Buntfenster mit der Heiligen Elisabeth in der Stephanskirche in Schweinsberg

Predigt Karfreitag 2022

zum Bild: Buntfenster mit der Heiligen Elisabeth in der Stephanskirche in Schweinsberg (Landkreis Marburg-Biedenkopf) Foto: Jost

Liebe Gemeinde!

Ich möchte die Predigt heute mit der Geschichte einer Heiligen beginnen. Sie kennen Sie vielleicht. Die Heilige Elisabeth von Thüringen. Sie wurde 1207 in Ungarn geboren. Ihr Vater Andreas war der König von Ungarn.

Auch das ungarische Königshaus betrieb Politik über das Verheiraten der Kinder. Elisabeth sollte ins deutsche Thüringen heiraten, damit die Allianz zwischen Thüringen, Ungarn und Böhmen gefestigt wird.

Mit vier Jahren, wirklich, mit vier Jahren wird sie übersiedelt von ihrem Elternhaus in Ungarn an den fremden Hof in Deutschland. Sie kam auf die Wartburg. Dorthin, wo Luther 300 Jahre später das Neue Testament ins Deutsche übersetzen sollte. Auf der Wartburg wächst sie bei den zukünftigen Schwiegereltern auf und soll deren Sohn Hermann eines Tages heiraten. Sie können sich vorstellen, wie fürchterlich das Verlassen der Heimat und der Eltern für die Vierjährige gewesen sein muss. Nun wird sie zur Schwiegertochter erzogen und das nicht immer sehr herzlich. Bei Gott, bei Jesus findet das kleine Mädchen Halt. Ihr Glauben gibt ihr Kraft.

Was für eine Zeit, damals: während der Adel die Landbevölkerung ausbeutet und rauschende Feste auf der Wartburg feiert, lebt ein Großteil der Bevölkerung in aussichtslosem Elend. Viele haben keine Chance auf Arbeit und fristen ihr Dasein almosenbettelnd auf den Straßen und Kirchentreppen. Niemand kommt auf die Idee, diese Verhältnisse in Frage zu stellen.

Elisabeth, selber Außenseiterin an diesem fremden Hof, erkennt die Missstände und beginnt sie in Frage zu stellen. Sie ist kein einfaches Kind, nachdenklich, gläubig. Störrisch, würden die Schwiegereltern sagen.

Der ihr zugedachte Gatte Herrmann stirbt als Jugendlicher, noch bevor ans Heiraten zu denken war. Die Familie überlegt, die doch etwas schwierige Elisabeth nach Ungarn zurückzuschicken. Doch da ist noch Ludwig. Er ist der kleine Bruder Hermanns und plötzlich der neue Thronfolger. Er liebt diese eigenwillige, leidenschaftliche Elisabeth von Herzen, und sie ihn auch.

Sie heiratet ihn. Da ist sie gerade 14 Jahre alt.

Elisabeth versteht, dass ihr privilegierter Lebensstil auf Kosten anderer funktioniert. Und sie kann nicht wegschauen, sondern handelt, fragt nicht lange nach Erlaubnis, sondern folgt ihrem Empfinden. Sie beginnt, aus ihrer Haltung der Nächstenliebe heraus Dinge zu verändern: Sie trägt statt prunkvoller Roben einfache Wollkleider Es ist durch ihre Gefährtinnen auch historisch belegt, dass sie bei Tischgesellschaften Essen verweigert, von dem sie weiß, dass es aus erpressten Abgaben stammt. Den Bettlern vor den Toren der Wartburg gibt sie großzügig Almosen und öffnet in der Hungersnot ihre privaten Kornkammern. 

Das alles geht ihr am Thüringischen Hof durch, solange sie sich der Unterstützung ihres Gemahls Ludwig sicher sein kann. Als dieser aber auf einem Kreuzzug stirbt, wendet sich das Blatt für Elisabeth. Knapp zwanzigjährig ist sie nun mit drei kleinen Kindern zur Witwe geworden. Sie bekommt nun die ganze Wucht der Abneigung ihrer übrigen Familie zu spüren. Elisabeth haben sie schon lange für unmöglich und – heute würde man sagen – „durchgedreht“ gehalten. Man beginnt, sie regelrecht von der Wartburg zu ekeln.

Ihr weiterer Lebensweg entspricht dann ihrem Ideal: nicht aus gesicherter Position heraus Wohltäterin sein, sondern selbst als Arme unter Armen ihren Nächsten zu dienen. Mit ihrem Erbe gründet sie in Marburg ein Spital und pflegt dort die Ärmsten der Armen bis zur Erschöpfung. Sie stirbt am 17. November 1231 im Alter von nur 24 Jahren. Schon vier Jahre später wird sie heiliggesprochen.

Ich erzähle das heute, weil sie auf das Kreuz Jesu gesehen hat, es regelrecht gespürt und auf sich genommen hat. Sie hat sich mit Jesus verbunden gefühlt, wollte sich wie er aufopfern für die Menschen.

Wie sehr sie sich mit diesem Jesus verbunden gefühlt hat, zeigt auch eine kleine Episode aus ihrer Kindheit. Es war natürlich üblich allsonntäglich in den Gottesdienst zu gehen. Ganz vorne saß die Herrscherfamilie, die anderen, geordnet nach Rang, weiter hinten. Die Herrscher immer prächtig gekleidet, mit Krone am Kopf.

Zum Schrecken ihrer Familie nahm die junge Elisabeth eines Tages ihre Krone ab und legte sie im Gottesdienst schlicht neben sich auf die Kirchenbank. Ihre Schwiegermutter, entsetzt, stellte sie zur Rede. Darauf sagte sie: „Wie kann ich eine goldene Krone tragen, wenn der Herr Jesus eine Dornenkrone trägt?“

Wie kann ich eine Krone tragen, wenn Jesus eine Dornenkrone trägt? Wie kann ich diesen oder jenen Luxus genießen, wenn der Herr Jesus eine Dornenkrone trägt? Wie kann ich gut leben, wenn andere darunter leiden?

Elisabeth denkt: Die Bauern, die ausgebeutet werden? Die Armen, die hungern müssen? Wie kann ich Überfluss genießen, wenn andere darunter leiden?

Elisabeth opfert sich selbst auf – aus Glaubensüberzeugung.  Sie sieht auf das Kreuz. Das verändert ihr Denken und Leben.

Und das ist die Frage an uns. Wir sehen heute miteinander auf das Kreuz von Jesus. Sehen, wie er – gottverlassen in diesen Stunden – leiden muss. Sehen auf Jesus. Können wir dann einfach so weitermachen wie bisher?

Wir sehen auf Jesus. Er hat gelitten, weil die Menschen so sind wie sie sind. Manche, ja, die sind böse. Die meisten meinen es im Grunde gut. Doch zu viele davon nehmen Unrecht lieber hin als dagegen einzustehen.

Wir sehen auf den gekreuzigten Jesus. Diesem Jesus gegenüberzustehen, Gott zu begegnen, ist unangenehm. Da wird uns bewusst, wie unvollkommen unsere Bemühungen sind, wie leidenschaftslos wir das Gute anstreben. Er war unangenehm, für viele, dieser Jesus. Da schaffen wir ihn doch lieber zur Seite. Weg mit dem, der uns das schlechte Gewissen macht. Das ist unsere Schwäche, unsere Sünde, unsere Schuld. Deswegen steht Jesus am Kreuz.

Doch viele Menschen haben sich auch berühren und verändern lassen von diesem Jesus. So wie diese Elisabeth von Thüringen. So wie auch Martin Luther auf der gleichen Burg ein paar Jahrhunderte später.

Wie kann ich eine Krone tragen, wenn Jesus eine Dornenkrone trägt?

Wir setzen uns ja auch gerne Krönchen auf. Nicht nur die Debütantinnen am Opernball. Mal tragen wir im Urlaub unser Krönchen, wenn wir uns verwöhnen lassen. Für manche ist ihr Auto ihre Krone, mit der sie sich vor anderen schmücken. Andere handeln in ihrem Beruf von oben herab, als trügen sie eine Krone. Andere denken schlecht über andere, als seien sie selber um so vieles besser.

Wir haben so unsere Kronen, mit denen wir uns sagen: „Wir sind gut“ oder „Wir sind besser.“

Wie kann ich eine Krone tragen, wenn Jesus eine Dornenkrone trägt?

Der Karfreitag ist unangenehm, so wie Jesus für die Menschen seiner Zeit unangenehm war. Er zeigt auf die tiefen Abgründe unserer Welt. Er stellt Fragen nach den Abgründen in uns. Niemand kann sich im Angesicht des leidenden Jesus vorsagen: „Ich bin gut genug.“ „Ich habe alles getan, was nötig ist.“

Doch zugleich erfahren wir im Kreuz eine Erlösung.

Nicht, weil wir es richtig machen. Sondern weil Jesus unsere Schuld mit sich nimmt auf das Kreuz. Sein Herz ist so groß, dass darin auch Platz für uns ist. Sogar für die, für die er betet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“  

Amen.