Predigt von Martin Luther

Predigt von Martin Luther

Predigt vom Reformationstag 2021 in der Rosenau. Gepredigt wurde eine Predigt von Martin Luther über das verlorene Schaf, Lk 15, 1-10.

Die Predigt Luthers wurde gekürzt und einige Sätze umformuliert bzw. auf mehrere Sätze aufgeteilt, der Sprechbarkeit wegen.

Liebe Gemeinde!

Dieses ist eines der tröstlichsten Evangelien, das man im ganzen Jahr predigt. Darin lehrt uns der Herr Jesus, dass sein Amt ein Hirtenamt ist, dass er den Sünder nachgehen, sie suchen und wieder zurechtbringen soll. Solche Predigt gibt es, weil allerlei Zöllner und Sünder den Herrn Christus nachliefen, damit sie seine Predigt hörten. Das sahen die Pharisäer und Schriftgelehrten und murrten darüber. Sie rechneten es Jesus übel an, als wäre es eine besondere Leichtfertigkeit. Denn einem frommen Mann steht es zu, dass er sich zu frommen Leuten halten und gesellen soll. Aber der Herr antwortet sehr wohl und sagt: Er tue nur das, dass die Leute sonst auch tun in anderen Sachen, bei Schafen und Münzen. Er erklärt sich also vor den Pharisäern und will sie seiner Sache überzeugen.

Denn dieses ist die Frage, um die es hier geht: Wie mit den Sünder umzugehen und was mit ihnen zu tun sei? Die Pharisäer und Schriftgelehrten wissen von Gottes Worten nicht mehr, denn was Mose und das Gesetz gelehrt. Weil nun das Gesetz immer so predigt: Gott will denen gnädig sein, die fromm sind und seine Gebote halten; dagegen die Bösen, die seine Gebote nicht halten, strafen – daher kommt es, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten hier meinen, es wäre von den Menschen nicht recht, mit den Sündern umzugehen.

Genauso urteilt unsere Vernunft auch. Sobald ein Mensch seine Sünden spürt, denkt er, dass Gott ihm zürnt. An den jungen Kindern sehen wir es auch: wenn sie wissen, dass sie Unrecht getan haben, verstecken sie sich. Denn das ist die Art der Sünde, dass sie ein ängstliches Herz macht, dass sich um Ungnade und Strafe sorgt.

Ein Herz, das weiß, dass es schuldig ist, kann natürlich nichts anderes als sich fürchten. Es vergisst deswegen alle Gnade und wartet auf Ungnade. So urteilen die Pharisäer hier von den Sündern auch. Sie schließen deswegen schnell darauf: Mit bösen Buben soll niemand umgehen, noch ihnen einige Gnade beweisen; denn Gott selbst ist ihnen ungnädig.

Aber da denke du ihm nach, ob solch ein Urteil wahr sein soll. Kann es denn sein, dass Gott mit den Sündern keine Geduld tragen und immer mit der Keule zuschlagen will? Wie würde es uns da allen gehen? Wo wird er Leute und eine Kirche haben?

Ja, wir leben nicht alle in groben, äußerlichen Sünden. Gott Lob! Es ist unter uns mancher Ehemann, der seine Ehe nicht gebrochen hat. Mancher, der mit der Hand nicht gemordet, nicht gestohlen, noch anderes getan hat, dass unehrlich und ungöttlich ist. Doch wir müssen uns alle vor Gott als Sünder bekennen. Denn wir sehen und erfahren, dass in unseren Herzen nichts Gutes ist, wenn auch an einem die Hände, der Mund und andere Glieder rein sind. Nun will aber Gott nach dem Herzen sein Urteil stellen.

Sollte Gott nun alle Sünder wegwerfen und ihrer sich nicht annehmen, wie die Pharisäer hier das Urteil nach dem Gesetz fällen: so müsste ja folgen, dass kein Mensch kann selig werden. Die Pharisäer selbst müssen bekennen, dass diese Meinung falsch und unrecht ist.

Darum fällt unser lieber Herr Jesus Christus ein anderes Urteil und will solche Antwort der Pharisäer ganz und gar nicht gelten lassen. Er widerspricht ihnen und sagt, dass Gott den Sündern nicht feind ist, und auch nicht Lust an ihrem Tode hat. Deswegen könne er, der Herr Christus, ihnen auch nicht feind sein. Er ist deswegen in diese Welt gekommen, dass er die verirrten Schafe suchen und wieder zu recht bringen will. Und alle Menschen, besonders aber die Prediger, sollen diesem Beispiel folgen, dass sie, genau wie man in einem Haus sucht, wenn etwas verloren ist, allen Fleiß dahin wenden soll, dass das verlorene wieder gefunden werde.

Dieses ist eine andere Lehre und Predigt als jene des Mose und des Gesetzes. Diese Predigt ist nicht in unserem Denken gewachsen, sondern ist durch den Sohn Gottes vom Himmel herab zu uns gebracht. Wie Johannes der Täufer sagt: „Gott hat niemand jemals gesehen; außer der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist.“ Und der sagt uns den Willen Gottes, dass er mit den Sündern nicht zürnen, sie wegen der Sünden nicht verdammen, sondern viel lieber zu Gnade annehmen und sie selig machen will. Wo die Sünde ist, da fürchtet man sich vor Gott. Wendet sich von ihm ab, versteckt sich vor ihm. Aber da lehrt uns unser lieber Herr Christus durch sein Evangelium, dass es eine andere Meinung mit den Sündern vor Gottes Gericht habe, dass er nicht über sie zürnen, sondern sie zu Gnaden annehmen will, und dass die Engel im Himmel oben alle Freude und Lust daran haben, wo die Sünder zur Buße kommen und sich bekehren.

Diese Lehre soll man darum fleißig merken.

Jesus zeigt uns im heutigen Evangelium einen besonderen Gedanken an. Nämlich: Dass er uns nicht lassen kann. Er muss um die Sünder sein, sie suchen, und alles machen, was zu ihrer Seligkeit dienlich ist. Er sagt: Es geht Gott eben, wie es uns Menschen geht. Ein reicher Mann, der 10.000 Gulden besitzt, wenn ihm tausend gestohlen oder verloren werden, so ist dies nichts anderes, denn als wenn er alles verloren hätte. Denn dass er noch etwas übrig hat, dass freut ihn und tröstet ihn nicht so viel, wie er sich um das Verlorene bekümmert. Das ist unsere Art, und wenn es nur das Zeitliche betrifft, eine Unart. Deswegen sollte man sich des zeitlichen Unfalls nicht soviel bekümmern lassen. Trösten wir uns damit, dass wir noch etwas haben und das meiste behalten, und Gott uns täglich mehr bescheren und das Unsere mehren kann.

Diese Art nun, spricht unser lieber Herr Christus, habe ich auch. Die Sünder sind mein erkauftes, teuer erworbenes Gut und Eigentum. Denn ich habe sie mir erkauft durch mein Leiden und Sterben. Sollte es mir nun nicht weh tun, wenn sie mir wieder aus den Händen gehen? Und sollte ich mich nicht heftig bekümmern, wenn sie dem Teufel gehören? Denn sie kosten mich zuviel, und sind mir teuer geworden. Deswegen kann ich es nicht lassen, so bald mich eines meiner Schäflein verlässt, so muss ich mich stellen, als würden mich die anderen gar nicht kümmern, und nur dem verlorenen nachgehen, es suchen, dass es den bösen Wölfen nicht zur Beute werde. Eben wie eine Mutter, die viel Kinder hat. Die sind ihr alle lieb. Wenn es nun aber geschieht, dass eines fällt oder krank wird, so macht die Krankheit einen Unterschied zwischen den anderen Kindern allen, dass das Kranke das liebste ist, und die Mutter sich keines mehr annehmen, und sich um keines fleißiger kümmert. So, spricht der Herr hier, ist es mir auch mit den Sündern zu tun.

Hier ist doch das Herz unseres Heilandes auf das freundlichste und lieblichste abgemalt. Man könnte es nicht besser und freundlicher machen, weil er einen solchen großen Kummer, Sorge, Mühe und Arbeit darüber hat, wie er die armen Sünder wieder zu recht bringen kann. Also, spricht er, steht mein Herz, also ist es unruhig und bebt, wenn ich sehe, dass der Teufel einen armen Menschen in die Sünde und Irre gebracht hat.

Dazu dient auch, dass er das Gleichnis von den Schäflein und Hirten erzählt. Es ist eine böse Sache, wo ein Schäflein von der Weide und von seinem Hirten in die Irre gerät; denn es kann sich selbst nicht helfen, und ist alle Augenblicke in Gefahr, dass der Wolf, der dem Schäflein nachschleicht, es greift und frisst. In solch einer Gefahr hätte es keine Hilfe, kann sich nicht schützen. Denn es ist kein Tier unter allen Tieren, dass von Natur so bloß und wehrlos erschaffen ist, wie das Schaf. So ist es auch um einen Sünder, welchen der Teufel von Gott und seinem Wort abgeführt und in die Sünde gebracht hat. Denn da ist er keinen Augenblick sicher,

In solch einer Gefahr ist nun dieses der einzige Trost, dass wir einen Hirten haben, unseren lieben Herrn Christus, der sich unser annimmt und sucht uns:

Da ist aber ein Unterschied zwischen den Sündern. Zuerst sind alle Sünder gleich, dass sie dem Teufel zu Dienste gegen Gottes Gehorsam sind. Danach aber werden sie ungleich. Denn Etlichen kann man sagen und predigen, was man will – sie bleiben nach wie vor in ihren Sünden und bessern sich auch nicht. Sie trösten sich selber und denken: Ei, es hat nicht Not, Gott ist freundlich, er wird immer über dich froh sein. Der schenkt mir Gnade. Ich will mich vorher aber noch zu der Welt halten, will vorher noch ein wenig der Früchte genießen, danach will ich auch zur Kirche gehen, Predigt hören und fromm werden. Diese Schafe hören des Hirten Stimme wohl, aber sie wollen sich nicht finden lassen. Was geschieht dann? Nichts anderes, denn dass sie von Tag zu Tag, je länger je mehr in die Irre geraten, und in des Teufels Stricke kommen, dass sie allein nicht mehr daraus kommen können.

Wie man sieht, dass es in der Welt geht, und die Leute im Geiz, Unzucht, Schwelgerei und anderen Sünden ganz ersaufen, dass ihre Natur so wird, dass sie denken, sie können gar nicht anders leben wie sie tun.

Davor sollen wir uns hüten, und wenn wir des Hirten Stimme hören, sollen wir bald zu ihm finden.  Wir sollen nicht in den Sünden bleiben und damit fortfahren, sondern umkehren, uns bessern, und glauben, unser Hirte Jesus Christus wird uns nicht in der Irre lassen, sondern in allen Gnaden wieder annehmen und uns mit seinem Vater versöhnen.

Lasst uns auf Jesus als unseren Lehrer hören. Stecken wir uns das Bild in Herz, dass Jesus ein Hirte sei, der sein Wort in die ganze Welt schallen lässt, dass die verirrten Schäflein es hören und zu ihm finden.

Wenn du an dir erkennst, dass auch du ein irrig Schäflein bist, welches der Teufel weit vom Wege getrieben und abgeführt hat, so nimm nun diese Predigt von Christus an. Denn um deinetwillen wird es gepredigt, dass du also zur Buße kommst. Damit du dich des Herrn Jesus Christus und seiner Gnade tröstest.

Dir das zu Herzen zu nehmen heißt, Gottes Wort hoch rühmen und preisen, als den einzigen Schatz, der die Sünde und allen Jammer, Tod und Verdammnis wegnimmt. Damit wir nicht mehr Sünder und Feinde Gottes sind, sondern den lieben Engeln im Himmel und allen Heiligen auf Erden eine besondere Freude sind.

Deswegen sollten wir dieses Wort Gottes in allen Ehren und Würden halten und es gern und mit Herzen hören.
Die, die es so predigen, die sollen wir lieb und Wert halten.

Das verleihe uns allen der Liebe und Treue Hirte unserer Seelen, unser lieber Herr Christus, durch den Heiligen Geist.

Amen.