Predigt zum Reformationstag 2014: Glaube ist Herzenssache

Predigt zum Reformationstag 2014: Glaube ist Herzenssache

Predigt von Pfr. Roman Fraiss zum Reformationsfest 2014 über Gal 5, 1-6

 

1 Christus hat uns befreit; er will, dass wir jetzt auch frei bleiben. Steht also fest und lasst euch nicht wieder ins Sklavenjoch einspannen!

2 Ich, Paulus, sage euch mit aller Deutlichkeit: Wenn ihr euch beschneiden lasst, dann wird Christus und alles, was er gebracht hat, für euch nutzlos sein.

3 Ich sage noch einmal mit Nachdruck jedem, der sich beschneiden lässt: Er verpflichtet sich damit, das ganze Gesetz zu befolgen.

4 Wenn ihr wirklich vor Gott als gerecht bestehen wollt, indem ihr das Gesetz befolgt, habt ihr euch von Christus losgesagt und die Gnade vertan.

5 Wir dagegen leben aus der Kraft des Heiligen Geistes und setzen alles auf Glauben und Vertrauen, und so erwarten wir das Ziel, auf das wir hoffen dürfen: dass wir vor Gott als gerecht bestehen und das Heil erlangen werden.

6 Wo Menschen mit Jesus Christus verbunden sind, zählt nicht, ob jemand beschnitten ist oder nicht. Es zählt nur der vertrauende Glaube, der sich in tätiger Liebe auswirkt.

 

Liebe Gemeinde!
Liebe Konfirmanden!

Paulus schreibt hier im Predigttext einen Brief an seine Gemeinde in Galatien. Die hat er ein paar Jahre zuvor gegründet, so um das Jahr 50 herum. Nun dürften dort Gegner des Paulus aufgetreten sein, die ganz andere Dinge über Gott behaupten als Paulus.

Paulus hat gelehrt: Wenn ihr im Glauben mit Gott verbunden ist, dann seid ihr Gott recht. Bald darauf dürften allerdings jüdische Christen nach Galatien gekommen sein. Sie haben gesagt: Jesus ist nur zu den Juden gekommen. Wenn ihr also zu Gott gehören wollt, liebe Römer, dann müsst ihr zuerst Juden werden. Ihr müsst euch beschneiden lassen und vor allem – darum geht es – alle Regeln der jüdischen Religion einhalten. Das sind Unmengen an Vorschriften bei der Bekleidung, bei der Samstagsruhe, beim Essen – es ist wirklich viel. Nur dann, nur dann, so lehren sie, bist du Gott recht, bist du vor Gott gerecht. Du musst die Regeln einhalten, das möchte Gott.

Hier sind wir an einer Grundfrage des Christentums angekommen. Die Frage lautet: Was muss ich tun, damit Gott mir gnädig ist? Was muss ich tun, dass er mich erlöst?

Hier unterscheiden sich die klassischen Denkansätze der Evangelischen und der Katholischen Kirche. Die Katholische Kirche lehrt, ein Mensch könne durchaus so leben, dass er Gottes Ansprüchen gerecht wird. Man brauche nur auf das Leben der Heiligen sehen, die hätten das geforderte Maß sogar übererfüllt. Die Evangelische Kirche meint dagegen, dass es niemandem möglich sei, fehlerlos in den Augen Gottes zu leben. Deshalb kann die Voraussetzung für meine Erlösung nicht sein, ob ich ausreichend gute Taten getan habe. Denn dann kommt keiner in den Himmel. Wir sagen, wie unser Predigttext: Der Glaube ist entscheidend. Wer Gott in einem echten, tiefen Glauben verbunden ist, der wird auch im Tod mit Gott verbunden bleiben.

Im Ergebnis kommen letztlich die Evangelische und die Katholische Ansicht auf das gleiche raus. Katholisch gesehen musst du dich um gute Werke bemühen, natürlich auch um Glauben, dann kannst du es schaffen. Laut der Evangelischen Ansicht ist es so, dass der, der wirklich Gott liebt und an ihn glaubt, dass der natürlich von sich aus das Bedürfnis hat, gute Werke zu tun und Gott gerecht zu werden. Ist die Herangehensweise also auch eine grundverschiedene, so sollte das Ergebnis doch das gleiche sein: Ein Mensch, der sich redlich bemüht, Gutes zu tun.

Was die Evangelischen ablehnen, das ist alles, was zur rein äußerlichen Tat verkommt. Wir lehnen alle Handlungen ab, die angeblich gute Werke sind, obwohl sie nichts mit dem Herzen zu tun haben. Wir haben nichts dagegen, dass Menschen sich bekreuzigen. Wir halten es aber für sinnlos, wenn Menschen sich gedankenverloren und automatisch bekreuzigen. Wir finden es gut, wenn Menschen beten. Wir lehnen es ab, wenn Menschen möglichst schnell Gebete runterleiern, um möglichst viele Gebete in möglichst kurzer Zeit unterzubringen. Es geht um die innere Haltung, nicht um äußere Taten.

Martin Luther kämpfte gegen Gebete und Rituale, die ohne Herz vollzogen werden. Auch heute wird in der Religion viel zu viel herzlos getan. So manche Taufe, so manche Konfirmation geschieht nur deshalb, weil es halt so üblich ist. „Nützt nichts, schadt’s nichts“, denken da wohl manche. Aber genau gegen so eine Einstellung hat Luther gekämpft. Es ist dir ein Herzensanliegen, oder es ist eine leere Handlung.

Der heutige Mensch ist ganz auf Konsum trainiert. Der heutige Mensch ist gewohnt, nach dem Nutzen zu fragen. Und so fragt der moderne Mensch oft: „Was bringt mir das?“ „Was bringt mir der Glaube an Gott?“ „Was bringt es mir, wenn ich in die Kirche gehe?“

Ihr Konfirmanden, ihr werdet euch das vielleicht auch fragen. Wozu tue ich mir den ganzen Kurs an? Warum muss ich jetzt fast jede Woche dem Pfarrer zuhören? Was bringt mir das? Was habe ich davon? Bessere Schulnoten? Bessere Gesundheit? Weniger Unfälle?

Und dann ist natürlich die nächste Frage gleich nahe: Was muss ich tun,  um diesen Vorteil zu bekommen? Rentiert sich das überhaupt? Angenommen, wer an Gott glaubt, baut weniger Autounfälle. Das stimmt zwar nicht, aber nehmen wir es mal an. Selbst, wenn ich das beweisen könnte. Ihr würdet trotzdem fragen: Wie viel muss ich dafür tun? Muss ich jeden Sonntag in die Kirche gehen, damit meine Unfallwahrscheinlichkeit um ein paar Prozent sinkt? Da überlege ich mir schon, ob sich das rentiert. Eine Stunde die Woche opfern – für ein bisschen weniger Risiko? Ich weiß nicht so recht.

 Sie merken: Diese ganze Denkweise führt ins Nichts. Es ist sogar genau das, wogegen Luther gekämpft hat. Diese Denkweise: Was tut Gott für mich? Und: Was muss ich tun, damit ich das erhalte? Denn dann ist alles nur mehr ein Handel, ohne Herz.

Dagegen hat auch schon Paulus im ersten Korintherbrief im berühmten Hohenlied der Liebe gewettert. Das beginnt mit folgender klaren Ansage – wir haben das in der Lesung gehört:

1 Wenn ich die Sprachen aller Menschen spreche und sogar die Sprache der Engel, aber ich habe keine Liebe – dann bin ich doch nur […] wie eine lärmende Trommel.

2 Wenn ich […] alle himmlischen Geheimnisse weiß und alle Erkenntnis besitze […], aber ich habe keine Liebe – dann bin ich nichts.

3 Und wenn ich all meinen Besitz verteile und den Tod in den Flammen auf mich nehme, aber ich habe keine Liebe – dann nützt es mir nichts.

Es kommt, nämlich, auf die innere Einstellung an.

Es ist wie in einer Freundschaft. Suchst du dir deine Freunde danach aus, ob sie dir etwas nützen können? Dein Papa ist ein hohes Tier in Lenzing. Vielleicht verschafft er mir mal einen guten Job dort. Deshalb bin ich mit dir befreundet. Du hast mehr Geld als ich, deshalb bin ich mit dir befreundet. Du kennst so viele nette Frauen, deshalb bin ich mit dir befreundet. So eine Einstellung ist doch erbärmlich! Wer will solche Freunde haben? Und wie unbefriedigend ist es für mich, wenn ich mir meine Freunde nach Nutzen und nicht nach Gefühl aussuche. Wie langweilig, auch. Ich kann doch bei einer Freundschaft nicht fragen: „Was bringt es mir, mit dir befreundet zu sein?“

Der Nutzen der Freundschaft liegt ja gerade darin, dass ich bei einem Freund sein darf, wie ich bin, mich nicht verstellen muss, ihm nichts vorzuspielen brauche, ganz ich sein kann.  Aber wenn ich nun Hintergedanken habe, dann zerstöre ich selbst das, worum es bei der Freundschaft eigentlich geht.

Und genau das gleiche gilt für den Glauben an Gott.

Das ist eine andere Kategorie als das, was in unserer Welt oft zählt. Da geht es nicht um Nutzen und Gewinn. Da geht es um Beziehung, Tiefe, Verständnis. Da muss man mit dem Herzen dabei sein. Darum wehrt sich Luther ja so gegen alle rein äußerlichen Rituale. Luther wehrt sich dagegen, dass man Dinge tut, nur deshalb, damit sie getan sind, weil sie nutzen.

Wenn ich jeden Tag 10 Vater Unser schnell runter leiere, damit Gott mir bei irgendwas hilft. Das ist dann mehr eine lästige, erfüllte Pflicht, als ein inneres Hinwenden zum Vater im Himmel. Das ist genau der falsche Weg.

Wie Paulus sagt: Und wenn ich all meinen Besitz den Armen gebe, aber ich tue es ohne innere Liebe, dann ist es eine leere Handlung.

Glaube ist Hingabe, ist wie eine Freundschaft. Ihr, Konfirmanden, ihr, Gemeinde, ihr müsst euch einlassen und hingeben und zu verstehen versuchen. Ich kann nicht eine Freundschaft auf Dauer leben, bei der ich nur einmal im Jahr zu Weihnachten eine Stunde mit dem Freund verbringe. Freundschaft braucht mehr Zeit. Glaube braucht mehr Zeit. Sonst geht er verloren. Es geht, meine lieben, um Zeit. Die muss ich zu opfern bereit sein. Gott will dieses Opfer von uns.

Er will nicht 60 Gebete die Woche. Er will nicht, dass in jedem Zimmer ein Kreuz hängt. Das ist Nebensache. Er will nicht bestimme Handlungen. Er will, dass wir uns in Gedanken, Gebeten, in Gottesdiensten Zeit nehmen, um ihm nahe zu kommen, ihn zu verstehen, ihn zu erfahren.

Martin Luther hat versucht, den Glauben wieder zum Herzen zu führen. Das ist genau das, was wir in unserer Zeit auch dringend nötig haben. Der Glaube ist nichts rein Äußerliches, das ich durch ein paar Kirchenbesuche im Leben, durch Taufe und Konfirmation erfolgreich absolviert habe. Das zu verstehen ist die große Herausforderung für uns moderne Christen, für euch moderne Christen und Christinnen.

Amen.