Predigt - Karfreitag

Predigt – Karfreitag

SEIN KREUZ AUF SICH NEHMEN

Wir hören die Worte Jesu aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 16, Verse 24-26:

24. Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.
25. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.
26. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?

Hilf uns, unser Kreuz zu tragen und dir nachzufolgen . Amen.

Liebe Gemeinde!
Jesus zu seinen Jüngern: „Will mir jemanden nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!“

Bekannte Worte von Jesus. Aber – sich selbst verleugnen – was sollen wir uns darunter vorstellen? Die Gute Nachricht Bibel übersetzt hier mit „muss sich und seine Wünsche aufgeben.“ Das ist eine gute Umschreibung: Ich kann nicht alles so bleiben lassen in meinem Leben wie es ist und gleichzeitig ein Leben im Sinne Jesu führen.

Das zweite ist: sein Kreuz auf sich zu nehmen? Was könnte das sein? Sie kennen vielleicht die Redewendung: „Es ist ein Kreuz mit dem Kreuz“. Diese Redewendung spielt direkt auf diese Bibelstelle an. Ich habe Kreuzschmerzen, die muss ich tragen und ertragen. Das ist mein Leiden, mein Problem, mein Kreuz, das ich annehmen muss.

Sein Kreuz auf sich nehmen! Mein Kreuz kann also ein Leiden sein, das ich habe. Ein Kreuz kann aber auch eine Aufgabe sein, die auf mich wartet. Das kann ein Problem sein, das sich vor mir auftut. Ein Kreuz kann sein, dass ich in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen bin. Mein Kreuz kann auch ein Todesfall sein, der mein Leben zutiefst erschüttert. Ein Kreuz kann vieles sein – und die Frage ist: Hadern wir damit oder nehmen wir es an?

Denn – es ist fast unvermeidlich – irgendwann im Leben widerfährt uns etwas Schweres. Und wie schnell und leicht ist der Gedanke da: „Warum ich?“ „Warum muss gerade mir das passieren?“ „Warum lässt Gott das zu?“

Jesus weiß, dass diese Art zu denken nicht zielführend ist. Wer mit seinem Schicksal hadert, bekommt eine gute Ausrede vor sich selbst. Der hat eine Ausrede, warum er nichts ändert und nichts tut außer verzweifelt sein: „Es ist alles so ungerecht, und ich bin so arm.“ Freilich ist dieser Mensch arm. Aber du darfst deine Gedanken nicht beim Selbstmitleid stehen bleiben lassen. Deine Gedanken und dein Leben müssen weitergehen!

Der Ansatz Jesu sieht anders aus: Das Schwere annehmen; das Unabänderliche akzeptieren. Nur wer sein Kreuz annimmt, auf sich nimmt, nur der kann etwas verändern.

Ich möchte Sie an dieser Stelle gedanklich ganz woanders hin entführen. Ich habe ein Beispiel dazu aus Luthers Zeit. Sie haben alle sicher schon von Friedrich, dem Weisen, gehört. Er war der Kurfürst, der zur Zeit Luthers in Wittenberg regiert hat. Er war, der Name sagt es schon, durchaus gebildet. Er war auch sehr fromm, und zwar katholisch fromm. So hat er sich im Lauf seines Lebens eine beachtliche Sammlung an Reliquien um viel Geld angeschafft. Überreste aller möglichen Heiligen, jedes einzelne Stück von der Kirche als Original bestätigt. Im Rahmen dieser päpstlichen Bestätigung wird auch bescheinigt, wie viele Tage Ablass vom Fegefeuer der Besitz dieser Reliquien bringt (es waren in Friedrichs Fall mehrere 10.000 Tage). Und wie viele Tage Ablass vom Fegefeuer es bringt, die Reliquien anzusehen und bei ihnen zu beten. Deswegen gab es sogar eine Art Pilgertourismus nach Wittenberg. Gläubige kamen zu Friedrichs Reliquien, um sich dadurch ein bisschen Ablass von ihrer Fegefeuerstrafe zu verdienen.

In diese heile, katholische Welt von Friedrich dem Weisen ist Martin Luther hineingeplatzt. Friedrich, weise wie er nun mal war, schätzte die Logik und die Lehren Luthers. Er erkannte wohl auch, dass Luther Recht hatte. Aber angenehm war das nicht für Friedrich. Er war plötzlich mitten im Zentrum der Reformation und ihrer Streitigkeiten – und wollte doch nur ein gottgefälliges Leben in Frieden führen.

Besonders schmerzlich traf es ihn, als es im Gefolge der Reformation zu Unruhen in seiner Hauptstadt Wittenberg kam. Die Studierenden wurden immer radikaler und wandten sich sogar tätlich gegen die traditionelle Kirche. So feierten die Radikalen die Messe ohne liturgische Gewänder und vertrieben mit Gewalt die Geistlichen der Wittenberger Pfarrkirche von ihren Altären. 1522 erreichten die Unruhen schließlich einen neuen Höhepunkt. Kirchen wurden gestürmt, alle Bilder heruntergerissen und verbrannt.

Friedrich, der Weise, war bestürzt und wusste nicht so recht, wie er damit umgehen sollte. Martin Luther, er ist zu dieser Zeit auf der Wartburg versteckt, schreibt ihm einen Brief zu diesem Problem mit interessanter Botschaft.

Luther weiß – und ärgert sich darüber – dass Friedrich so viele Reliquien sammelt. In einem Brief vom 24. Februar 1522 schreibt Luther nun seinem Landesherrn: „Gnade und Glück zur neuen Reliquie … Euer Fürstliche Gnaden hat nun lange Jahre nach Heiltümern (Reliquien) in allen Landen suchen lassen, aber nun hat Gott Euer Begehren erhört und ins Haus geschickt ohn alle Kosten und Mühe ein ganzes Kreuz mit Nägeln, Speeren und Geißeln (gemeint waren eben diese Wittenberger Unruhen) … Euer Fürstliche Gnaden erschrecke nur nicht, ja strecke die Hände getrost aus und lass die Nägel tief eingehen, ja danke und sei fröhlich!“ Luther, seinen Kurfürsten liebevoll veräppelnd und gleichzeitig sehr ernsthaft tröstend.

Gott schickt dir, Friedrich, ohne Kosten frei Haus ein ganzes Kreuz mit Nägeln und Geißeln. Die Unruhen, so deutet es Luther, sind das Kreuz, das Friedrich zu tragen hat. Frei Haus von Gott geschickt. Und darin kann er nun endlich seinen tiefen Glauben auch beweisen. Darin kann er erleben – wie Christus – was heißt, des Glaubens wegen Leiden zu erdulden. Darin, dass er dieses Kreuz annimmt. Er soll sein Leiden nicht als Last sehen. Er soll sein Leiden als Leistung sehen, als Leistung vor Gott: Ich trage das! Ich bin bereit, das Leid anzunehmen und es zu tragen.

Jesus hat sein Kreuz angenommen. Das ist es, wovon wir Karfreitag hören.

Aber eben auch uns begegnen im Leben Kreuze, auch uns werden Kreuze geliefert. Sei es das „Kreuz mit dem Kreuz“, also eine Krankheit. Oder zum Beispiel Probleme in der Familie, die einem das Leben schwer machen.

Am Karfreitag hat Jesus sein Kreuz angenommen. Er hat damit aber nicht verloren, sondern gewonnen. Er hat sich nicht unterkriegen lassen. Sogar noch am Kreuz hat er sich um die Mitleidenden gesorgt. Den einen neben sich am Kreuz hat er noch getröstet: „Wahrlich, ich sage dir heute: Du wirst mit mir im Paradiese sein.“

Friedrich, der Weise, hat sein Kreuz angenommen. Er hätte es sich leicht machen können. Er hätte Luther gefangen nehmen und an Rom ausliefern können. Ruhe und Frieden und politische Anerkennung wären ihm sicher gewesen. Aber er ist seinem Gewissen gefolgt. Er hat gewusst, dass Luther nichts Falsches sagt. Er hat die Unruhen durchgestanden. Er hat auf den Reichstagen geschickt agiert, um sein Reich und seine Universität und seine Untertanen zu schützen. Er hat die Probleme angenommen und gelöst, so gut er konnte. Er hat sein Kreuz angenommen.

Es gehört Größe dazu, das zu tun. Das Leiden anzunehmen und zu tragen, das ist eine unglaubliche Leistung!
Ich habe vor ein paar Wochen ein Gespräch geführt mit einem Mann, der wegen einer Krebserkrankung in Invaliditätspension ist. Er hat mir geklagt, dass manche Leute ihn blöd ansprechen deswegen und sagen: „Du hast ja auch immer frei und hakelst nichts mehr.“ Ich habe ihm dann gesagt: „Was du durchstehst, das ist eine unglaubliche Leistung. So eine Krankheit zu tragen, die Hoffnung und den Lebensmut dabei nicht zu verlieren, das ist mehr Leistung, als wenn einer zwei Schichten hintereinander schichtelt.“ Sein Kreuz auf sich zu nehmen ist eine große Leistung!

Wichtig: Was Jesus uns am Karfreitag zeigt, das ist keine einmalige Sache. Das ist ein Weg. Ein Weg, bei dem man das Schwere annimmt und trägt – und daraus eine Leistung macht. Eine Leistung für mich und eine Leistung vor Gott, der deine Mühen kennt und anerkennt.

Wichtig: Nur wer sein Schicksal annimmt, nur der kann es auch verändern.
Das Gegenteil wäre Rückzug, ist Feigheit, ist Schwäche. Jesus war stark und mutig – und hat dadurch die Welt verändert, hat vielleicht, hat hoffentlich auch uns verändert.

Amen.