Predigt: Sachsenstraße

Predigt: Sachsenstraße

Predigt zur Sachsenstrasse  10.4.2016 Volker Petri

Liebe Sachsenstraßerinnen und Sachsenstraßer, liebe mitfeiernde Christen!

Oder sollte ich beginnen: „Liebe Sachsenstraße, dir gehört heute meine ganze Liebe und Phantasie, habe ich doch mit meinen Lieben lange Jahre auf Nr. 35 gewohnt, wir gehörten zu dir und du gehörtest zu uns und das war schön, wir waren Sachsen und wohnten in der Sachsenstraße in damals, noch sächsischeren Tagen, wo dein Dialekt noch unüberhörbar war!“

Nun ich habe schon über vieles gepredigt doch noch nie über die Sachsen-Straße und bitte euch um eure Geduld und Verständnis. Als evangelischer Theologe suchte ich in der Bibel nach den Sachsen und stellte ein wenig enttäuscht fest, wir kommen dort nicht vor! Gott sei Dank wir nehmen uns nicht so wichtig – obwohl es schon, ehrlich gesagt, weh tut. Dann schlug ich das etymologische Wörterbuch auf und las unter SAX – kurzes Schwert und dass die im Freistadt lebenden Sachsen dieses verwendeten, wir Siebenbürger Sachsen waren so was von friedlich!

Nun gut, heute habe ich die Gelegenheit die Geschichte dieser Sachsen und ihrer Straße in Seewalchen-Rosenau zu beleuchten und weil Geschichte, aber auch Gegenwart und Zukunft es letztlich mit Gott zu tun hat, kann man darüber predigen, denn  ER, ist der Herr der Geschichte. Nachdem ein Pfarrer, unser  Gemeindegründer Mathias Schuster, den Namen Sachsenstraße gab, sie auf diesen Namen etwa 1955 taufte, nehme ich zur Tauferinnerung heute die passenden biblischen Worte: Befiel dem Herren deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen. 34. Psalm!

Wege, Straßen sind etwas Besonderes in unserem menschlichen Leben. Sie führen uns zu den gesetzten Zielen, sie lehren uns mit der Zeit  zu rechnen, Distanzen zu planen, vorausschauen und Rücksicht nehmen. Sie führen durch verschiedenste Landschaften des Lebens und zu verschiedensten Tages- und Jahreszeiten. Straßen, Wege sind uns Wanderern durch die Zeit immer auch Herausforderung. Sie erinnern uns, dass jeder Weg auch ein Ziel hat und wir eben begrenzte, sterbliche „Wanderer“ sind. Die Straßen in den Orten und Siedlungen, an welchen wir unsere Häuser bauen, sind etwas ganz Besonderes. Sie sind wichtiger Bezugspunkt, geben uns für unser Leben, oder einen Lebensabschnitt, ein vorübergehendes Zuhause, Heim, Geborgenheit eine Adresse. So fanden auch in der Sachsenstraße nach 1954 viele Menschen neue Heimat, die Mehrzahl damals, Flüchtlinge aus Siebenbürgen. Aus der schönen Stadt Bistritz, dem liebwerten Städchen Sächsisch Regen, den Orten Nieder- und Obereidisch, Baierdorf, Felldorf, Rode, Fogarasch, Heltau und Kronstadt, Wien, Berlin, Schlesien und der Bukowina usf. Von dorther geflüchtet, vertrieben, enteignet und entrechtet kamen die einstigen Bewohner an diesen herrlichen Ort im Voralpenland, dem schönen Salzkammergut. Sie kamen nicht aus eigenem Antrieb, waren nicht auf der Suche nach einem schöneren Zuhause, nach besseren Lebensbedingungen – sie kamen, vom grausamen Krieg evakuiert, vertrieben und landeten als Gestrandete, Flüchtlinge und Fremdlinge, D-P-s. Sie kamen 1944 im Krieg, nachdem auch sie in den Strudel nationalsozialistischer Machtideologie eingebunden wurden, sich zum Teil dafür begeisterten und mitreißen ließen, aktiv auch als Soldaten und Täter mitwirkten. Sehr bald schon wurde ihnen die Rolle der Erleidenden und Opfer des furchtbaren Krieges zuteil. Flüchtlinge, mit ihrer alten Heimat als einstige Bauern und Handwerker in fast 8 Jahrhunderten verwurzelt und danach in fremder Landschaft, unter fremden Menschen und von keinem damals gerufen und schon gar nicht ersehnt, ohne Willkommens-Komitees.

Ihre Ahnen zogen  im 12. Jahrhundert, zur Zeit der Kreuzzüge hier durch Österreich durch. Von dem ungarischen König gerufen und in Transylvanien „Jenseits der Wälder“ das sie „Siebenbürgen“ nannten, angesiedelt. Als Christen gründeten sie neue Orte und Städte im Vertrauen auf Gott und den großzügig gewährten Rechten, gründeten  Städte und im Kampf ums Überleben bauten sie ihre Kirchenwehrburgen. Überlebenswille und ihr Zusammenhalt prägten ihre Kultur, das Leben und die Landschaft. Zunächst nannte man sie „Gäste der Krone“, danach „Flanderer“ und Hundert Jahre später nannten sie die ungarische Kanzlei sie plötzlich Siebenbürger Sachsen, obwohl sie Moselfranken waren.

Seit 1650-1919 waren sie Teil der Habsburger Monarchie, sprachen neben ihrem uralten Dialekt das österreichische Deutsch, behielten ihre seit dem 17. Jahrhundert gelebte Glaubensfreiheit als evangelische Christen und nahmen im 18. Jhdt. die zwangsumgesiedelte österreichischen evangelische Transmigranten auf in ihrem Land, in welchem Glaubensfreiheit galt. Sie lernten aus dem Glauben Leben, ihr Miteinander zu gestalten, wobei die harten Nachbarschaftsregeln wenig Spielraum ließen, dafür aber Sicherheit boten.

1944 und nach Kriegsende 45 beginnt das Leben im Provisorium, in den von den Nazis errichteten Barackenlagern in Lenzing, Kammer, Seewalchen. Ganz Unten, waren sie gelandet, als Knechte und Mägde auf Bauernhöfen, Hilfsarbeiter beim Wiederaufbau tätig. Auf den langen Fluchtwegen durch vom Krieg gezeichnete Landschaften und von dem Donner der Kanonen gejagte, lehrte sie die Not wieder beten, die christlichen Tugenden wie nachbarschaftliche Nächstenliebe und Gottvertrauen, welche sich seit Jahrhunderten lebten, bewährten sich in der neuen Situation und man befohl „Gott die Wege und hoffte auf IHN!“ Die schmerzliche Erkenntnis, dass die alte Heimat, ihr Besitz, ihre Dörfer, Kirchen und Häuser verloren waren, dass es keinen Weg zurück ins „kommunistische Rumänien“, hinter dem „Eisernen Vorhang“ gab setzten den Alten hart zu. Die Trauer über die vielen Gefallenen  aus ihrer Mitte, die unbegreiflichen Opfer und Zerstörungen belasteten zusätzlich.

Ein neuer Abschnitt beginnt und die neue Einsicht, wie sie Pfr. Schuster biblisch aufdeckte: „Gott hatte das geknickte Rohr nicht gebrochen und den glimmenden Docht nicht ausgelöscht“ aus dem Karfreitag ihrer Geschichte begann die österliche Hoffnung des Neuanfangs. Die Gemeinschaft in den Lagern stärkte den Zusammenhalt und die Evangelischen Kirche Österreichs und die wenigen Evangelischen vor Ort halfen und schenkten neue geistliche Heimat. Ihr Fleiß, Verlässlichkeit, Gemeinschaftssinn, Können und Ehrlichkeit machten aus den „luderischen Zugrosten“, „den Tschuschen und Krowotten“ im Laufe der Zeit evangelische Siebenbürger Sachsen, die unter den Österreichern Wertschätzung und Anerkennung fanden.

Nach 1954, der Verleihung der österr. Staatsbürgerschaft nach 10-jährigem Warten und Ungewissheit löste ungeheure Kräfte in  der Gemeinschaft aus. Die oft mühsam ersparten Guthaben ermöglichten ihnen, die Ansiedlung auf einem damals nur als Feld sichtbaren Raum. Man arbeitete sich im wahrsten Sinne des Wortes von „ unten rauf“ d. hieß vom händisch ausgehobenen Keller, zur Wohnung und Haus. Vertrauen, Gemeinschaftsgeist und zäher Einsatz ermöglichten es, dass sie, wie der Vogel Phönix, aus der Asche aufstiegen. Bald steht auch die Gnadenkirche, Friedhofskapelle, Altenwohnheim und Kindergarten, danach das Pfarrhaus inmitten einer sich immer stärker konturierenden Ortschaft- Siedlung. Damals entstand die Sachsenstraße – zur Erinnerung an den Ursprung vieler und ihrer Zugehörigkeit zu einem kleinen Volksstamm im einstigen Siebenbürgen.

Ja aber was soll das den Sachsenstrasserinnen und Sachsenstrassern, mehr uns allen heute noch sagen? Die Straße will mahnen und erinnern Geschichte lebendig werden lassen. Geschichtsbewusstsein – das Wissen, dass diese Geschichte eine Geschichte der Gnade, des Neuanfangs war und uns zur Dankbarkeit ruft. Die Erfahrung einer gelungenen Integration- die sowohl der Mehrheits- als auch der Minderheit zum Segen diente. Die Erinnerung jener urwüchsigen Kraft, welche aus einer Gemeinschaft entspringt, welche aus christlicher Liebe, Vertrauen und Hoffnung lebt. Sie besitzt die Kraft jede NOT und LEID zu tragen.“ Befiel dem Herren deine Wege, hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen!“  So befehlen wir dem lieben Gott heute alle Menschen, von allen Straßen und hoffen, dass er vieles in unserer Gemeinschaft, unserer Welt zu unserem Wohle auch weiterhin vermag. Wo die Dankbarkeit beginnt, zieht Friede ein und wird Zufriedenheit möglich. Erst das sterbliche Leben in Beziehung mit der letzten Wirklichkeit Gottes lässt vorwärts blicken.

Wir die Sachsen, die Nachkommen, alle in den alten geschichtsträchtigen Häusern lesen am Namen Sachsenstrasse unsere Geschichte und können sie neu für uns interpretieren. Ich würde sagen Sachsenstrasse steht für Strasse der Hoffnung, Strasse der Gemeinschaftskraft, Strasse des Gottvertrauens und damit für uns alle Symbol der Zuversicht: Befiel dem Herren deine Wege und hoffe auf ihn – ER wird’s wohl machen!“

Amen