Predigt: Martin Luther Straße

Predigt: Martin Luther Straße

Predigt vom März 2016 ihm Rahmen der Predigtreihe zu den Straßennamen der Rosenau. Hier: Martin Luther Straße

Liebe Gemeinde!

Die Straßen in der Rosenau erzählen Geschichte. Sie erzählen die Geschichte der Menschen, die diese Siedlung gegründet haben. Sie erzählen die Geschichten anhand der Vergangenheit. Denn was du bist, ist auch bestimmt von deiner Vergangenheit und der Vergangenheit deiner Vorfahren.

Viele unserer Straßen tragen die Namen wichtiger Personen. Die älteste davon eröffnet unsere Predigtreihe: Martin Luther!

Was hat uns dieser Luther heute zu erzählen?
In unseren Tagen wird wieder viel über Religion geredet. Freilich nicht über unsere, aber über den Islam. Ist Religion gefährlich? Kann sie Menschen zum Guten führen? Kann sie Menschen verführen und missbrauchen?

Martin Luther erfuhr all diese Fragen an sich selbst. Er wurde 1483 in Eisleben geboren. Die Starrheit des Mittelalters begann sich damals aufzulösen. Alte Strukturen beharrten auf ihrer Macht und wurden nun doch hinterfragt. Auch von einer neuen aufstrebenden Schicht. Neue Berufe machten neue Menschengruppen wohlhabend und eröffneten den Bürgern den Aufstieg, der bisher nur dem Klerus und dem Adel vorbehalten war.

Martins Vater stammte von Bauern ab, zog aber in den damals hochmodernen Beruf des Bergbaus, wo er später auch zum Minenbesitzer avancierte. Von der Idee beseelt, dass seine Kinder es einmal besser haben sollten als er, zahlte er Martin Schulen und die Universität. Seine Eltern waren, wie fast alle damals, kirchlich verbunden, aber keineswegs übermäßig fromm.

Doch bereits im jungen Martin entstand ein tiefer Glaube. Ein Glaube, allerdings, der stark mit Angst verbunden war. Die spätmittelalterliche Kirche war sehr gut darin, den Menschen die Furcht vor der Hölle und dem Fegefeuer zu lehren. Die Kirche ist die einzige Chance, die der Mensch hat, der Hölle zu entrinnen.

Glaube und Angst waren für Martin stets verbunden. Denn er war klug, sein Verstand scharf. Er beobachtete sich selbst und sein Handeln und sein Denken und maß es an den Vorgaben der Bibel: Da konnte er nicht bestehen. Kein Mensch konnte da eigentlich vor Gott bestehen. Ich greife hier nur wenige Forderungen Jesu heraus:

„Du sollst deine Feinde lieben.“

„Schon wer auf seinen Bruder oder seine Schwester zornig ist, gehört vor Gericht. Wer zu seinem Bruder oder seiner Schwester sagt: ›Du Idiot‹, gehört vor das oberste Gericht. Und wer zu seinem Bruder oder seiner Schwester sagt: ›Geh zum Teufel‹, gehört ins Feuer der Hölle.“

„Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“

Luther verstand, dass diese Forderungen jeden Menschen sündhaft vor Gott zurück lassen. Die kirchliche Lehre vor Augen lebte er in Angst. Religion kann die Menschen verunsichern, sie verführen, sie in die Irre führen.

Welchen Ausweg gab es da? Wer ins Kloster geht, hieß es, hätte einen besonderen Stand vor Gott. Nach innerem Ringen trat Luther am 16. Juli 1505 in das Augustiner Eremiten Kloster in Erfurt ein. Das muss Gott doch gefallen, dachte er. Und ich sage ihnen: Ein normales Kloster war ein Luxushotel gegen diesen Orden. Hier nahm man Armut und Strenge wirklich ernst. Und Luther hoffte, dass er nun ein Leben führen würde, bei dem er sich letztlich nicht mehr fürchten musste vor seinem Gott. Doch er blickte auf sein Leben und merkte: Es ist immer noch nicht so, wie Gott es wohl erwartet. Immer noch gab es böse Gedanken in Luther, immer noch war Furcht in ihm. Es war tragisch!

Ein weiser Vorgesetzter und Beichtvater, Staupitz, erkannte die Not Luthers – und er wusste ein Gegenmittel. Diesen scharfen Geist muss man beschäftigen. Er ließ ihn Theologie studieren, ließ ihn zum Priester weihen und hieß ihn, eine Professur an der neu gegründeten Universität in Wittenberg anzunehmen.

Nun musste Martin Vorlesungen über die biblischen Bücher halten, auch über den Römerbrief des Apostel Paulus. Paulus hatte die gleichen Fragen vor Augen. Die Frage: Wie kann der Mensch vor Gott bestehen? Genau die gleichen Fragen, die Luther bewegten. Und Paulus hatte auch eine Antwort darauf. Eine Antwort, die damals lange nicht mehr beachtet worden war. Denn sie hatte nichts mit der Kirche als Institution zu tun. Sie hatte nur mit dem einzelnen Menschen zu tun.

Irgendwann um 1515 herum hatte Martin Luther für sich die entscheidende, die befreiende Erkenntnis. Er erlangte sie beim Studium und beim Nachdenken über jene Bibelstelle, die wir heute gehört haben: „Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): ‚Der Gerechte wird aus Glauben leben.‘“

Was also verlangt Gott von uns, damit er uns erlöst? Perfektion? Sündlosigkeit? Was müssen wir tun, um mit Gott verbunden zu sein? Die Antwort leuchtete Luther nun auf: Glauben. Allein durch den Glauben sind wir mit Gott verbunden und gehören wir zu ihm. Darauf kommt es an!

Das spricht sich jetzt so leicht, liebe Gemeinde. Aber daran hängt eine unermessliche Freiheit! Denn Martin Luther hat der christlichen Religion ihre Freiheit zurückgegeben.

Er hat die Menschen befreit von der Angst vor Gott. Die, die Angst hatten, das waren ja eh nur die Gläubigen. Die anderen hatten eh keine Angst, die taten eh was sie wollten. Aber gerade die Gläubigen brauchen keine Angst haben, hat Luther verstanden. Das reicht. Du bist Gott recht. Gott will dein Bemühen, nicht Perfektion.

Martin Luther hat uns einen Glauben gelehrt, der frei macht. Frei von Angst. Frei auch von der Abhängigkeit von der Institution Kirche. Die mittelalterliche Kirche hat sich als einzig möglicher Mittler zwischen Gott und die Menschen gestellt. Nur über die Kirche, nur durch die Teilnahme an ihren Veranstaltungen, durch die Unterordnung unter ihr Regiment kannst du erlöst wurden. Nun kommt der kleine Professor Luther mit einer Bibelstelle daher und sagt: Allein durch den Glauben. Ihr seid frei!

Und genau diese Freiheit hat den Menschen und der Religion gut getan. Genau so eine Freiheit wäre auch in anderen Religionen wichtig. Die Menschen müssen befreit werden vom Terror jener, die behaupten es besser zu wissen. Die Menschen müssen befreit werden von Menschen, die im Namen der Religion Hass auf andere schüren und das Paradies als Gegenleistung für Terror versprechen.

Luther hat gesagt: Gott hat die Bibel so gemacht, dass jeder sie lesen und verstehen kann. Ihr müsst, ihr dürft euch nichts einreden lassen. Ihr seid mündige und freie Christen und Christinnen. In seiner berühmten Schrift „von der Freiheit eines Christenmenschen“ hat Luther schreiben können: „Ein Christenmensch ist ein freier Mensch und niemandem Untertan.“ Ganz neue Worte! Das Mittelalter endete da, die Zeit der Aufklärung brach sich Bahn.

Doch Martin Luther selbst war bald von den Auswirkungen seiner Erkenntnis frustriert. Denn, wie es so oft ist: Viele Leute hörten nur die Teile davon, die sie hören wollten. Luther hat sich gedacht, die Leute würden es so annehmen wie er: Weil ich nun von der Angst vor Gott befreit bin, deshalb kann ich ihm umso herzlicher und aus freien Stücken dienen.

Doch viele dachten andersrum: Weil nun die Kirche nicht mehr entscheidend ist und ich keine Angst mehr haben brauche – da brauche ich jetzt endlich nicht mehr jeden Sonntag in den Gottesdienst gehen. Es kam bei vielen statt zur Freiheit der Religion zur Freiheit von der Religion.

Im Neujahrsgottesdienst 1530 kam es dann zum Eklat. Luther predigte in seiner Kirche in Wittenberg am 1. Jänner und war frustriert darüber, wie wenige Wittenberger es überhaupt wert gefunden hatten, in die Kirche zu kommen. Und dann sagte Martin Luther in seiner Predigt:

„Ich möchte lieber tollwütigen Hunden predigen, als weiterhin dieser undankbaren Gemeinde! Ich werde für euch nicht mehr predigen.“

Luther, der oft siebenmal in der Woche predigte, ist dann trotz der Bitten des Kurfürsten und der Stadt über vier Monate in den Predigtstreik getreten. Was war der Grund? Der Grund war, dass die Gemeinde diese neue Lehre von Gottes Gnade missverstanden hat. Die Leute dachten sich: Wenn ich eh schon aus Glaube gerecht werde, dann brauche ich ja des Sonntags gar nicht mehr in die Kirche gehen. Die Kirchen waren plötzlich halb leer. Das trieb Luther zur Weißglut!

Das ist die Kehrseite der Freiheit. Aber das ist Evangelisch. Wir können, aber wir müssen nicht. Wir sollen, aber wir sind nicht gezwungen. Das ist immer die große Versuchung: Wäre es nicht gut, die Menschen zumindest ein bisschen zu ihrem Glück zu zwingen? Wäre es nicht die gute Sache wert, dass ich ein wenig Druck ausübe?

Die Evangelische Kirche sagt in Anlehnung an Luther: „Nein“. Es geht um den Menschen, sein Herz, sein Seelenheil. Das ist eine Sache zwischen ihm und Gott. Wir können ihm helfen, ihn aufmuntern, ihn erbauen, ihn begleiten – aber können ihn nicht zwingen. Diese Freiheit im Glauben verdanken wir Martin Luther. Eine Freiheit, von der wir auch heute noch alle zehren. Eine Freiheit, die längst auch die katholische Kirche verstanden und übernommen hat.

Trotzdem müssen wir uns fragen lassen: Wir sind frei von Angst vor Gott. Wir genießen Glaubensfreiheit in unserem Land: Leben nun diesen Glauben oder haben wir ihn zur Seite geschoben, ist Gott uns nur noch ein theoretischer Begriff?

Die Martin Luther Straße also eine Erinnerung an die Mündigkeit und Freiheit, die uns inne ist. Kein Staat, keine Religion, kein Diktator darf sie uns nehmen. Die Siebenbürger und anderen Flüchtlinge zu Kriegsende, sie haben den Wert der Freiheit zu schätzen gewusst. Auch den Wert ihrer Glaubensfreiheit. Hier leben zu dürfen, in Österreich, in Freiheit, in Glaubensfreiheit, befreit vom Nationalsozialismus, bewahrt vor dem Kommunismus – all das war ihnen eine Gnade. Deshalb heißt diese Kirche Gnadenkirche und deshalb heißt eine Straße Martin Luther Straße: Weil seine Erkenntnis uns bis heute prägt, uns in die religiöse Mündigkeit und Freiheit geleitet hat.

Amen.