Predigt Krautwickler-Sonntag

Predigt Krautwickler-Sonntag

Sprüche Kapitel 27, Verse 8 – 10

8 Wie ein Vogel, der fortfliegt von seinem Nest, so ist ein Mensch, der seine Heimat verlässt.
9 Duftendes Öl und Weihrauch geben eine festliche Stimmung; aber noch beglückender als süße Düfte ist die Zuneigung eines Menschen.  
10 Verlass deine Freunde nicht, auch nicht die Freunde deines Vaters. Wenn du in Schwierigkeiten bist, lauf nicht gleich zum Haus deines Bruders. Der Nachbar nebenan kann dir besser helfen als der Bruder in der Ferne.  

Segne unser Nachdenken über deine Weisheit. Amen.

Liebe Gemeinde!

„Wie ein Vogel, der fortfliegt, so ist ein Mensch, der seine Heimat verlässt.“ Was ist das eigentlich: Heimat? Ein altes lateinisches Sprichtwort sagt: „Ubi bene patria est.“ Das heißt übersetzt in etwa: Wo es dir gut geht, da ist die Heimat.
Es gibt heute nicht wenig Menschen, die sehnen sich ihren ganzen Alltag lang nach dem Urlaub. Dort, in diesen wenigen Wochen, dort geht es ihnen endlich gut, denken sie. Deren Heimat ist das Wegfahren. Der Ort ihrer Sehnsucht ist die Ferne. Nicht, weil die Ferne so viel schöner ist als unser Zuhause. Sondern, weil das Zuhause oft mit so vielen Pflichten, mit so viel Mühen belastet ist, weil zu Hause Streitigkeiten das Klima vergiften, weil Zuhause die Arbeit ist, die einen nicht loslassen will. Weil zu Hause keine Ruhe mehr ist.

Wo es dir gut geht, da ist die Heimat. Und nicht selten empfinden die Menschen ihr Zuhause gar nicht mehr als ihre Heimat, als ihren Ort der Ruhe. Weil uns eine Unruhe erfüllt.

Meine Englischprofessorin ist einmal von Austauschstudenten gefragt worden, was ihr liebster Platz in Wien sei. Und sie hat geantwortet: „Mein Bett!“ Wo es dir gut geht, da ist deine Heimat.

„Wie ein Vogel, der fortfliegt, so ist jemand, der seine Heimat verlässt.“ Ein Vogel zu sein, der fortfliegt, ist ja nichts Schlechtes, an sich. Es kommt nur darauf an, ob dieser Vogel woanders wieder ankommen kann. Wo können wir ankommen? Im Urlaub? Oder ist unser Urlaub so kurz, dass wir kaum, dass wir wirklich angekommen sind, schon wieder weg müssen?

Das ist also die Frage: Wo geht es uns gut? Oder anders gefragt: Wo lassen wir uns das Gutsein zerstören? Was können wir tun, dass es auch in unserem Zuhause wie im Urlaub zugeht: Dass wir ausgeglichen sind, dass wir Zeit füreinander haben, Zeit auch für die Dinge, die uns Freude machen. Was können wir beitragen, dass wir zu Hause freundlich zueinander sind und uns geborgen fühlen? Können wir was tun, um unser Zuhause besser zu machen?

Jetzt ist es ja nicht so, dass die Leute heute um so viel mehr arbeiten als früher. Wenn ich mir die Generation anschaue, die die Rosenau aufgebaut hat: Die hat noch viel mehr gearbeitet als die meisten heute. Zuerst werktags in der Firma, dann an den Wochenenden an ihren Häusern und denen der anderen auch. Außer während des Gottesdienstes wurde jedes Wochenende immer irgendwo gebaut.

Aber die Arbeit damals hatte zumeist einen Anfang und auch ein Ende. Wenn ich das Werkzeug weggelegt hatte, dann war auch die Arbeit weg aus meinem Kopf. Jetzt bleibt die Baustelle mal so, wie sie ist. In fünf Tagen geht es weiter. Jetzt habe ich am Holzplatz die Baumstämme abgeladen. Jetzt gehe ich heim. Und wenn ich wieder hinkomme, dann geht es wieder weiter. Die Arbeit heute, die verfolgt uns gerne. Die verfolgt uns in den Feierabend hinein, die ruft am Samstag und Sonntag an, die will erledigt sein zu dem und dem Termin. Die Arbeit heute lässt uns nicht los. Ein Anruf aus der Firma am Sonntag führt dazu, dass ich völlig aus meiner Ruhe bin und erst wieder ein, zwei Stunden brauche, um gedanklich zu meiner Familie zurück zu finden. Diese Störungen machen uns so ruhelos. Heimat ist dort, wo es dir gut geht. Aber das ist zu Hause halt nicht immer der Fall.

Aber, seien wir ehrlich: Wir haben doch ein wunderbares Zuhause. Eine Heimat, in der kein Krieg herrscht, in der es Freiheit gibt, in der wir eigentlich alle Möglichkeiten haben. Das Umfeld passt, uns geht es beneidenswert gut. Deshalb kann uns auch niemand von außen helfen, zur Ruhe zu finden. Niemand kann uns von außen hier helfen, unsere Heimat, unser Zuhause zu einem Ort zu machen, an dem es uns gut geht. Nur wir selber können das.

Wo es uns gut geht, das ist die Heimat. Wir müssen selber daran mitarbeiten, dass unser Zuhause zu einer Heimat wird, in der es uns gut geht. Vielleicht müssen wir unser Zuhause reinigen, nicht nur von Schmutz, sondern auch von Streit in der Familie, der belastet. Reinigen von unausgesprochenen Verletzungen, die im Raum liegen. Reinigen von Lasten, die wir uns selbst aufbürden und meinen, ohne sie ginge es nicht. Reinigen, damit Raum entsteht für Liebe, für Wohlbefinden.

Beglückender als Deko und Düfte, sagt die Bibel, ist die Zuneigung von Menschen. Damit sollten wir unser Zuhause schmücken!

Der heutige Krautwicklersonntag, der will ein Stück weit Heimat bieten. Heimat für die, die ihre Heimat im Krieg verlassen mussten. Für die, die mit diesem Essen Erinnerungen verbinden. Ein Stück Gutes, das bewahrt wurde. Ein Stück Gutes, das auch Nicht Siebenbürger für sich entdecken können. Das kann Heimat sein, wenn wir wie Geschwister im Saal beisammen sitzen, Witze und Sorgen austauschen, und füreinander ein Ohr haben. Da kann, da soll es uns gut gehen, das soll Heimat sein.

Heimat ist, wo es uns gut geht. Aber gut geht es uns nicht von selber, sondern nur, wenn wir miteinander daran arbeiten.
Ich für mich an meiner Ruhe, meinem Frieden. Ich muss auf mich schauen, dass mich meine Lasten nicht erdrücken.
Ich mit meiner Familie daran, dass es uns gut geht, unser Haus ein Zuhause wird in Frieden und gegenseitiger Zuneigung.

Und wir im Ort alle gemeinsam, dass wir Gemeinschaft statt Streit, Nachbarschaft statt Nebeneinander haben. Wir müssen arbeiten daran, dass es uns gut geht.

So wie heute fleißige Frauen und Männer in unserem Saal daran und dafür arbeiten, dass wir alle einen Ort haben, zu dem wir gehen können. Wo es dir gut geht, da kann Heimat entstehen.

Unser Bibelwort spricht diese ganz einfachen Wahrheiten auch ganz klar aus. Da lesen wir: „Duftendes Öl und Weihrauch geben eine festliche Stimmung; aber noch beglückender als süße Düfte ist die Zuneigung eines Menschen.“ Das macht es nämlich aus. Wir müssen Raum schaffen, um Zuneigung möglich zu machen. Wir dürfen Liebe nicht ersticken durch zu viel Arbeit und zu viel Stress. Es gibt viel mehr Liebe um uns herum, als wir glauben. Oft ist sie nur verdeckt von Sorgen und Alltag. Du musst schauen, dass Liebe und Zuneigung Raum bekommen in deinem Leben, deinem Zuhause. Dann geht es dir gut. Dann ist dein Zuhause eine Heimat, wie sie schöner nicht sein könnte.

Die Bibel ist weise. Zuerst spricht sie vom Wert der Heimat. Dann davon, dass Freundschaft dein Zuhause zu einem Ort des Glücks macht. Und schließlich, im dritten Vers, geht es um die gute Nachbarschaft. Die Bibel sagt: „Verlass deine Freunde nicht. Wenn du in Schwierigkeiten bist, lauf nicht gleich zum Haus deines Bruders. Der Nachbar nebenan kann dir besser helfen als der Bruder in der Ferne.“ Der Nachbar kann besser helfen. Wenn er es denn tut. Denn das ist wieder so ein kleiner Baustein des Guten: Dass wir auch als Nachbarn füreinander da sind, zueinander freundlich sind. Das sind alles Bausteine dazu, dass es uns gut geht. Das sind alles Bausteine dazu, dass unser Zuhause ein Ort wird, an dem wir uns gut fühlen.

Und dann gilt der Satz: Wo es dir gut geht, da ist die Heimat. Und dann kehren wir gerne nach einem schönen Urlaub nach Hause zurück, weil es ein guter Ort ist, eine Heimat, in der wir uns sicher und geborgen fühlen: Weil wir hier Hilfe finden, Zuneigung finden, weil … und das spricht die Bibel gar nicht aus, weil es ihr so selbstverständlich ist: Weil dort ein guter Geist, und das ist Gottes Geist, herrscht. Wo wir nämlich Raum für Liebe und Miteinander schaffen, dort schaffen wir einen Raum für Gott. Und wo Gott ist, da ist es gut.

Denn, davon lasst uns jetzt singen: Wo die Liebe wohnt – und Güte – da ist unser Gott!

Amen.