Predigt Gründonnerstag

Predigt Gründonnerstag

Zur Lesung die Geschichte: Ein Brot, das anders schmeckt

Wir hören zur Predigt Worte des Apostels Paulus.
Er gibt wieder, was er über das Heilige Abendmahl von den Jüngern erzählt bekommen hat:

1.Korinther Kapitel 11, Verse 23 – 26

23 Ich nämlich habe als Überlieferung, die vom Herrn kommt, empfangen, was ich euch weitergegeben habe: In der Nacht, in der Jesus, der Herr, ausgeliefert wurde, nahm er Brot,
24 sprach darüber das Dankgebet, brach es in Stücke und sagte: »Das ist mein Leib, der für euch geopfert wird. Tut das immer wieder, damit unter euch gegenwärtig ist, was ich für euch getan habe!«
25 Ebenso nahm er nach dem Essen den Becher und sagte: »Dieser Becher ist Gottes neuer Bund, der durch mein Blut in Kraft gesetzt wird. Tut das, sooft ihr von ihm trinkt, damit unter euch gegenwärtig ist, was ich für euch getan habe!«
26 Jedes Mal also, wenn ihr dieses Brot esst und von diesem Becher trinkt, verkündet ihr damit die Rettung, die durch den Tod des Herrn geschehen ist, bis er wiederkommt.

Sei an diesem Abend in all deiner Gnade mit uns. Amen.

Liebe Gemeinde!

Sie haben sicherlich sofort die Parallele erkannt zwischen den beiden Geschichten: Hier der Lesung über Jesu letztes Abendmahl und vorhin die Erzählung über den Vater, der seiner Familie das Brotessen als gemeinsame Erinnerung schenkt. Wir verwenden diese Geschichte in der Schule, um den Kindern die Bedeutung des Abendmahls ein wenig näher zu bringen.

Näher, denn ganz verstehen können wir es ja nie. Aber die Geschichte drückt jedenfalls aus, dass eine ganz normale Sache, wie Brotessen, eine völlig neue Bedeutung erlangen kann. Eine Bedeutung, die weit über das hinaus geht, was sichtbar ist.

Und doch gibt es einen großen Unterschied zwischen dem Abendmahl und dieser Geschichte. Denn das, was der Vater und seine Familie erleben, das spielt sich rein auf der gedanklichen Ebene ab: Durch das Aneinander-Denken wird das Brotessen ganz besonders. Unser Abendmahl, Jesus Abendmahl, ist mehr. Da hat Jesus noch etwas dazu gesagt, das Christen seit damals Kopfzerbrechen bereitet. Er hat gesagt: „Tut das immer wieder, damit unter euch gegenwärtig ist, was ich für euch getan habe!“ Wenn man es wörtlich aus dem Griechischen übersetzt, müsste man sagen:  „Tut das zu meinem Gedenken“. Im Altgriechischen bedeutet dieses Wort „Gedenken“ aber nicht ein bloßes Erinnern, sondern zugleich das „Gegenwärtigwerden des Erinnerten“.

Und hier wird es spannend. Es geht heute beim Abendmahl darum, dass wir uns gegenwärtig machen, was damals geschehen ist. Aber nicht nur um das. Es geht nicht nur darum, dass wir uns die Nähe Jesu vorstellen. Es geht auch darum, dass auf besondere, geheimnisvolle Weise dieser Jesus, dieses letzte Abendmahl bei uns präsent wird. Es wird gegenwärtig – das heißt: es kommt hinein in unsere Gegenwart.

„Dieses mein Leib“, sagt Jesus wörtlich über dem Brot. „Dieses mein Blut.“ Hier werden wir also vor ein Geheimnis gestellt. Es ist mehr als nur symbolisch, Jesus kommt uns in dieser Feier nahe – aber wir können es nicht erklären.

Umso unerfreulicher ist es, dass genau wegen dieses Unerklärlichen die Kirchen sich zerstritten haben. Unsere Katholischen Geschwister sagen, die Hostie verwandelt sich in Jesu Fleisch. Die Lutheraner sagen, Gott tritt hinzu, ist in, mit und bei der Hostie. Die Reformierten sagen, Gott ist auf geistige Weise präsent. In Wirklichkeit sind all das nur Versuche, das Unfassbare in Begriffe zu fassen. Vielleicht muss man manches einfach so stehen lassen, damit leben, dass Unerklärliches unerklärlich bleibt – für uns.

Ich war neulich auf einem Seminar, da hat eine Theologin zur Ökumene gesagt: Früher haben wir uns über Details gestritten. Inzwischen haben unsere Kirchen erkannt, dass sie von Gott viel zu wenig verstehen. Sie haben erkannt, dass es Ahnungslosen nicht gut ansteht, über Details zu streiten, die sie in Wirklichkeit gar nicht erklären können.

Und überhaupt: die entscheidende Frage ist ja nicht, was meine Kirche über das Abendmahl lehrt. Die spannende Frage ist, was ich dabei empfinden kann. Die Frage ist, ob ich mich beim Abendmahl so darauf einlassen kann, dass ich offen dafür bin, Jesu Nähe zu spüren.

Denn eines ist sicher: Wenn ich es nicht schaffe, andächtig und im Glauben zum Abendmahl zu gehen und dieses Brot, diesen Wein dankbar zu empfangen – dann kann Jesus auf jegliche Weise erscheinen, und ich kriege es nicht mit.
Viel besser, als darüber nachzudenken was Jesus macht, viel besser ist die Selbstbeobachtung: Wie sehr bin ich bereit, mich darauf einzulassen, dass Jesus nahe ist.

Gott will unser Herz berühren. Aber dazu müssen wir zuerst den Panzer der Skepsis, den Panzer der Zweifel herunterfahren und heute Abend das Tor des Glaubens zu unserem Herzen öffnen. Wir haben ein Tor des Glaubens in unserem Herzen. Es ist umgeben vom Burggraben des Zweifels. Es ist versteckt hinter einem Abwehrwall – hinter einem Abwehrwall aus Alltagssorgen und Bequemlichkeiten, die uns das kleine Tor verdecken. Es ist unscheinbar, das Tor des Glaubens, unscheinbar versteckt zwischen den großen Toren des Besitzes, des Spaßes, der Zerstreuung.

Nur durch Ruhe, durch Andacht, durch die richtige innere Haltung, können wir heute dieses Abendmahl als Mahl Jesu erfahren. Heute, in dieser Nacht, in der Jesus vor 1980 Jahren das erste Mal mit seinen Jüngern Brot und Wein, Leib und Blut geteilt hat.

Wir haben heute zum Abendmahl keine Hostien. Wir haben heute Mazzen. Das sind ungesäuerte Brote. Das ist genau diese Art von Brot, mit dem Jesus an diesem einen Abend Mahl gehalten hat. Mazze, wie sie bei einem jüdischen Passahfest seit Jahrhunderten üblich waren. Wir werden heute mit echten israelischen Mazzen feiern, ganz wie Jesus. Ich sage es gleich: Sie schmecken nicht viel anders als unsere Oblatten. Aber es wird vielleicht dadurch klar, warum wir Abendmahl mit Hostien und nicht mit richtigem Brot feiern: Weil eben Jesus auch kein leckeres Kornbrot nahm, an diesem denkwürdigen Abend, sondern ungesäuertes Brot, ganz nach der jüdischen Tradition. Er hat damit eine klare Verbindung zwischen der Welt des Abrahams, der Welt des Alten Testaments und dem Neuanfang des Christentums gelegt. Er hat damit klar gemacht, dass der Gott Jesu kein anderer Gott ist als jener der Juden. Dass es eben nur einen Gott gibt, einen einzigen, der die Weltgeschichte begleitet. Ein Gott, der gleiche Gott, den auch die Muslime anbeten.

Eigentlich sprechen so gut wie alle Religionen von dem einen Gott. Nur die Menschen, die interpretieren Unterschiede hinein. Die Menschen streiten um un-fassbare Details. Die Menschen trennen die Religionen. Doch vielleicht, vielleicht muss man es einfach stehen lassen, dass andere es anders verstehen. Vielleicht muss man auch so demütig sein, zu sagen: Meine Meinung muss nicht die einzig richtige Wahrheit sein.

Gott wird immer ein Geheimnis in sich bergen. Gott wird immer ein Stück weit verborgen sein.  Gott werden wir nie ganz erfassen können – mit Begriffen, mit Dogmen, mit Verstand. Deshalb lohnt es nicht, darüber zu streiten. Aber etwas anderes können wir tun: Wir können versuchen, Gott mit dem Herzen zu erfahren. Wir können Gottes Nähe spüren in dieser ganz besonderen Handlung des Brot und Wein Teilens ganz so wie Jesus, ganz mit Jesus.

Aber dazu müssen wir heute Abend das Tor des Glaubens zu unserem Herzen weit aufmachen. Dazu müssen wir die Brücke des Gebets über den Graben des Zweifels legen. Dazu müssen wir einen Weg schlagen durch den Abwehrwall aus Alltagssorgen und Bequemlichkeit. Dazu müssen wir unsere Gemeinschaft dem Gerede der anderen entgegen stellen. Dazu müssen wir ganz innig und andächtig, die Ablenkungen des Alltags und der Zerstreuung zur Seite schieben, dann…
…dann geht dieses Mahl, dann geht Jesus geradewegs in unser Herzen ein.

Amen.