Predigt: Alles hat seine Zeit

Predigt: Alles hat seine Zeit

Predigt zu Pr 3, 1-8 im Rahmen des Maturagottesdienstes des BG Vöcklabruck 2019

 

1 Alles, was auf der Erde geschieht, hat seine von Gott bestimmte Zeit:

2 geboren werden und sterben, einpflanzen und ausreißen,

3 töten und Leben retten, niederreißen und aufbauen,

4 weinen und lachen, wehklagen und tanzen,

5 Steine werfen und Steine aufsammeln, sich umarmen und sich aus der Umarmung lösen,

6 finden und verlieren, aufbewahren und wegwerfen,

7 zerreißen und zusammennähen, schweigen und reden.

8 Das Lieben hat seine Zeit und auch das Hassen, der Krieg und der Frieden.

 

Liebe Maturanten und Maturantinnen!
Liebe Schüler, Eltern, Verwandte!
Liebe Lehrer und Lehrerinnen!

Stell dir vor, du hast bei einem Wettbewerb folgenden Preis gewonnen:
Jeden Morgen stellt dir die Bank 8.640 Euro auf deinem Bankkonto zur Verfügung. Doch dieses Spiel hat auch Regeln, so wie jedes Spiel bestimmte Regeln hat.

  • Die erste Regel ist: Alles was du im Laufe des Tages nicht ausgegeben hast, wird dir wieder weggenommen, du kannst das Geld nicht einfach auf ein anderes Konto überweisen, du kannst es nur ausgeben. Aber jeden Morgen, wenn du erwachst, eröffnet dir die Bank ein neues Konto mit neuen 8.640 Euro für den kommenden Tag.
  • Zweite Regel: Die Bank kann das Spiel ohne Vorwarnung beenden, zu jeder Zeit kann sie sagen: Es ist vorbei. Das Spiel ist aus. Sie kann das Konto schließen und du bekommst kein neues mehr.

Was würdest du tun?

Würdest du dir alles kaufen, was du möchtest? Nicht nur für dich selbst, auch für alle Menschen, die du liebst. Vielleicht sogar für Menschen, die du nicht kennst, weil du das alles sowieso nie für dich alleine ausgeben könntest? Du würdest versuchen, jeden Cent auszugeben und ihn zu nutzen, oder?

 

Eigentlich ist dieses Spiel die Realität: Jeder von uns hat so eine „magische Bank“. Die magische Bank ist die Zeit. Jeden Morgen, wenn wir aufwachen, bekommen wir 86.400 Sekunden Leben für den Tag geschenkt. Wenn wir am Abend einschlafen, wird uns die übrige Zeit nicht gutgeschrieben. Was wir an diesem Tag nicht gelebt haben, ist verloren, für immer verloren, gestern ist vergangen. Jeden Morgen beginnt sich das Konto neu zu füllen, aber die Bank kann das Konto jederzeit auflösen, ohne Vorwarnung.

Was machst du also mit deinen täglichen 86.400 Sekunden? Sind sie nicht viel mehr wert als 8.640 Euro?

Was machen wir mit unserer Zeit?
Was macht ihr mit eurer Zeit?

Heute jammern so viele Menschen darüber, dass sie keine Zeit hätten. Wir haben aber immer noch genauso viel Zeit wie die Menschen vor uns. Eigentlich sogar mehr, weil wir länger leben. Trotzdem wird so vielen die Zeit knapp.

Zum einen, weil uns viel abverlangt wird. Manche Arbeit presst viel Zeit aus ihren Arbeitern heraus.

An Zeit mangelt es aber auch, weil wir einem Überangebot an Möglichkeiten gegenüberstehen. Ihr könnt so viel tun im Leben, aber die Zeit reicht nicht, um alles zu tun, was möglich wäre. Wir müssen Verzicht lernen, denn wir können nicht alles tun und erleben, was wir tun und erleben könnten.

Allein die Frage, wie es weitergeht. Jeder von Euch hätte das Talent für mindestens 30 verschiedene Studien, könnte arbeiten gehen, könnte was weiß ich was machen. Und doch könnt ihr es eben nicht alles tun, sondern müsst wählen. Wenn ihr zu einer Sache „Ja“ sagt, sagt ihr automatisch „Nein“ zu anderen Möglichkeiten.

Mit der Zeit ist es wie mit dem Geld: Manchmal hat man den Eindruck, wir könnten nie genug davon bekommen. Und doch reicht schon wenig Zeit, reicht schon wenig Geld, um glücklich und zufrieden zu sein. Du musst nicht alles haben und alles machen, um Glück und Zufriedenheit zu empfinden. Im Gegenteil: Wer mehr und noch mehr will, der verliert oft den Wert des kleinen Glücks aus den Augen.

Um das zu erkennen und zu verstehen lasst euch diesen einen Satz der Bibel noch einmal sagen: Alles im Leben hat seine Zeit.

Du kannst im Leben sehr vieles haben und erreichen. Es geht sich aber nicht jeder Wunsch aus. Vor allem: du kannst es nicht immer zu der Zeit haben, in der du es gerade möchtest. „Alles hat seine Zeit“ will euch sagen, dass man nicht alles immer sofort haben kann, weil das Leben kein Kaufhaus ist, in dem alles zum sofortigen Konsum bereitliegt. Es ist vielmehr ein Bergwerk, bei dem man Stück für Stück seiner Träume aus dem Stein heraushauen, erarbeiten muss.

Ihr habt euch den Weg zur Matura erarbeitet. Nun liegt sie vor euch. Eine Zeit des Lernens. Und ihr folgt, bald schon, eine Zeit der Freude über den Erfolg. Eine Zeit, voll von Zukunftsideen und neuen Entscheidungen

Wie oft ist euch die Zeit in der Schule endlos vorgekommen und ihr habt gedacht: Wann ist die Schule endlich vorüber. Alles hat seine Zeit. Heute ist die Schulzeit vorbei, unwiederbringlich. Vielleicht denkt ihr schon bald wehmütig: Eigentlich säße ich jetzt gerne wieder mit meinen Freunden im Klassenzimmer.

Alles hat seine Zeit. Das ist eine ewige Weisheit. Sie hilft uns, zu erkennen, wie wertvoll unsere Zeit ist. Wir müssen sie nutzen, gut verwalten.

Es ist eure Zeit, die ihr euch nicht nehmen, nicht ausbeuten lassen dürft. Zeit nutzen ist mehr als erfolgreich arbeiten und lernen. Nutzen heißt, meine Lebenszeit wirklich zu leben. Dazu gehört Weinen und Lachen, Liebe und Abschied, dazu gehört auch, anderen beizustehen in deren Glück und Trauer.

Alles hat seine Zeit. Ihr habt eure Zeit. Nutzt sie, lernt und arbeitet damit, verschenkt sie an Freunde, lasst sie euch aber nicht aus der Hand nehmen. Kurzum: Seid weise, was den Umgang mit der euch von Gott geschenkten Zeit angeht.

Amen.