Predigt über Psalm 85

Predigt über Psalm 85

Predigt vom 7. November 2021
Predigttext: https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lesen/LU17/PSA.85.9-PSA.85.14

Liebe Gemeinde!

Das Buch der Psalmen ist ein Gesangs- und Gebetsbuch. Ich kann einen Psalm nicht diskutieren und auslegen wie ich es mit einem Gleichnis von Jesus machen kann. Gebete wollen nicht zerlegt und hinterfragt, sie wollen vor allem einmal gebetet werden.

Martin Luther hat dieses Buch der Psalmen eine „kleine Bibel“ genannt. Denn darin „siehst du den Heiligen ins Herzen“. Alle Probleme eines Christenmenschen kommen da drinnen vor. Hoffnung und Wut und Trauer und Verzweiflung und Glück. Lesende und Glaubende, sagt Luther, würden sich darin in ihrem Leben mit Gott immer neu selbst im Spiegel erkennen. So passend und treffend sind diese alten Texte. Wie ein Spiegel unserer Seelenzustände.

Und manchmal, wenn Leute gerade sehr wütend sind auf Gott und die Welt – da täte es auch heute besser, die Leute würden drei, vier Klagepsalmen hintereinander beten als ihre Mitmenschen anfahren und beschimpfen.

Gerade in diesen Corona Extremen ist Vielen, auch mir, manchmal zum Schreien und Schimpfen und Verzweifeln. Nur: Es hilft ja nichts. Und es ist ja eigentlich niemand schuld. Und dann schimpft man auf jene, die einem gerade über den Weg laufen, und die können oft am allerwenigsten dafür. Also: Lieber mal einen Klage- oder Rachepsalm gesprochen, das tut uns selbst und den Mitmenschen besser.

Der heutige Psalm ist eigentlich ein solcher Klagepsalm. Das Volk klagt darüber, wie es ihm ergeht. Historischer Hintergrund dürfte folgender sein.

586 v. Chr. wurde Jerusalem von den Babyloniern erobert und die Israeliten nach Babylon verschleppt. Dann, vier Jahrzehnte später, dürfen sie endlich wieder zurück. Das Reich der Babylonier ist von den Persern aufgerieben worden. Die neuen Herrscher lassen die Israeliten in ihre Heimat zurückkehren. Die Euphorie und Vorfreude sind groß. Wie schön wird alles wieder werden in der alten Heimat.

Doch so bunt die Träume sind, so trist die Wirklichkeit. Es ist keine Fülle, es ist harter Wiederaufbau, es ist Mangel und Unsicherheit.

Das Volk ist unzufrieden. So gefällt es ihnen nicht, das Leben in ihrem Land. Sie haben Grund zu klagen über die politischen und sozialen Umstände. Und das tun sie mit und in diesem Psalm.

Wie gesagt: Es ist liegt uns gar nicht so fern, einfach mal ein bisschen zu klagen, darüber, wie es ist, wie es uns und bei uns gerade geht. Wir tun das halt selten mit Psalmen und oft mit unseren gewohnten Schimpfwörtern. Doch wer, wie hier, mit Psalmen klagt, der klagt anders. Ein Psalm ist nämlich ein Gebet. Und wer seine Sorgen betet, mit dem geschieht etwas. Im Beten, im Aussprechen geschieht schon ein Veränderungsprozess.

Das merkt man auch in unserem Psalm: Da fängt es mit dem Jammern an: Früher, da war alles besser. Warum, Gott, bist du so zornig auf uns, dass es gar nicht rennt, dass wir so viele Probleme haben? Dann wird aufgezählt, was man gerne hätte: Frieden und Gerechtigkeit und mehr Leben, schlichtweg.

Doch am Ende bleiben sie nicht im Frust. Sie gehen weiter zur Hoffnung: „Mit dir, Gott, kommen Güte und Treue zusammen, mit dir wird es gut werden, mit dir wird es gelingen und unser Land guten Ertrag bringen.

Das ist ein großer Unterschied: Bin ich sauer und rede ich mich immer mehr in meine Wut hinein? Oder rede und denke und bete ich mich heraus aus meiner Wut hin zu einer Hoffnung?
Wut beklemmt, Hoffnung befreit.
Wut bringt Ärger hervor, Hoffnung Veränderung.

Ich möchte aber noch eine weitere Sache dieses Psalms hervorheben. Etwas, das wir Pfarrer sonst gerne unter den Tisch fallen lassen: Den Zorn Gottes. Viermal spricht der Betende hier vom göttlichen Zorn. Vom Hebräischen her könnte man es treffender übersetzen mit „Wutschnauben“.

So erlebt der Betende Gott: ärgerlich schnaubend. Manchmal fühlen wir uns im Leben ja auch so: Ausgeliefert, fühlen uns ungerecht behandelt, fühlen uns als Opfer. Warum, Gott! So kann und darf man fragen! Gerade jetzt, wo in unserer Gemeinde so viele Menschen krank zu Hause leiden. Klagen, es nicht verstehen, unzufrieden sein. Als ob Gott zornig wäre. Vielleicht ist er es ja auch ob unseres Lebenswandels. Aber das Beten bleibt eben nicht stehen an diesem Punkt, es lässt die Gedanken nicht im Tiefpunkt ruhen. Es geht weiter, darüber hinaus. Denn es richtet den Blick auf die Zukunft, die nahe Veränderung. Dein Reich komme (wieder), dein Wille geschehe (wieder).

Martin Luther hat es so beschrieben. Wir müssen innerlich fliehen vom zürnenden Gott zum liebenden Gott. Im Gebet vollziehen wir diese Flucht zum liebenden Gott.

Auch hier geht es also wieder um eine Bewegung. Ich muss aus der Finsternis meiner Gedanken, meiner Sorgen, meiner Wut irgendwie herauskommen. Das ist ja die Tragik derer, die an Depression leiden, dass sie nicht mehr von selbst herausfinden.

Die Frage: „Warum ist mir das passiert?“, weist nach hinten. Die Frage: „Wie geht es jetzt weiter?“, weist nach vorne.

Die Israeliten, damals, zurück in Israel, haben sich erst lösen müssen vom Traum des Ruhms der alten Zeiten. So wie damals wird es nicht mehr werden. Es wird anders werden, aber auch wieder gut. Die mussten sich also auf die Zukunft ausrichten, Neues planen, und ihre Erwartungen verändern, anpassen.

So wie es auch in Österreich war nach dem 1. Weltkrieg. Die Größe und den Ruhm der Habsburgerzeit, den durfte man nicht mehr erhoffen. Im Gegenteil: Der Wunsch zu alter Größe zurückzukehren, der führte ja mit in die Katastrophe des zweiten Weltkrieges. Aber danach suchte man aus dem Rest von Österreich das Beste zu machen. Und es entstand ein kleines, aber liebenswertes Land.

Auch wenn etwas nicht mehr so wird, wie wir es gerne hätten. Es kann trotzdem gut werden. …wenn wir das Jammern verlassen und den Blick nach vorne richten auf das, was nun möglich ist.

All das geschieht und liegt in diesem einen, kurzen Psalm. Von der Klage und dem Frust vor Gott hin zur Hoffnung auf Gott, der uns hilft, das Neue anzunehmen und zu gestalten.

Psalmen beten ist also eine gesunde Sache. Freilich: Es ist leicht gesagt und schwer getan. Inhaltlich sind uns diese alten Gebete so nah wie eh und je. Die Sorgen und Freuden der Menschen sind damals wie heute ähnlich. Nur sprachlich, da tun wir uns heute freilich schwerer. Martin Luther hat die Psalmen für die Menschen vor 500 Jahren neu und lebensnah übersetzt. Diese Übersetzung ist für uns nicht mehr ganz so nah und passend. Da tut es manchmal gut, zu anderen Übersetzungen zu greifen. Ich habe ihnen auf dem Sonntagsgruß eine neuere Übersetzung abgedruckt.  

Einer, der sich ebenfalls unseren heutigen Psalm vorgenommen hat und ihn für die Menschen seiner Zeit neu gedichtet hat, das ist Paul Gerhardt. Gut, seine Formulierungen sind nicht 500 Jahre alt wie jene Luthers, aber doch immerhin noch 270 Jahre. Aber auch er versucht, diese Klage zu seiner Klage zu machen. Und auch er beginnt klagend und endet hoffend.

Singen wir seine Umdichtung des 85. Psalms nun miteinander. Denn dazu sind Psalmen ja eigentlich da: Um uns gesungen und gebetet zu berühren.

Amen.