Predigt: Die Sehnsucht nach dem starken Mann

Predigt: Die Sehnsucht nach dem starken Mann

Predigt über Jeremia 23, 5-6 vom 1. Advent 2016 – Pfarrer Roman Fraiss

5 »Der Tag kommt«, sagt der HERR, »an dem ich aus der Nachkommenschaft Davids einen Mann berufe, der dem Namen Davids wieder Ehre macht. Er wird als König verständig und gerecht regieren, weil er sich an die Weisungen Gottes hält.

6 Dann wird das Volk von Juda vor Feinden sicher sein, und auch das Volk von Israel wird in Frieden leben. Dieser König wird den Namen tragen: ‚Der HERR ist unsere Rettung‘!

 

Liebe Gemeinde!

Es wird ein Gesandter Gottes kommen! Er bringt Frieden. Er bringt Gerechtigkeit. Er bringt Erlösung. Diese Versprechen gibt der Prophet Jeremia dem Volk Israel. Ein paar hundert Jahre später kommt Jesus Christus auf die Welt.

Damals, bei Jeremia, war die Sehnsucht groß, dass endlich etwas anders wird in der Welt, dass ein Retter kommt. Man hat gewartet, dass sich endlich etwas verändert.

Das kennen wir – ein bisschen. Heute sind auch viele Menschen unzufrieden damit, wie es momentan bei uns und in der Welt so zugeht. Und weil sie das Gefühl haben, da ändert sich nichts, keiner tut was, die Mächtigen richten es nicht, außer vielleicht für sich selber…
Deshalb sagen sie: Es muss sich was ändern. Da muss ein starker Mann kommen und endlich für Ordnung sorgen.

Diesen Ruf hören wir derzeit überall in der Welt und lauter als sonst. Ich erspare es mir, aktuelle politische Beispiele zu nennen. Sie werden Beispiele im Kopf haben.

Ich bringe ihnen ein Beispiel aus nachbiblischer Zeit. Jerusalem und Israel waren von den Römern beherrscht. Die Hoffnung auf einen starken Mann, der die Besatzer verjagen wird, war unter den Juden groß. Da trat Bar Kochba auf. Der Name Bar Kochba, den er sich übrigens selbst gegeben hat, bedeutete Sternensohn. Er wollte kämpfen und die Römer vertreiben. Tragisch wurde es dann, als mit Akiba ein angesehener Rabbiner in ihm den Messias erkannte. Er rief die Leute auf: „Folgt Bar Kochba gegen die Römer. Ihn sendet Gott! Er ist der Messias.“ Jesus anerkannte man ja nicht als Messias. Jesus war einfach nicht so, wie man sich damals einen Messias erwartet hatte. Ein Messias musste mächtig sein, kämpfen, siegen. Jesus war das alles nicht. Also hoffte man auf Bar Kochba. Mit Bar Kochba schlitterte das jüdische Volk in eine bittere Niederlage.

Alle, die Bar Kochba gefolgt waren, erlagen neben anderen Fehlern auch einem Denkfehler. Ein Denkfehler, der auch heute immer wieder passiert. Nur weil jemand das Gegenteil von etwas Schlechtem vertritt, ist es deshalb noch lange nicht gut. Das ist der Trugschluss der Hoffenden. Jemand schadet mir, also ist der, der sich gegen diesen Feind stellt, automatisch gut.

In der Zeit des Nationalsozialismus ließen die Nazis folgende Alternative plakatieren: „Nationalsozialismus oder bolschewitisches Chaos?“ Wer will schon bolschewitisches Chaos? Also ist klar, dass die Alternative Nationalsozialismus gut sein muss. Aber nur weil ich gegen etwas Schlechtes bin, bin ich deshalb noch lange nicht gut. Ein Wiener, Wokurka sein Name, wollte sich diese Alternative nicht bieten lassen. Er machte sich einen damals gefährlichen Spaß. Er klebte auf die Plakate kleine Zettel mit der Aufschrift: „Erdäpfel oder Kartoffel“. Er machte damit deutlich: Beide Alternativen sind nur andere Namen für das gleiche, beides sind extreme und totalitäre Regime.

Manchmal will man uns glauben lassen, es gäbe nur zwei mögliche Wege.

Möchtegernmessias Bar Kochba sagte: „Wen wollt ihr? Das römische Reich oder mein göttliches Reich?“ Jesus, der echte Messias, hat es dagegen ein wenig anders formuliert: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“

Im Alten Testament steht als Leitsatz für Gerechtigkeit: „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Jesus, der echte Messias, hebt das auf und sagt: „Liebe deine Feinde.“ Er findet nämlich in all den vermeintlichen Alternativen noch einen dritten Weg.

Ein starker Mann oder eine starke Frau allein ist noch keine Lösung. Nur weil wer etwas anders machen wird, heißt das noch nicht, dass er es besser machen wird.

Und deshalb hat Gott keinen starken Mann geschickt. Der Messias war ganz anders, als es die Menschen gedacht haben. Alle haben wie selbstverständlich erwartet, dass der Gesandte Gottes als Kriegsheld die Feinde besiegt. Auch heute noch gibt es genug Menschen, die im Namen der Religion zu kämpfen bereit sind. Damals, in Jerusalem – wir haben das in der Lesung gehört – haben die Menschen Jesus zugejubelt. Sie wollten einen Helden sehen. Sie wollten, dass er das Schwert ergreift und alles ändert.

Aber was wäre anders geworden? Ein anderer Herrscher hätte damals nicht viel verändert. Die Hungernden hätten weiter gehungert, die Armen wären weiter arm geblieben. Die Alleinstehenden wären weiter allein gewesen. Er hätte nur das Gleiche vom Selben gebracht.

Aber Gottes Gesandter, der war eben anders. Der fand einen anderen Weg.

„Dein König“, dichtet Friedrich Rückert in einem unserer Adventslieder, „dein König kommt in niederen Hüllen. Ihn trägt der lastbaren Eselin Füllen.“ Unser Messias kommt anders daher. Schwach, nicht auf einem Pferd wie ein Feldherr, sondern auf einem Esel. Er macht nicht Politik. Er gibt der Politik vielleicht ein paar Ratschläge, Richtlinien, aber er mischt sich nicht ein.

Er ändert nicht die Politik, er will die Menschen ändern. Und er ist ein starker Mann. Aber einer, der im Geiste, im Willen stark ist. Einer, der sich für andere stark gemacht hat.

Es gibt ja Unmengen Umfragen, eine möchte ich heute zitieren. Es wurden die Österreicher gefragt, wen sie bewundern. Und das Ergebnis war doch überraschend. Man dächte vielleicht zuerst an große Politiker oder erfolgreiche Sportler. Aber nein. Die Österreicher bewundern andere Menschen: Mutter Theresa, zum Beispiel. Sie bewundern auch den aktuellen Papst. Sie bewundern Menschen, die sich für andere einsetzen. Das ist für sie bewundernswert!

Denn wer sich selber zurückstellt und ganz für andere da ist – der muss eine starke Frau oder ein starker Mann sein. Wer viel Macht hat und andere damit unterdrücken kann, das ist kein Zeichen von Stärke, nur ein Zeichen von Macht. Wahre Stärke zeigt sich anders.

Deshalb ist dieser Jesus dann auch ganz anders dahergekommen als die Menschen es erwartet haben. Sie dachten, es gibt nur eine Alternative: Römische Herrschaft oder Gottesherrschaft! Jesus sagte: Es gibt eine weltliche Herrschaft, die muss es geben, manche sind besser, manche schlechter, aber keine Perfekt. Das ist die irdische Welt.

Aber abgesehen davon gibt es mehr, gibt es Gott. Sein Reicht ist nicht von dieser Welt und deshalb so ganz anders. Wo Stärke nichts mit Waffen zu tun hat. Wo Liebe nichts mit Gewalt zu tun hat. Wo Anerkennung nichts mit Geld zu tun hat.

Und deshalb kommt Jesus nicht in die Paläste der Herrschenden. Er kommt nach Betlehem in den Stall. Er kommt zu den Menschen. Er kommt zu uns. Uns will er ändern. Und wenn wir uns ändern, dann wird sich auch in der Welt etwas ändern.

Der starke Mann, den Jeremia verkündigt hat, der ist in Jesus gekommen. Aber so ganz anders, als wir es uns vorstellen. Deshalb braucht es Advent. Deshalb braucht es vor Weihnachten eine Zeit, in der wir uns gedanklich darauf vorbereiten können. Unser König kommt in niederen Hüllen.

Unser Retter rettet unsere Seele, unseren Geist, unser Herz. Er rettet nicht unseren Besitz, unser Geld, unser Ansehen, unsere Politik. Wenn wir uns denn diesem Erlöser zuwenden. Und dafür, uns Gott wieder zuzuwenden, dazu ist der Advent da.

Amen.