Predigt: Nur aus Gnade

Predigt: Nur aus Gnade

Predigt im Rahmen der Predigtreihe 2017 zu den vier Evangelischen Leitsätzen. Hier: Pfr. Fraiss über „Nur aus Gnade“

Liebe Gemeinde!

Vier Leitsätze kennen wir Evangelischen.
Nur aus der Bibel erfahren wir von Gott.
Nur durch Christus erkennen wir den Weg zu Gott, zu unserer Erlösung.
Nur durch den Glauben, durch das glaubende Verbundensein mit ihm sind wir Gott recht, können wir bei ihm eine neue Heimat finden.
Und schließlich: Warum ist das alles so einfach? Nur aus Gnade, nur aus Gottes Gnade ist es uns geschenkt.

Damit könnte ich schon wieder „Amen“ sagen und unsere ganze Predigtreihe ist fertig.

Denn es ist ja eigentlich alles ganz einfach. Ich erfahre in der Bibel von Gott, sehe an Jesus den richtigen Weg, das lässt den Glauben in mir wachsen und der Rest wird mir daraufhin geschenkt. So schön und einfach kann es sein.

Das Problem aber, das Problem an dieser schönen Zusammenfassung, das Problem ist, dass wir es trotzdem gerne missverstehen.

So wie eine Kugel immer bergab rollt. So wie ein Kind gerne den leichteren Weg wählt, wenn es die Wahl hat: Schnitzel oder Broccoli? Computerspielen oder Hausübung machen? So sind auch wir Gläubige. Wir wählen schon mal gerne den einfachen Weg. „Nur aus Gnade“ – das ist toll. Weil dann brauche ich nichts mehr tun.

Wir haben mit der Rede vom „lieben“ Gott die Menschen von der Angst vor Gott befreit. Manche haben mit ihrer Angst auch gleich ihren Glauben abgestreift. „Warum soll ich was tun? Wenn es den lieben Gott gibt, dann wird er mich schon erlösen – aus Gnade, weil er ja lieb ist.“

Wir brauchen aber nicht vermuten, dass das nur ein Phänomen unserer Zeit ist. Das war immer schon so. Bereits Martin Luther hat sich mit diesem Problem befassen müssen. Er hat sich gedacht: „Wenn ich erst einmal von der Angst vor Gott befreit bin, dann kann ich ihm umso herzlicher und aus freien Stücken dienen.“ Doch viele dachten andersrum: „Weil nun die Kirche nicht mehr entscheidend ist und ich keine Angst mehr haben brauche – da brauche ich jetzt endlich nicht mehr jeden Sonntag in den Gottesdienst gehen.“ Es kam bei vielen statt zur Freiheit der Religion zur Freiheit von der Religion.

Luther lehrte, der Gottesdienstbesuch sei keine Pflicht mehr. Man müsse keine himmlische Strafe erwarten, wen man mal nicht ginge. Und er dachte: Jetzt werden die Leute ganz unbeschwert sein und aus Freude kommen und von Herzen mitfeiern. Mitnichten!

Im Neujahrsgottesdienst 1530 kam es zum Eklat. Luther predigte in seiner Kirche in Wittenberg am 1. Jänner und war frustriert darüber, wie wenige Wittenberger es überhaupt wert gefunden hatten, in die Kirche zu kommen. Und dann sagte Martin Luther in seiner Predigt:

„Ich möchte lieber tollwütigen Hunden predigen, als weiterhin dieser undankbaren Gemeinde!“

Luther, der oft siebenmal in der Woche predigte, ist dann trotz der Bitten des Kurfürsten und der Stadt über vier Monate in den Predigtstreik getreten. Was war der Grund? Der Grund war, dass die Gemeinde diese neue Lehre von Gottes Gnade missverstanden hat. Die Leute dachten sich: Wenn ich eh schon aus Gnade gerecht werde, dann brauche ich ja des Sonntags gar nicht mehr in die Kirche gehen. Die Kirchen waren plötzlich halb leer. Das trieb Luther zur Weißglut!

Er sagte den Leuten damals: Der Glaube an Gott muss Konsequenzen haben, sonst ist es kein wirklicher Glaube. Ja, Gott erlöst euch aus Gnade. Ihr braucht keine Angst haben. Aber ihr könnt auch nicht einfach so weiterleben wie bisher. Die Erlösung geht an euch vorbei, wenn ihr nichts damit anfangt, euch nicht retten lasst aus den Verfehlungen eures Alltags. Oder, wie es Nietzsche spöttisch formuliert hat: „Erlöster müssten mir die Christen aussehen, dass ich an ihre Erlösung glaube.“

Martin Luther sagt also: Die Erlösung, die aus Gnade geschieht, will dich verändern, dir die Angst nehmen, dich umdenken lassen. Jesus fragt in einem Gleichnis: Woran erkennt man, ob ein Mensch wirklich an Gott glaubt? An den guten Früchten, also an dem, was er tut, wie er handelt. An dem, wie die Leute leben, merkt ihr, was sie glauben.

Aber soweit hatten die meisten Wittenberger nicht gedacht und sich lieber einen kirchfreien Sonntag gemacht. Aber genau das meint es nicht, wenn Luther von „nur aus Gnade“ spricht. Das ist keine Vereinfachung. Denn wer versucht, sein Leben im Licht Gottes zu führen, der hat es viel schwerer als der, der nur täglich drei gute Werke abliefern muss und aus.

Das heißt: Der Evangelische Christ muss denken! Was ist richtig, was ist falsch? Wie entscheide ich in der und der Situation? Anders wäre es einfacher. Ich habe eine Liste von Dingen, die als gute Taten zählen: Spenden, Wallfahrten, Gebete. Und das tue ich und habe damit alles getan. Nein: Gott schaut auf dein Herz. Und das ist viel schwieriger für uns.

„Nur aus Gnade“ heißt: Gott hat uns den Weg zu sich geöffnet. Er hat Steine aus dem Weg geräumt. Er hat also den Weg für uns bereitet, freigemacht. Bei Jesaja heißt es so wortgewaltig: „Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch wird es sehen.“ (Jes 404-5) Das wird über das Kommen Jesu gesagt, aber es beschreibt auch die Folgen für uns. Die Hügel und Steine sind weg – wir sind frei, zu Gott zu kommen. Aus seiner Gnade nimmt er sich der Menschen an, eröffnet ihnen einen Weg, einen Ausweg.

Der Weg ist da. Er ist uns geebnet, so wie eine Autobahn den Weg durch die Landschaft freimacht. Allein: Gehen müssen wir ihn schon selber. Gott ist kein Taxi, der jeden holt. Und Gott ist schon gar kein Zwangsbeglücker, der jeden holt, der selber gar nicht will.

Hier liegt der Knackpunkt. „Nur aus Gnade“ heißt nicht „ist eh wurscht, eh jeder“. Der Weg ist nun für alle offen. Nur ein Weg allein nützt gar nichts, wenn wir ihn nicht gehen. Das ist das Missverständnis, das heute oft in den Köpfen steckt.

Die Mitgliedschaft in einem Fitnesscenter macht mich auch nicht fit, wenn ich nicht hingehe und trainiere. Meine Schwester hat das mal schön formuliert: Sie sei „förderndes Mitglied“ im Fitnesscenter. Weil sie zwar zahle, aber nie hingehe. In der Kirche haben wir auch viele fördernde Mitglieder. Das ist nett, weil es zeigt, dass ihnen die Kirche wichtig, ihnen etwas wert ist.

Aber wir? Sind wir religiös fit? Sind wir so fit, dass wir den Weg zu Gott, mit Gott gehen? Dass wir den Weg gehen, den uns die Bibel sagt, Jesus gezeigt hat, den wir im Glauben bewältigen können? Nur aus Glaube. Nur aus der Schrift. Nur durch Jesus. Das sind die großen Evangelischen Leitsätze.

Was heißt es denn aber nun, den Weg zu Gott zu gehen? Da haben wir Evangelische es leicht und schwer zugleich. Leicht, weil eben Gottes Gnade uns die Angst nimmt und den Weg zu Gott freigemacht hat. Wir haben es aber auch schwer, weil uns dadurch einiges abverlangt wird. Nämlich: Ein eigenes Urteil, eine eigene Entscheidung, ein eigenes Nachdenken. Wir sollen mündige Christen sein. Das geht aber nur, wenn wir eine Ahnung haben. Wenn wir uns engagieren. Wenn wir beten. Wenn wir Bibellesen. Wenn wir auch in Gottesdienste gehen. Nicht, weil es uns Vorteile im Himmel bringt. Sondern, weil wir hier miteinander eine gute Gemeinschaft haben, Ruhe erfahren, über Gottes Wort nachdenken.

Es ist eben ganz anders bei Gott als in der Welt. In der Welt geht es um Geld und Leistung. Wie bei einem Automaten. Ich werfe oben was rein und unten kommt das gewünschte Produkt raus. So denken wir, haben auch schon die Menschen zur Zeit Luthers gedacht. Je mehr ich oben reingebe, desto mehr kommt unten raus. Desto mehr gute Taten, desto besser mein Platz im Himmel. Je mehr Gebete ich oben reinwerfe, desto besser funktioniert die Gebetserhörung. Bei Gott ist es anders. Der denkt nicht so wie wir es gelernt haben. Im Himmel gibt es keine Marktwirtschaft. Die Frommen kriegen nicht die besten Plätze im Himmel. Die mit der größten Anzahl an guten Taten erhalten keine Luxuswolken. Es geht nicht um Leistung und um Bessersein als andere.

Gott gibt, was wir brauchen. Denn davon gibt es genug. Das Reich Gottes ist groß. Gott muss nicht aussortieren, weil der Platz eng wird. Jeder und jede findet bei Gott einen Platz. Die Gnade ist übergroß. Ja, offenbar ist das Angebot an Gnade sogar weit größer als die Nachfrage.

 

Vor den Wahlen war ich in Wien. Da sind junge Leute bei den U-Bahnstationen einem richtig nachgerannt, um die Kugelschreiber von den Parteien zu verschenken. Die Leute gingen schnell weiter. Nicht einmal schenken wollen sie sich was lassen. Uns in der Kirche geht es auch oft so. Gott verschenkt – aber nicht einmal beschenken wollen sich die Menschen lassen.

Und Gott ist da schon ein bisschen strenger als die Wahlkämpfer. Er rennt dir nicht nach und drückt dir das ewige Leben in die Hand. Du musst schon hingehen und es selber in Empfang nehmen. Wir müssen uns Gott zuwenden. Er kam uns in Jesus sehr, sehr weit entgegen. Aber die letzten Meter zum Seelenheil muss dann doch jeder selbst gehen.

Amen.