem halben Jahr noch unvorstellbar war. Und wir erleben nach dem ersten Schock, wie die Menschen ganz verschieden reagieren. Manche mit Angst, andere mit Wut, andere mit Verdrängung, andere mit Zuversicht. Alles das werden auch die Jünger durchlebt haben. Zum Beispiel Thomas. Der hat gesagt: Solange ich nicht die Wunden von Jesus berühren kann, solange glaub‘ ich gar nichts. Was ich nicht sehen kann, kann nicht sein. Jeder hat auf seine Weise reagiert. So wie auch jetzt bei uns die Menschen ganz verschieden reagieren.

Manche Reaktionen bringen uns aber nicht weiter. Sie sind Stillstand. Stillstand ist, wenn ich mich ängstlich zurückziehe. Stillstand ist, wenn ich nur frustriert schimpfe. Stillstand ist, wenn ich sage, dass alles übertrieben ist und Verschwörungen wittere. Das ist alles nachvollziehbar, bringt uns aber nicht weiter. Es ist Stillstand.

Der Heilige Geist will das Gegenteil. Er will uns bewegen, etwas zu tun. Der Heilige Geist kann uns befreien von dem, was hemmt. Angst und Wut und Kritik und Zweifel sind nicht schlecht. Sie dürfen sein. Doch es muss auch weitergehen, wir müssen vorwärtssehen. Und vorwärts bringt uns der Heilige Geist. Er führt uns vom Stillstand zur Bewegung.

Die Jünger waren wie gelähmt nach Christi Himmelfahrt. Sie saßen im Haus in Jerusalem. Das Wunder, das ihnen am Pfingstmorgen widerfuhr, war die Veränderung. Die Veränderung vom Stillstand, von der Angst, dazu, nun hinaus zu gehen und von Jesus zu erzählen. Aus einem verschreckten Haufen wurden die mutigen Begründer der Kirche. Das ist das Wunder. Diese paar Jünger in diesem Jerusalem haben das Christentum begründet, dem heute Milliarden Menschen anhängen. Das ist Pfingsten passiert.

Und so was passiert immer wieder. Dass verunsicherte Menschen aufstehen und gemeinsam mit einem Ziel vor Augen etwas Großes erreichen. Diese Kirche hier: Es war kein Geld da, der Verlust der Heimat steckte den Menschen noch in den Knochen. Und dann die Vision: eine Kirche als geistliches Zuhause zu bauen. Mit einem Wunsch, einer Vision im Kopf stehen wir auf und opfern uns auf und erleben dabei aber auch Erfüllung.
So wie die Jünger glücklich waren, als es weiterging.
So wie auch der Gebrauchtwagenverkäufer zwar nicht reicher, aber zufrieden war.
So wie die Menschen, die hier an der Kirche mitgearbeitet haben, in ihrer Freizeit gearbeitet haben, sie haben Miteinander und Zufriedenheit geschenkt bekommen.

Wir suchen Gott immer irgendwo an besonderen Plätzen – aber finden können wir ihn in uns drin. Gottes Geist ist mir näher, als ich denke! Dem Heiligen Geist zu folgen, führt mich dazu, einen guten Weg zu gehen, mutig zu gehen, und Erfüllung zu erleben.

In diesem Zusammenhang denke ich an die dritte Strophe unserer Bundeshymne, aus der so ein guter Geist weht. Da wurde gedichtet: „Mutig in die neuen Zeiten, frei und gläubig sieh uns schreiten, arbeitsfroh und hoffnungsreich.“
Amen.