Predigt zum Amtsjubiläum von Pfarrer Fraiss

Predigt zum Amtsjubiläum von Pfarrer Fraiss

Rosenau, am 8. September 2013 (Pfr. Fraiss Roman)

Das Bibelwort steht im ersten Buch Samuel im siebten Vers des 16. Kapitels:

Der Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.

Liebe Gemeinde!

Was einem wichtig ist, das ändert sich im Lauf der Jahre.  Das kennen Sie!

So ist es auch mit Bibelstellen. Manche Stelle, die einem heute nichts sagt, kann ein paar Jahrzehnte und ein paar Schicksalsschläge später große Bedeutung erlangen. Als ich hier anfing vor zehn Jahren, in meiner Vorstellung im Kirchenboten, habe ich auch meine Lieblingsbibelstelle vorgestellt. Wir haben sie heute in der Lesung gehört: „Freut euch im Herrn, allewege, und abermals sage ich: Freut euch!“ Das war mir wichtig: Dass Glaube auch ganz viel mit Freude zu tun hat.

Friedrich Nietzsche hat gegen die Christen ätzen können: „Erlöster müssten sie mir aussehen, dass ich an ihren Erlöser glauben lerne.“ Das hängt damit zusammen, dass wir manchmal doch unnötig ernst sind. Und unnötig steif. Wir haben 4 Evangelien. Und Evangelium bedeutet übersetzt: Frohe Botschaft. Und wir sind Evangelisch. Das ist abgeleitet von dem Wort Frohbotschaft. Wir sind die Frohbotschaftler – mal sehr holprig übersetzt. Merkt man nicht immer, oder?

Darum war mir dieses Bibelwort ein wichtiger Leitgedanke: Freut euch – im Herrn – allewege. Und abermals sage ich: Freut euch.

Aber mit der Zeit kommen neue Gedanken und neue Erfahrungen. Und so habe ich zur Zeit eine ganz andere Bibelstelle, die mir die Wichtigste geworden ist. Eine Bibelstelle, die mir hilft, viele Fragen zu beantworten. Es ist dieses Wort aus dem 1. Samuelbuch: „Der Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.“

Dieser Vers hat mir vieles zu verstehen geholfen. Der erste Aspekt ist die Vielzahl der christlichen Konfessionen. Es gibt ja nicht nur evangelisch und katholisch, allein in Österreich gibt es an die 10 anerkannte christliche Kirchen, und weltweit gibt es noch viel, viel mehr. Ich war heuer erstmals in Israel. Da kommt man schon ins Nachdenken. Da sind der Islam und das Judentum, nebeneinander, ganz deutlich und unübersehbar. Und dazwischen und daneben unzählige Kirchen. Wo immer man Jesus vermutet hat, genau dorthin hat man eine Kirche gebaut. Aber nicht nur eine. Jede Konfession, fast jede, hat gemeint, diesen Heiligen Ort für sich haben zu müssen und hat ihre Kirche daneben oder darauf gestellt. So wie die Touristen im Sommer mit Handtüchern die Liegestühle markieren, so haben die Kirchen die Heiligen Orte markiert.

Auch heute noch. Seit Jordanien es erlaubt, wird an der Taufstelle Jesu im Jordan gebaut. Die griechisch orthodoxe Kirche ist fertig. Daneben prangt schon groß mit goldenen Kuppeln die russisch orthodoxe Kirche. Die katholische ist gerade fertig geworden. Im Hintergrund wird noch gebaut, an der armenischen Kirche, glaube ich. Es ist unfassbar!

So viele Kirchen: Und alle meinen, sie hätten den wahren Glauben. Und Gott sagt nun: „Ihr schaut auf so alberne Äußerlichkeiten. Ich schaue das Herz an!“

Vielleicht ist manches, was uns total wichtig ist, vor Gott viel weniger wichtig. Weil er nicht auf menschliche Details, sondern auf das menschliche Herz sieht. Ich bin zum Beispiel theologisch zutiefst überzeugt: Marienverehrung ist biblisch gesehen nicht zu rechtfertigen. Maria war eine bewundernswerte Frau, aber hat keine Sonderstellung im Himmel. Wir sollen nicht sie, sollen nur Gott anbeten. Ich denke, wir Evangelischen verstehen Maria richtig. Aber, vor dem Hintergrund dieser Bibelstelle: Vielleicht ist Gott das egal? Ob ich jetzt direkt zu ihm bete oder ehrlich und innig zu Maria bete – er wird doch diese Gebete ebenso hören? Er wird das Herz des Menschen anschauen – und nicht auf die Anreden in den Gebeten hören. Den Zeugen Jehovas, zum Beispiel, ist ganz wichtig, dass man das Gebet beginnt mit „Herr Jehova“. Gott hört das. Aber wenn ich mein Beten anders beginne, wird er es wohl auch hören.

Für mich hat sich dieser Gedanke mit dem Herzen noch einmal vertieft durch Worte des Wiener Psychiaters Viktor Frankl. Er hat in seiner berühmten Rede auf dem Wiener Heldenplatz 1988 folgendes gesagt:

Er hat gesagt: „Der Nationalsozialismus hat den Rassenwahn aufgebracht. Aber wenn ich ihnen verraten darf, wie ich darüber denke, dann lautet meine Antwort so: Es gibt eigentlich nur zwei Menschenrassen. Und das ist die Rasse der anständigen Menschen und die Rasse der unanständigen Menschen. Und die Rassentrennung geht quer hindurch durch alle Nationen und innerhalb jeder Nation quer hindurch durch alle Parteien und Gruppierungen jeglicher Art.“ „Die anständigen Menschen sind eine Minorität (eine Mindherheit) und waren eine Minorität und werden, glaube ich, immer eine Minorität bleiben. Die Gefahr liegt dort, wo ein Regime, eine politische Ordnung die unanständigen Menschen an die Oberfläche schwemmt. Mit anderen Worten dafür sorgt, dass die negative Auslese einer Nation ans Ruder kommt. Das ist die eigentliche Gefahr. Davor ist von Vornherein keine Nation gefeit.“ (soweit Viktor Frankl)

Vielleicht deutet hier Frankl etwas an, was in diesem Wort vom Herzen auch zu finden ist. Es ist anständig, dein Herz, oder ist es nicht. Du bemühst dich, im Grunde ein anständiger Mensch zu bleiben, oder du bemühst dich nicht darum. Gott sieht das Herz an. Vielleicht kann Gott diese Art von Rassentrennung vornehmen: Anständige und unanständige Menschen.

Das ist jetzt keine Lehrmeinung, sondern eine Denkhilfe. Das ist theologisch natürlich nicht ganz korrekt. Aber denken Sie es mal mit: Vielleicht urteilt Gott über uns anders, als wir uns das so gemeinhin vorstellen. Er schaut dein Herz an und sieht, wie du im Grunde verfasst bist. Bist du anständig, ober schaust du schon, wie du andere übers Ohr hauen kannst, wo es nur geht? Gott urteilt anders, aber er urteilt. Er wird nicht alles und jeden mögen und erlösen.

Die „Rassenzugehörigkeit“, die ist nicht auf ewig festgeschrieben. Menschen können sich ändern! Allerdings: Sie tun es leider viel zu selten, das muss man schon sagen. Gott sieht das Herz an!

Noch bei einer anderen Frage hat mir diese Bibelstelle geholfen. Ich erinnere mich an einen kleinen Jungen, der mit einer schweren Behinderung geboren wurde und im Alter von drei Jahren starb. Es war ein tränenreicher Weg für die Eltern, die so viel in dieses behinderte Kind investiert hatten. Sie haben mir Bilder gezeigt. Auf jedem Bild lacht der kleine Junge, als würde es ihm das Herz zerreißen. Für die Eltern war das ein Trost: Das Kind hatte oft herzhaft gelacht. Ein Zeichen dafür, dass all die Liebe zu dem Kind nicht ohne Ergebnis, ohne Sinn geblieben war. Er war glücklich. Er hatte ein reines Herz, und die Zeit war wenig, aber gut. „Gott sieht das Herz an“, heißt es. Auch wenn damals manche gesagt haben: „Es wäre besser gewesen, wenn das Kind gar nicht erst lebend zur Welt gekommen wäre…“ Die Eltern sahen das anders – und Gott wohl auch. Sie haben das frohe Herz des Kindes gesehen. Sie haben das reine, gute Herzen des Kindes erleben und bewahren dürfen. Und das Kind hat der Eltern Herzen mit Gutem erfüllt. Gott sieht das Herz an!

Nicht jedes Kind kann so herzhaft lachen; und je älter sie werden, um so weniger. Wir lernen von unseren Eltern und spätestens in der Schule oder im Fernsehen, dass wir uns verstellen und eine Rolle spielen müssen. Herz zeigen und sich aus vollem Herzen heraus benehmen – das wirkt heute seltsam.

Aber: Wenn es uns ernst ist mit einem Menschen, dann schauen wir auf das Herz. Einen Menschen zu lieben ist die Sehnsucht danach, sein Innerstes kennen zu lernen. Wie schön, wenn man dabei auf ein ehrliches, offenes Herz stößt. Aber man sieht es einem Menschen halt nicht gleich an. Wie viele Ehen entstanden durch Verblendung. Einer hat dem anderen etwas vorgemacht. Aber auf Dauer gibt es kein Verstellen und die Enttäuschung ist groß, wenn der andere bei weitem nicht so lieb, so verständig, so geduldig ist, wie er mich glauben hat lassen.

Es gibt also in unserem Leben eine wichtige Kategorie neben Erfolg, Ansehen, Geld, Besitz. Eine wichtige Kategorie. Aber sie ist schwer zu sehen, schwer zu vergleichen, passt nicht in Tabellen und in Bench Marks. Die Kategorie: Herz. Hast du ein gutes Herz? Gehörst du zu den anständigen Menschen?

Der Mensch sieht, was vor Augen ist. Der Herr, aber, sieht das Herz an. Dieser Gedanke ist mir in den letzten Jahren sehr wichtig geworden. Dadurch wird manches unwichtig, was wir immer so für wichtig halten. Manche Unterschiede zwischen den Konfessionen verblassen vor diesem Satz. Er weist uns außerdem auf einen wichtigen Aspekt des Lebens hin, vielleicht sogar wichtiger als Geld und Aussehen und Beruf: Ob du anständig und herzlich bist. Schließlich ist dieser Satz eine große Herausforderung an uns. Er stellt uns eine sehr intime Frage: Wie ist es um dein Herz bestellt? Was sieht Gott, wenn er darauf sieht?

Amen.