Predigt: Honterus Straße und Platz

Predigt: Honterus Straße und Platz

Predigt von Pfr. Roman Fraiss über Johannes Honterus – 29. Mai 2016

Liebe Gemeinde!

Die heutige Predigt widmet sich dem Pfarrer Mathias Schuster Platz gleich vor der Kirche und der von hier Richtung Spielplatz verlaufenden Honterus Straße. Ich bespreche sie zusammen, weil auch der Kirchenplatz früher Honterus Platz hieß. Auf dem Kondukt von Pfarrer Schuster soll der damalige Bürgermeister gesagt haben: Wir benennen den Honterus Platz um in Pfr. Mathias Schuster Platz.

Ich weiß, die dort wohnende Familie Gattinger war darüber nicht glücklich und ließ sich weiterhin ihre Post an den Honterus Platz liefern. Bis die Automatisierung der Post das unmöglich machte – weil der Computer nicht mehr das ist, was ein Postler ist: Nämlich flexibel.

Mein Blick soll heute auf diesen Johannes Honterus gehen. Denn es war ja eben Pfr. Mathias Schuster, der den Platz nach ihm benannt hat. Und warum? Der zentrale Platz in der Rosenau, der Platz vor der Kirche! Warum hat er ihn gerade nach Honterus benannt? Was machte diesen Mann so bedeutend?

Er war, ich sage es jetzt etwas überspitzt, der „Martin Luther von Siebenbürgen“. Er hat die Reformation, das Evangelische in Siebenbürgen gelehrt und geordnet. Allerdings viel weniger dramatisch und viel unaufgeregter als es im Rest von Europa vor sich ging.

Johannes Austen, so sein Geburtsname, war der Sohn einer bürgerlichen Familie. Zur Schule ging er wohl bei den katholischen Dominikanern. Zum Studium kam er nach Wien, dass er 1529 als Magister vor der ersten Türkenbelagerung wieder verließ. Er machte dann Station in Regensburg und Basel. Besonders wichtig für sein weiteres Leben war, dass er in Basel das Handwerk des Druckers lernte.

Zu dieser Zeit hatte er sich bereits selber den neuen Namen „Honterus“ gegeben. Der Name Honterus ist die latinisierte Form von Hontert, der siebenbürgisch-sächsischen Bezeichnung für Holunder. Fragen Sie mich nicht, warum er gerade diesen Namen gewählt hat!

Es gab damals noch Universalgelehrte, so nannte man sie. Das waren Menschen, die von allen Wissensgebieten eine Ahnung hatten. Da das bekannte Wissen noch nicht so groß war, war das rein theoretisch noch möglich. Als solcher galt Honterus: als universal gebildet. Ähnlich gebildete Menschen hatten wir ja auch schon bei zwei anderen Straßen: Brukenthal und Stefan Ludwig Roth.

Im Jahr 1533 wurde Johannes Honterus vom Kronstädter Stadtrat in seine Heimatstadt berufen, um das Schulwesen neu zu organisieren. Eine erste Maßnahme war die Gründung einer Schulbibliothek, für die Bücher im Werte eines Hauses angeschafft wurden. Später gründete er auch die erste Schule für Mädchen, die es je in Siebenbürgen gab.

Honterus eröffnete in Kronstadt auch das, was er in Basel gelernt hatte: Eine Druckerei! Damals ging es bei einer Druckerei nicht nur um Geld, sondern vor allem um die Verbreitung von Wissen. So druckte Honterus auch seine eigenen Werke. Dazu gehörte eine Lateinische und Griechische Grammatik, die er während seiner Studienjahre verfasst hatte. Die wurde auch aus einem anderen Grund berühmt: Sie ist das älteste in Siebenbürgen gedruckte und erhalten gebliebene Schulbuch und das älteste griechische Druckwerk des Landes.

Er schnitzte auch selber Holz‑Druckplatten. So gehen auf ihn die erste Landkarte Siebenbürgens und Sternenkarten zurück. Sie merken: Ein besonderer Mann!

Ein Mann, der für die Bildung der Menschen einstand. Das ist das Bemerkenswerte an vielen Straßen hier in der Rosenau. Pfarrer Schuster hat nicht beliebige Berühmtheiten Siebenbürgens gewählt. Er hat Menschen gewählt, die Glaube und Wissen, die Religion und Bildung vereint haben. Das ist ja sehr Evangelisch: Wir sind eine Religion der Aufklärung und der Bildung. Kaum gab es wo eine neue Pfarrgemeinde, hat man auch schon eine Schule dazu errichtet. Der Mensch muss mündig sein, ist unser Credo. Der Mensch kann die Bibel selber lesen und verstehen! Er braucht in der Religion, aber auch in anderen Lebensfragen keine Bevormundung. Der Mensch, der sich mündig gemacht hat, kann selber urteilen. Das ist unsere Überzeugung! Und dafür trat auch Honterus ein. Und dazu ließ er Schulen für Burschen und Mädchen errichten und gut ausstatten. Dazu schrieb er Lehrbücher und schnitze Druckstücke für Landkarten und Sternenkarten.

Honterus war wohl bereits durch seine Reisen in Deutschland und der Schweiz angesteckt vom Geist der Erneuerung, vom Geist der Reformation. Nun kamen diese neuen Gedanken auch langsam nach Siebenbürgen. Dort stießen die Ideen, wie in all den Gebieten Europas, in denen sie nicht unterdrückt wurden, auf große Zustimmung.

Im Zuge der Reformation von 1543 wurde in Siebenbürgen der Gottesdienst in der Muttersprache eingeführt. Deutsch für die Deutschen und Ungarisch für die Ungarn.

Honterus reiste sogar nach Wittenberg, um Luther persönlich kennenzulernen und sich noch intensiver mit ihm und seinen Gedanken auseinanderzusetzen.

Im Jahre 1543 erschien dann auch das erste evangelische Gesangbuch Siebenbürgens. Dieses Gesangbuch ist zugleich der älteste erhaltene deutsche Druck der Honterusdruckerei.

1544 übernahm Honterus die Pfarrstelle in Kronstadt. Bereits zuvor hat sich Honterus mit religiösen Schriften hervorgetan. Er ist der Verfasser des Reformationsbüchleins für Kronstadt und das Burzenland [1543]. Dieses Buch war die Grundlage der „Kirchenordnung aller Deutschen in Siebenbürgen“, die im Jahre 1550 als allgemein verpflichtend beschlossen wurde.

Das „Reformationsbüchlein“ – und danach die „Kirchenordnung“ – enthalten Ausführungen über den christlichen Glauben und die christliche Freiheit sowie Bestimmungen über die Taufe, Gottesdienste, Abendmahl, kirchliche Zeremonien, Berufung der Geistlichen, Schulen, Armenfürsorge und Waisenfürsorge.

Der Stadtpfarrer der nächsten großen Stadt, der von Hermannstadt, fragte Martin Luther per Brief um Rat, wie er den Evangelischen Glauben möglichst gut verbreiten könne. In seiner Antwort bezieht sich Luther auf die Schriften von Honterus und antwortet [1543]:   „… alles, was du von mir begehrest, wirst du in diesem Buch finden, viel besser, als ich es schreiben kann, denn es hat mir über die Maßen wohl gefallen, wie es so weislich, rein und treulich geschrieben ist. Deshalb lies du dies Büchlein und beratschlage dich mit den Dienern der Kirche in Kronstadt, diese werden dir sehr nützliche Mitgehilfen sein bei der Reformation deiner Kirche. Denn sie haben die Form unserer Kirche fleißig behalten in dem Büchlein, zu dem und zu denen ich dich hiemit will gewiesen haben“.

Nicht unerwähnt soll bleiben, dass Luthers Mitarbeiter Philipp Melanchthon selbst das Reformationsbüchlein von Honterus im gleichen Jahre 1543 in Wittenberg mit einer eigenen Vorrede neu herausgab. So gelangte es auch in den „Index librorum prohibitorum“, also auf die Liste der verbotenen Bücher der katholischen Kirche.

Religiös kann man die Leistungen von Johannes Honterus so zusammenfassen. Er ist der Reformator der Siebenbürger Sachsen und eines Teiles der siebenbürgischen Ungarn. Zwei evangelische Landeskirchen gehen auf ihn zurück:
1. die Evangelische Kirche A. B. in Rumänien mit deutscher Verkündigungssprache und Bischofssitz in Hermannstadt
2. Sowie die Evangelisch-Lutherische Kirche in Rumänien (früher Synodal-Presbyteriale Kirche A. B.) mit ungarischer Verkündigungssprache und Bischofssitz in Klausenburg.

 

Was können nun wir heute mitnehmen, was können wir von Johannes Honterus lernen?

Glaube war zu seiner Zeit immer eingebettet in das Leben. Der Glaube sollte befähigen zu einem guten, gottgefälligen, ehrlichen, gerechten Leben. Das kann aber nur gelingen, wenn ich neben einem frommen Glauben auch eine moderne Bildung habe.

Heute begegne ich oft Menschen, die mir erzählen, was sie glauben. Die erzählen mir dann irgendwas, was sie sich selber zusammen gedacht haben. Honterus würde zu ihnen sagen: Bevor du dir eine eigene Vorstellung machst, setze dich doch erst gewissenhaft mit dem auseinander, was dir überliefert ist. Für eine eigene Meinung braucht es erst ein Wissen.

Auch die Kirche kann nicht alles und jedes machen. Sie kann nicht jeder Schwärmerei nachkommen. Kirche braucht auch eine Ordnung, das war für Honterus wichtig. Sie braucht Regeln, weil es sonst willkürlich wird.

Was ich noch hervorheben möchte: In Siebenbürgen gelang die Reformation ohne Krieg und ohne großen Streit. In Siebenbürgen konnten die verschiedenen Konfessionen und Volksgruppen nebeneinander und miteinander bestehen und leben.

Diesem Mann also hat unser Gemeindegründer und Gründer der Rosenau den Platz vor der Kirche gewidmet. Er sollte dem zentralen Platz hier seinen Namen geben: Ein Mann, der den Evangelischen Geist der Bildung, der Freiheit, des Glaubens in Siebenbürgen ausgebreitet hat.

Inzwischen wurde dieser Honterus bei uns auf eine Straße reduziert, der nicht einmal Adressen zugeordnet sind. Der Reformator Siebenbürgens wurde durch den Begründer der Rosenau ersetzt. Auch Pfarrer Schuster war ein besonderer Mann. Ihn allerdings zu erklären vermag ich nicht. Viele von Ihnen kannten ihn und wüssten viel mehr zu sagen, als ich es kann.

Jedenfalls hat Pfarrer Schuster die meisten Straßennamen hier angeregt. Und er hat damit Botschaften in unserem Ort versteckt. So wie heute:

  • Die Botschaft, dass wir uns um Bildung für unsere Kinder bemühen müssen.
  • Die Botschaft, dass Glaube einen Platz mitten im Leben einnehmen soll, so wie der Reformator Honterus hier den Platz mitten in der Rosenau eingenommen hat.
  • Die Botschaft, dass Glaube gelehrt gehört, in eine Ordnung gefasst gehört und nicht dem persönlichen Schwärmertum überlassen werden soll.
  • Dann aber auch die Toleranz, dass andere es anders sehen. Ich bleibe bei meinen Überzeugungen. Akzeptiere aber, dass auch andere den ihren folgen.

Amen.