Überschrift Segen

Predigt – Was ist Segen?

Predigt vom 26. Mai 2013.

Liebe Gemeinde!
Den heutigen Predigttext kennen Sie alle. Sie können ihn vielleicht sogar auswendig mitsagen. Es ist nicht nur ein bekannter Text, auch in der Bibelwissenschaft ist er zu einiger Berühmtheit gekommen. Der Grund ist folgender.
1979 wurden im Jerusalmer Hinnomtal Höhlen untersucht, die in der Antike als Gräber gedient hatten. Die Grabnischen waren offenbar mehrmals hintereinander genutzt worden, die Gebeine früherer Verstorbener waren dazu in eine Knochengrube umgebettet worden. In Höhle 24 fand sich eine Kammer, deren Nischen über zwanzig Verstorbene bargen. Dabei wurden ganz viele weitere Dinge, Grabbeigaben, entdeckt. Die ältesten davon stammen aus dem 7. Jahrhundert vor Christus.
Und dabei gab es einen ganz besonderen Fund: Es wurden zwei Silberröllchen gefunden, ganz klein, zusammengerollt nicht größer als mein kleiner Finger. Die Rollen sind wohl an einer Halskette getragen und auf diese Weise der Verstorbenen mit ins Grab gegeben worden. Und auf diesen Rollen war klein und fein ein Bibeltext eingeritzt. Ein Bibeltext, wahrscheinlich aus dem 6. Jahrhundert vor Christus. Es ist ein ganz wichtiger Beleg für die Entstehung der Bibel, für ihr Alter, dafür, dass gewissen Teile des Alten Testaments um 600 vor Christus schon in der heutige Form vorgelegen haben müssen.
Und auf diesen kleinen Röllchen steht nun also ein Text, den wir in unserer Bibel genauso finden. Unser Predigttext!

Wir hören nun aus dem 4. Buches Mose aus dem 6. Kapitel die Verse 22-27. Wir hören heute nicht die Lutherübersetzung, die uns bei dieser Bibelstelle schon zu vertraut im Ohr klingt, sondern die Gute Nachricht Version:

22 Der HERR sagte zu Mose:
23 »Wenn Aaron und seine Söhne den Leuten von Israel den Segen erteilen, sollen sie sprechen:
24 Der HERR segne euch und beschütze euch!
25 Der HERR blicke euch freundlich an und schenke euch seine Liebe!
26 Der HERR wende euch sein Angesicht zu und gebe euch Glück und Frieden!
27 Mit diesen Worten sollen sie den Leuten von Israel die Segenskraft meines Namens zusprechen. Dann werde ich mein Volk Israel segnen.«

Danke, Herr, für dein Wort. Lass es in uns wirken.

Liebe Gemeinde!
Den Segensspruch schlechthin haben wir gerade gehört. Bei wie vielen Gottesdiensten haben Sie ihn schon zugesprochen bekommen?
Was ist Segen? Es ist, schreibt Professor Döhling aus Bochum, zuerst einmal „ein Hort gegen die allzu protestantische Wut des Erklärens und Verstehens. Als letztem Wort des Gottesdienstes ist ihm außer dem Amen der Gemeinde nichts nachzusagen.“
Das ist ja eine Stärke von uns Evangelischen – dass wir die Dinge gerne erklären und alles Unerklärliche skeptisch beäugen. Aber jede Stärke enthält zugleich eine Schwäche, kein Vorteil ohne Nachteil, keine Gabe ohne Mangel. Unsere Stärke der Vernunft ist zugleich unsere Schwäche der Nüchternheit. Wer alles erklärt, kann keine Geheimnisse stehen lassen. Und manche Geheimnisse des Glaubens werden von uns zerredet, sodass das Mystische verloren geht, das manche Menschen für ihren Glauben brauchen.
Der Segen ist nun „ein Hort gegen unsere Wut des Erklärens und Verstehens“. Wir sprechen den Segen einfach zu, so wie hier im Alten Testament gefordert, sprechen ihn zu mit den Worten der Bibel und lassen ihn einfach so stehen. Lassen ihn stehen und vertrauen, dass Gott etwas daraus macht. Den Segen und seine Wirkung kann man kaum erklären. Gott hat uns durch die Bibel gesagt, dass er uns segnen möchte. Er hat uns gesagt, dass wir uns diesen Segen zusprechen können. Es darf einfach geschehen. Es muss nicht erklärt werden.

Interessant ist dieser Fund in der Grabkammer aus dem 6. Jahrhundert vor Christus in eben dieser Hinsicht. Denn da wurde das Segenswort nicht zugesprochen. Es wurde geschrieben und wie ein Amulett um den Hals getragen.
Auch da sind wir schon wieder an einer Grenze angelangt, die unsere protestantische Nüchternheit uns aufzwingt. Wir segnen keine Ketterl und haben kein Weihwasser, weil wir uns nicht erklären können, wie Gott segnend an Dingen wirken soll. Das Weihwasser soll andererseits gar nicht gesegnet sein. Es ist von der Idee her eine Erinnerung an das Taufwasser. Wann immer Menschen in die Kirche kommen, tauchen sie ihre Finger hinein und stellen sich neu unter das Kreuz Jesu, besinnen sich ihrer Taufe. Ursprünglich ist das rein symbolisch gemeint. Wir Evangelischen haben es wegargumentiert. Wir brauchen das äußerliche Zeichen der Tauferinnerung nicht. Das schaffen wir alles im Geiste. Wir wollen nicht glauben, dass Ketterl uns beschützen können. In unserer Nüchternheit übersehen wir vielleicht manchmal, dass es Menschen einfach gut tut, religiöse Symbole zu haben. Nicht, weil sie magisch wirken, sondern weil es ihnen einfach hilft, weil sie Gott damit bei sich, vor Augen haben. Manches kann man eben nicht mit dem Verstand verstehen.
Den Segen, zum Beispiel.
Die Frau, oder wahrscheinlich der Mann, dem die antike Silberrolle gehörte, trug sie um den Hals. Er wollte sich wohl dieses Segens versichert sein. Umso spannender nun aber, dass der Segen ihm als Begleitung ins Grab mitgegeben wurde. Der Segen ist das Lebenswort Gottes. Wer stirbt, ist diesem Leben entzogen. Das Judentum hatte unseres Wissens nach 600 vor Christus noch keine Lehre von einer Auferstehung. Wer tot war, war in der Unterwelt, war tot. Der Tod trennt von Gott. So sah es das Antike Judentum. Erst 100, 200 Jahre vor Christus finden wir in jüdischen Schriften langsam den Gedanken aufkeimen, dass Gottes Macht über den Tod hinaus reichen könnte.
Hier hat also ein Mensch instinktiv gehandelt. Gegen die logische, jüdische Lehrmeinung. Er hat das Segenswort, das Segenswort schlechthin, sich mitgeben lassen in das Grab. Er hat gespürt, dass die Kraft Gottes im Grab nicht enden kann, nicht enden wird. Manches kann man halt nicht mit dem Verstand verstehen.

Beachten wir die Worte, mit denen die Bibel uns vorschlägt, einander zu segnen. „Der HERR segne euch und beschütze euch!“ Schon allein dadurch, dass Gott, der Herr, erwähnt, ausgesprochen wird, entsteht eine besondere religiöse Kraft. Gott nur zu erwähnen ist schon ein schon Stück Gebet, ist schon etwas Heiliges. Deshalb wird er auch drei Mal in diesem Segen ausgesprochen. Gott ist heilig, ihn zu bedenken, von ihm zu sprechen, ist ein heiliger Akt.
„Der HERR blicke euch freundlich an und schenke euch seine Liebe!“ Dahinter steht eine antike Vorstellung. Gottes Angesicht, so hat man sich das bildhaft vorgestellt, ist leuchtend, ist strahlend hell wie die Sonne. Von der Sonne gehen Licht und Wärme aus. Von Gott ebenso. Dieses strahlende Gesicht, das wird im Segen nun ausgesprochen, wird Gott den Seinen zuwenden. Das ist gemeint, wenn es heißt: „Der Herr blicke euch freundlich an“, oder in der traditionellen Form: „Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über euch.“
Und schließlich, der dritte Abschnitt: „Der HERR wende euch sein Angesicht zu und gebe euch Glück und Frieden!“ Frieden, ich habe es schon ein paar Mal in Predigten erwähnt, meint im alten Israel etwas ganz Besonderes. Es ist dieses Wort „Schalom“. Bei uns ist Frieden oft nur verwendet für die Zeit, in der kein Krieg ist. Wenn die Bibel von Frieden spricht, dann meint sie etwas viel Größeres, Allumfassendes. Einen Frieden in mir, in der Gesellschaft, ein in mir Ruhen, ein friedvoll Sein. All das steckt in diesen paar Worten drinnen, durch deren Aussprechen Gott uns seines Segens gewiss machen möchte.

So bleibt mir also heute in dieser Predigt nichts zu erklären. Manches kann man halt nicht mit dem Verstand verstehen.
Ich kann nur sagen, dass bereits 2.600 Jahre vor unserer Zeit diese Worte ihre Kraft den Menschen entfaltet haben.
Ich kann nur sagen, dass seit damals sich Menschen die Kraft dieses Segensspruches immer neu erschließt.
Ich kann nur einladen, diesen Segen heute bewusst zu empfangen.
Amen.