Predigt: Gehetzt und Erlöst, Luther und wir

Predigt: Gehetzt und Erlöst, Luther und wir

Predigt vom Reformationstag 2017 in der Gnadenkirche Rosenau

 

Liebe Gemeinde!

Es gibt so Vieles, was uns im Leben hilft. Bei einem Gespräch durfte ich eines dieser vielen Hilfsmittel kennenlernen. Der Freund hielt mir sein Handgelenk hin. Auf seinem Handgelenkt trug er ein Armband, ein Jawbone. Das habe ich natürlich nicht gewusst,
was das überhaupt ist. Ich habe zuerst gedacht, ich soll nur ein schönes Schmuckstück bewundern.

Ich werde aber von der begeisterten Rede des Freundes mitgerissen und aufgeklärt über sein Wunderarmband.

„Mein Jawbone hilft mir, fit zu werden. Es misst, wie viele Schritte ich gemacht habe,
wie lange ich aktiv war, wie viel ich gegessen bin, wie ich geschlafen habe. Über eine App kann ich alles auswerten. Wie viele Kalorien ich noch brauche, ob ich noch eine Runde um den Häuserblock drehen muss. Ich bin viel sportlicher, habe schon 4 Kilo abgenommen…“

Ja, denke ich mir, sieht schon fit aus.

Die Gemeinschaft der Schnellen, Leichten, Schönen wächst – die Jawbone-Community.
Es ist aber – bei genauem Hinsehen – eine Gemeinschaft der seltsam Gehetzten. Mit einem Kinderspielzeug gejagt.

Gejagt sein, gehetzt sein: Das empfinden heute viele Menschen. Manche hetzen sich selber, wie die Jawboner, manche werden gehetzt von ihrem Beruf. Manche sind gehetzt von den vielen Aufgaben, privat wie dienstlich, die sie meinen bewältigen zu müssen.

Es gibt aber wenigsten so schöne Accessoires für Gehetzte. Hier haben wir eine Uhr, eine Rolex. Die bekommen Sie schon für läppische 17.900 Euro. Auch sie zeigt uns an, wie wenig Zeit wir haben. Aber wenigsten ist sie dabei wertvoll. Ich war letztens in Schörfling beim Uhrmacher. Eigentlich mehr ein Schmuckgeschäft. Komme da rein in all den Glanz, zu all den teuren Uhren. Da kam ich mir fast schäbig vor, dass ich nur eine neue Batterie für meine alte Uhr gebraucht habe.

So schöne, neue, edle Uhren gibt es da. Und doch dienen sie alle demselben Zweck: Dass ich nicht aus der gesetzten Zeit und Zahl herausfallen darf, wenn ich mitkommen will.

Das ist unsere Welt, heute! Wir sind getrieben. Von Uhren. Von Geräten.

Ja, diese neuen Geräte. Als so die ersten Geschirrspüler und Staubsauger leistbar wurden für die normalen Menschen, da hat man ihnen in der Werbung eingeredet: „Sie werden euch die Arbeit abnehmen.“ Wir wissen: So ist es nicht gekommen. Andere Arbeiten sind dazu gekommen für uns und wir müssen nun einfach mehr in der selben Zeit erledigen. Vorbei das versprochene Bild von den Hausfrauen, die entspannt neben dem Geschirrspüler sitzen und Magazine lesen. Wir sind gefordert! Wir müssen funktionieren im Kreislauf der Wirtschaft.

Und was ist Sünde? Was ist heute das große Versagen, das einem Menschen nicht verziehen wird?

Sünde ist heute, all das einfach nicht zu schaffen, am System zu versagen, nicht mehr mitzukommen mit dem Tempo der anderen.
Sünde ist heute, aus dem Netz der Bedeutungen und des Wichtig-Seins zu fallen.
Sünde ist heute, in die Falle der Einsamkeit zu tappen und übrig zu bleiben.
Sünde ist heute, arm zu sein und vom Marktplatz vertrieben zu werden.

Ist das alles richtig so? Müssen wir so gehetzt sein? Oder könnte es auch anders laufen?

Auch Martin Luther war ein Getriebener. Getrieben von den Zwängen und Ängsten seiner Zeit. Getrieben von der Angst, Gott gefallen zu müssen. Getrieben von dem Wahn, nur ja genug tute Taten auf dem himmlischen Konto angehäuft zu haben. Er ist nicht so weit weg von uns. Ist getrieben wie wir, wenn auch aus anderen Gründen.

Wir können ihn sehen, den tief bewegten Magister. Er zieht durch Sturm, Gewitter und Blitz, der junge Martin, hat Angst und legt einen Schwur ab: wenn er nur heil durch das Gewitter käme, dann wolle er ein Mönch werden: „Hilf du, Heilige Anna, ich will ein Mönch werden“, so haben wir es in der Schule gelernt.

Wir schreiben den 2. Juli 1505. Aus dem Mann, der zum Stolz seines Vaters Jurist werden sollte, aus diesem jungen Mann wird ein Mönch. Ein Suchender. Der lässt das Alte hinter sich. Er konnte nicht anders. So wie ein paar Jahre später, als er auf dem Reichstag in Worms es aussprechen wird: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir.“

Er sucht. Er sucht für sich einen Ausweg aus den Lasten, die ihn bedrängen. Einen Ausweg aus dem gehetzt sein. Mehr und mehr muss ich tun, und es reicht doch nie. Muss die Welt so sein? Ist alles das, was wir für unumstößlich und unveränderlich halten – ist es das wirklich: Unumstößlich? Unveränderbar? Oder gibt es da einen Ausweg?

Gedanken, wie sie auch in die heutige Zeit passen.

Luther wird kein Revolutionär. Er wird Mönch. Er sucht erst einmal nur für sich einen Weg aus den Lasten seiner Pflichten. Als Mönch übersetzt er dann die Schlüsselstelle seines Lebens, inmitten seiner Suche, Gott zu gefallen, inmitten seines „Nie genug“, inmitten der Suche nach Frieden, innerem Frieden – da übersetzt er ein ganz bestimmtes Bibelwort:

Er übersetzt Römer 1,17. „Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben.“

So übersetzt Luther – sich selbst zum Wunder. Er wird von der Gnade überrascht. Er erkennt: Es ist alles so anders, als ich bisher dachte. Was mich in meinen Leben so gehetzt hat, das ist gar nicht wesentlich, gar nicht nötig. Es geht nicht darum, fehlerfrei zu sein. Es geht nicht darum, zu funktionieren. Es geht nicht darum, allen Anforderungen zu entsprechen, allen Wünschen zu gefallen.

Und das gilt auch uns hier und heute! Es geht auch anders.

Auch wir müssen nicht perfekt und immer funktionieren. Denn es gibt etwas, das kann dein Leben verändern: Die Gnade. Das heißt, wenn wir erkennen: Wir müssen nicht das und jenes werden, um zu gefallen, um anerkannt zu sein. Wir sind schon, was wir sein sollen. Wir stehen schon im Leben, müssen es uns nicht erkämpfen. Wir sind geliebt, müssen uns Liebe nicht erarbeiten. Keiner kann uns mehr Ziele vor Augen knallen und uns sagen: Wer das nicht erreicht, ist ein Verlierer. Wir sind in Gottes Welt – aus Gnade – und hier hat jeder einen Platz. Lassen wir uns nicht irremachen.

Hier verändert sich was. Zuerst einmal nicht die Welt. Zuerst verändert die neue Denkweise den Menschen. Oder genauer: Sie verändert, wie der Mensch die Welt wahrnimmt. Davon ausgehend erst wird auch die Welt verändert.

Martin Luther hat das persönliche Empfinden dabei sehr schön beschrieben. Er hat gesagt: „Gott ist in mich eingegangen. Auf einmal spüre ich das tiefe heimliche ‚Ja‘ unter und über allem ‚Nein‘.“ Das tiefe heimliche ‚Ja‘, das uns befreien kann.

Und ich werde in ein neues Verhältnis zur Welt und zu Gott gesetzt. Im Glauben hat Luther verstanen, dass Gott ihn als Mensch annimmt, nicht wegen seiner Taten. Das ist so wie in der Liebe: Da liebe ich einen anderen Menschen; liebe ihn nicht, weil er das und das kann, sondern um seiner selbst willen. Einfach, weil er ist.

Gott veranstaltet keinen Wettkampf, wer am meisten guten Taten hervorbringt, wer sich mit den Ellbogen am weitesten nach vorne drängt unter den Gutes-Tuern. Gott will es so nicht, und wir sollen es auch nicht so machen. Luther hat erkannt: Mein Wert ist unabhängig von dem, was ich leisten kann. Weil ich befreit bin vom Zwang, etwas tun zu müssen … deshalb bin ich nun frei, zu tun, was ich für richtig halte. Die Freiheit kehrte in sein Denken zurück.

Diese Sichtweise haben dann viele andere Menschen übernommen.

Die Veränderung der Reformation geschah nicht durch Waffen, sondern durch Gedanken. Plötzlich haben viele Menschen gesehen: Das, was uns als einzig möglich und richtig eingeredet wurde, das ist nicht alles. Die Freiheit kehrte in ihr Denken zurück. Und das hat die Welt verändert.

Dies ist der Beitrag, den wir als Evangelische einbringen können ins Weltgespräch: Es ist das Wort Gottes. Ein Wort, das uns sagt: Lasse dich nicht hetzen. Renne nicht blind dem hinterher, was andere Blinde dir vormachen. Halte mal inne. Denke nach. Lies nach! Erkenne dich, erkenne Gott.

Wir sind oftmals gehetzt. Gehetzt, so wie Luther. Gehetzt von Pflichten und Aufgaben und Anforderungen, die uns oft überfordern. Auch wir können fragen: Ist das denn alles so wichtig? Ist das denn nicht veränderbar?

Ich kann nicht die Welt ändern. Aber ich kann ändern, wie ich sie sehe. Dazu hat uns die Reformation verholfen. Der Mensch wird seitdem anders gesehen: Nicht mehr als kleines Rad im Weltgetriebe, sondern als eigenständiges, denkendes, vernunftbegabtes Wesen. Die Freiheit wird nun anders gedacht. Ein Christenmensch ist niemandem Untertan, wird Luther sagen, und doch ist er – aus freien Stücken – ein dienstbarer Knecht, jedem zur Hilfe.

Die Revolution der Reformation geschah nicht durch Kampf und Waffen. Sie geschah dadurch, dass die Sichtweise der Menschen geändert wurde. Das, was sie erlebt und gekannt haben, das haben sie nun mit anderen Augen gesehen.

Vielleicht ist es das, was wir heute auch brauchen. Dass wir unsere Welt anders sehen. Dass wir erkennen, dass nicht jede vermeintliche Wichtigkeit wirklich wichtig ist. Wir brauchen keine Revolution. Wir brauchen eine Reformation. Nicht allein die Kirche, sondern so wie damals die ganze Gesellschaft. Wir brauchen es wieder, dass jemand unsere Sichtweisen hinterfragt und korrigiert.

Amen.