Predigt: Stefan Ludwig Roth Platz / Straße

Predigt: Stefan Ludwig Roth Platz / Straße

Predigt vom 17. April 2016 über Stefan Ludwig Roth im Rahmen der Predigtreihe über die Straßennamen in der Rosenau

Liebe Gemeinde!

Heute darf ich über Stefan Ludwig Roth und den zugehörigen Platz und die davon weggehende Straße sprechen.

Stefan Ludwig Roth entführt uns in die Zeit der Donaumonarchie mit ihren Volksgruppen und deren Wunsch nach Rechten und Selbstbestimmung. In der damaligen Monarchie waren sie ja alle vereint: Ungarn, Deutsche, Slawen, Kroaten und dazwischen die Rumänen. Wir sind in der Zeit zwischen dem Wiener Kongress und dem Revolutionsjahr 1848. Die Ungarn waren darin bestrebt, mehr Macht und Anerkennung im Reich zu erlangen. Da sollte dann 1867 zur Gründung der Doppelmonarchie und zum Ausgleich mit Ungarn führen. Doch davor kam es erst zum Aufstand der Ungarn und zum Krieg gegen Österreich.

In diese Zeit hinein wurde Stefan Ludwig Roth 1796 in Medias geboren. Und er hatte zuerst einmal gar nichts mit Politik am Hut. Denn sein Herz lag ganz woanders, lag bei den Menschen, bei den Kindern, bei der Pädagogik.

Er besuchte in Hermannstadt das Gymnasium. Dank eines Stipendiums konnte er dann in Tübingen Theologie studieren. Dort entdeckte er sein Interesse an der Pädagogik und der Frage: Wie kann man die Kinder auf gute Weise zu selbst bestimmten Menschen begleiten und unterrichten? Er kam als Mitarbeiter an das Institut von Johann Heinrich Pestalozzi. Pestalozzi ist bei uns bekannt unter anderem durch die Pestalozzi Schule und den Pestalozzi Kindergarten in Vöcklabruck. Pestalozzi war ein Vorkämpfer für eine Erneuerung der Pädagogik. Er sah die Erziehung ganzheitlich, erkannte, dass sie schon in frühem Alter ansetzen sollte. Er forderte unter anderem die Aufnahme von Fächern wie Musik und Turnen in die Schule.

Von diesem menschenfreundlichen Geist ließ sich Roth inspirieren. Er wollte etwas verändern, verbessern. Er war angetrieben von seinem Evangelischen Glauben. Er glaubte an das Gute im Menschen. Man muss den jungen Menschen helfen, dieses Gute in sich zu finden und zu leben. Roth war ein Mann mit Überzeugungen, genährt aus seinem Evangelischen Glauben, aus der Bibel.

Er schloss das Studium der Theologie ab und machte seine Doktorarbeit in der Pädagogik bei Pestalozzi. Seine Dissertation setzte sich mit der Frage auseinander, wie ein ideales Schulsystem aussehen müsse. Die Frage bewegt uns ja bis heute. 1820 erwarb er in Tübingen mit der Dissertation „Das Wesen des Staates als eine Erziehungsanstalt für die Bestimmung des Menschen“ den Doktor- und Magistertitel.

Als er bald darauf nach Siebenbürgen zurückkehrte, machte er in Wien Station. Er wollte sich seinen in Deutschland erworbenen Doktortitel auch in Österreich anerkennen lassen. Allein: Das wurde ihm nicht erlaubt, im Gegenteil. Seine Arbeit wurde hier als zu revolutionär angesehen. Es wurde ihm verboten, seinen Titel zu führen. Schulreformer in Österreich zu sein ist (bis heute) nichts, womit man Anerkennung und Dank ernten kann.

Eine auf den ganzen Menschen abgestimmte Erziehung, der wertschätzende Umgang mit der Jugend, das sollte ihn sein Leben lang begleiten.

Zurück in Siebenbürgen verfasste er eine Schrift, in der er dazu riet, eine Lehrerbildungsanstalt einzurichten. Das sollte vor allem in den ländlichen Dorfschulen zu Verbesserungen führen. Allein: Es wurde nicht umgesetzt. Es hätte ja Geld gekostet.

Roth fand sich eine Arbeit als Professor am Gymnasium in Mediasch. Im Jahr 1831 wurde er dessen Direktor. Er zeigte viel Engagement und hatte viele für damals sehr moderne Ideen. Seine pädagogischen Ideale standen allerdings im Gegensatz zu vielem, was damals traditionell üblich war. So war er geachtet und umstritten zugleich. Er hielt sich auch nicht lange auf seinem Posten als Direktor.

Die Evangelische Pfarrgemeinde in Mediasch hatte ihn schon zwei Mal eingeladen, ihr Pfarrer zu werden. Er hatte abgelehnt. Geplagt von den Anfechtungen an der Schule folgte er 1834 dem dritten Ruf. So wurde er Evangelischer Pfarrer. Die Gemeinde wusste seine moderne Einstellung und seine auf dem christlichen Glauben fußenden Überzeugungen zu schätzen.

Immer wieder brachte er Schriften zu Themen und Fragen, die ihm wichtig waren, heraus. Er erlangte damit in Siebenbürgen einiges an Bekanntheit.

Er hat sich immer nach Vernunft und seinen Überzeugungen geäußert, nie nach politischen Notwendigkeiten. Er hat immer das gesagt, war er für richtig hielt, ungeachtet der Frage, wie die anderen reagieren würden. Die Liste der Themen, zu denen er Stellung bezog, ist beeindruckend.

So wurde er zu einem Vorkämpfer für die Modernisierung der Landwirtschaft, Belebung des Handwerks, Verbesserung der Landstraßen und Eisenbahnbau. 1845 begab sich Roth nach Württemberg und warb um Zuwanderer, die in Siebenbürgen eine moderne Landwirtschaft einführen sollten. Auf sozial-politischem Gebiet sprach sich Roth für die Beseitigung der grundherrschaftlichen Verhältnisse und die Bauernbefreiung aus.

Und dann meldete er sich noch zu einem weiteren Thema zu Wort – und das sollte ihm zum Verhängnis werden.

Denn nun kommen wir wieder zur Politik. Das heutige Rumänien war damals zwischen Russland und Österreich aufgeteilt, Siebenbürgen gehörte zu Österreich.

Es kam das Revolutionsjahr 1848. Die Ungarn pochten auf Selbstständigkeit und rebellierten gegen Wien. Mit einer eigenen Armee errangen sie Siege gegen das österreichische Kaiserreich und erklärten schließlich ihre Unabhängigkeit. Auch Siebenbürgen sollte dem ungarischen Reich einverleibt werden. Anfangs fanden sich in Siebenbürgen einige Unterstützer Ungarns. Sie sahen es als Möglichkeit, die Fremdbestimmung aus Wien auf diese Weise abzulegen. Bald, allerdings, erkannte man, dass auch die Ungarn nicht an der Selbstbestimmung der rumänischen Bevölkerung interessiert waren, im Gegenteil: Sie verfolgten das Konzept der Magyarisierung Siebenbürgens. Siebenbürgen sollte in Sprache und Kultur ungarisch werden.

Da hinein war nun unser Stefan Ludwig Roth gestellt. Und was machte er? Er blieb seinen Überzeugungen treu. Er sagte und schrieb Meinungen, die er aus seinem Glauben und seiner pädagogischen Überzeugung bezog.

Er schrieb für die damalige Zeit revolutionäre Gedanken nieder: So regte er an, dass es wohl das Beste wäre, wenn alle Völker in Rumänien gleich gestellt wären und gleiche Rechte bekämen: Die Deutschen, die Rumänen und die Ungarn.

Als die Ungarn, die inzwischen Siebenbürgen militärisch beherrschten, ungarisch zur Landesssprache machen wollten, verfasste er auch eine Schrift: Siebenbürgen brauche keine neue Sprache, erklärte er. Es gäbe ja schon eine, und das wäre rumänisch.

Das wurde ihm zum Verhängnis. Die nationalen Fragen waren ihm eigentlich nicht so wichtig. Er kam von der anderen Seite, der christlichen. Ihm ging es darum, was für die Menschen vor Ort gut wäre. Doch das zählte nicht in diesen Tag des Aufstandes. Er war deutschsprachig. Er hatte sich offen gegen die Magyarisierung gestellt. Das reichte damals, um vor Gericht zu landen.

Ein Standgericht in Klausenburg verurteilte ihn am 11. Mai 1849 zum Tode. Er galt als Hetzer gegen das Ungarische.

Nach seiner Verurteilung blieben Stephan Ludwig Roth nur noch drei Stunden bis zu seiner Hinrichtung. In dieser Zeit schrieb er einen Abschiedsbrief an seine Kinder. Ich darf kurz daraus zitieren:

„Liebe Kinder.
Ich bin eben zum Tode verurtheilt worden und in 3 Stunden soll dieses Urtheil an mir vollzogen werden. Wenn mich etwas schmerzt, so ist es der Gedanke an Euch, die ihr ohne Mutter seid und nun auch den Vater verliert. Ich aber kann dieser Macht, die mich zur Schlachtbank führet nicht widerstehen, sondern ergebe mich in mein Schicksal wie in einen Rathschluß Gottes, bei dem auch meine Haare gezählt sind.“[…]

„Alle, die ich beleidigt habe, bitte ich um herzliche Verzeihung. Ich meinerseits gehe aus der Welt ohne Haß und bitte Gott meinen Feinden auch zu verzeihen. Mein gutes Bewußtsein wird mich auf meinem letzten Gang trösten. Gott sei mir gnädig, führe mich ins Licht, wenn ich im Dunkeln war und lasse diese Veranstaltungen die mich umgeben meine Sühne sein für das, was ich in dieser Sterblichkeit gefehlt habe.

So sei es denn geschlossen in Gottes Namen.
Klausenburg am 11. Mai 1849“

Was können wir heute mitnehmen von diesem Mann und diesem Leben? Ich kann ihnen zwei Lehren anbieten, zwei entgegen gesetzte Lehren, die wir aus seinem Leben ziehen können.

Die erste Lehre wäre folgende: „Nur nicht anecken und immer mit dem Strom schwimmen. Dann ersparst du dir Ärger“. Hätte Roth brav seinen Posten am Gymnasium behalten, hätte er nicht versucht was zu verbessern, hätte er nicht seine christlichen Überzeugungen laut ausgesprochen – er hätte in Ruhe leben und sterben können. „Ruhig sein und nicht anecken“. Das wäre die eine Möglichkeit. Machen viele – zu viele Menschen.

Die andere mögliche Lehre aus Roths Leben ist weniger leicht umzusetzen. Sie lautet in etwa so: „Es gibt Werte und Überzeugungen, die sind größer und wichtiger als ich!“ Es gibt Werte, für die es sich zu kämpfen lohnt. Es gibt Überzeugungen, die ich nicht aufgeben kann, weil sie so grundlegend sind, so wahr und richtig.

Das ist die eine Möglichkeit: Wir können sagen, Roth hat versagt, weil er sich selber Ärger eingebrockt hat.
Oder wir sagen: Hut ab vor diesem Mann. Er ist eingestanden für seinen Glauben, für den an Gott und das Gute in den Menschen. Für die Überzeugung, dass jeder die gleichen Rechte haben soll und ein friedliches Zusammenleben der Völker möglich ist. Er ist eingestanden dafür, dass die Bedürfnisse von Kindern ernst genommen werden und sie eine menschenfreundliche Erziehung erhalten, die sie zu selbstständigen und mündigen Menschen macht.

Für sich hat Stefan Ludwig Roth aus seinem Glauben Sicherheit und Kraft geschöpft. Er hat gewusst, dass unser Herrgott ihn nicht fallen lässt und annimmt in der Todesstunde. Er hat im Tod auf Gott vertraut und wie Jesus zu seinen Henkern sagen können: „Herr, vergib ihnen!“

Der Geist der Aufklärung, der Geist der Menschenliebe, der Geist Gottes hat das Leben von Roth bestimmt. Er war der gut evangelischen Überzeugung, dass Bildung den Menschen bildet zu einem wertvollen Mitglied der Gemeinschaft. Er ging vom Menschen aus, nicht von politischen und nationalen Überlegungen.

Politisch ging es tragisch weiter. Die Ungarn errangen einige Siege gegen Österreich, bis diese Russland um Hilfe baten. Mit Russlands Hilfe wurde der Aufstand der Ungarn blutig niedergeschlagen. Siebenbürgen gehörte wieder zu Österreich und Roth wurde zum nationalen Märtyrer verklärt.

Ein paar Jahrzehnte später versuchte der neue Kaiser, Franz Joseph, die Wogen zu glätten und erreichte den Ausgleich mit Ungarn mit der Bildung der Doppelmonarchie.

Viel Leid ist passiert, das man sich eigentlich hätte ersparen können? Aber dazu hätte es mehr Männer und Frauen gebraucht, die sich ihrem Gewissen und ihren christlichen Überzeugungen verpflichtet fühlen. Dann hätte viel Leid vermieden werden können.

Und wie ist es heute?
Und wie ist es mit uns?
Welchen Weg wählen wir? Den bequemen oder den steinigen, der uns von christlichen Überzeugungen und Werten gewiesen ist?

Amen.