Predigt zur Konfirmation 2014: Wozu Kirche?

Predigt zur Konfirmation 2014: Wozu Kirche?

Predigt von Pfr. Roman Fraiss zur Konfirmation 2014 in der Rosenau.

Liebe Gemeinde!
Liebe Konfirmanden!

Letztes Jahr habe ich mir nach der Konfirmation einige Kritik anhören müssen wegen meiner Predigt. Ich hätte darin die katholische Kirche zu schlecht wegkommen lassen.

Das ist natürlich ein Problem bei so einer Predigt. Einerseits soll man sagen, dass die Evangelischen sehr gut sind. Andererseits soll man nicht sagen, dass die Anderen es nicht sind.

Aber das ist für mich kein Problem, ich verfüge als Papa hier nämlich sowieso über besondere Kräfte. Wenn meine Kinder z.B. über ein Kipferl streiten, dann kann ich etwas ganz Besonderes tun. Ich kann ein Kipferl so in zwei Teile schneiden, dass beide Teile größer sind. Und dann sind meine Kinder zufrieden, weil jeder von ihnen den größeren Teil hat.

Der Karikaturist Küstenmacher hat zu den verschiedenen Konfessionen eine sehr treffende Karikatur geliefert. Alle Konfessionen schöpfen aus dem gleichen Wasser – und jeder preist seines als das Beste an. In Wirklichkeit besteht der Unterschied nicht im Wasser. Das ist immer gleich gut. Es besteht bestenfalls darin, wie der Wasserhahn gestaltet ist. Es besteht bestenfalls darin, was die Herrschaften über das Wasser behaupten. Das Wasser selber ist immer der gleiche. Gott ist immer der gleiche!

Und jetzt sage ich euch Etwas, was man bei einer Konfirmation gar nicht sagen sollte: In Wirklichkeit ist für das persönliche Glaubensleben die Kirche unwichtig. Ich spreche da sogar gegen die wirtschaftlichen Interessen unserer Kirche, wenn ich euch folgendes sage: Es bringt euch für euer persönliches Seelenheil nichts, wenn ihr nur einfach so Mitglied bei einer Kirche seid. Der Kirchenbeitrag wird euch keinen Platz im Himmel sichern. Ihr kommt nicht deshalb in den Himmel, weil ihr bei einer Kirche dabei seid.

Gott schaut nämlich nicht, was auf deinem Meldezettel für ein Religionsbekenntnis steht. Gott schaut, was in dein Herz geschrieben ist. Das ist deine wahre Visitenkarte!

Und überhaupt ist die Frage, welcher Kirche man angehört, zweitrangig. Es ist sowieso extrem kurzsichtig immer nur von Evangelisch oder Katholisch zu reden. Allein ist Österreich gibt es 11 anerkannte christliche Kirchen. 12, wenn man auch noch die Zeugen Jehovas dazu zählt, die sich nicht christliche Kirche nennen, es aber im Grunde sind.

Wenn in so einer Vielfalt dann eine dieser Gruppen daher kommt und behauptet: „Nur wir sind die wahre Religion, die anderen liegen alle falsch“, dann ist das schon vermessen. Es gibt aber nur ganz wenige, die von sich behaupten, die einzig wahre Kirche zu sein. Eigentlich eh nur die Zeugen Jehovas und die Katholische Kirche – und die Neuapostolischen, aber die sind gerade in ökumenischen Verhandlungen und werden demnächst ihre Lehrmeinung dahingehend ändern, dass sie auch andere, auch uns, als gleichwertig anerkennen.

Es kommt also beim Seelenheil nicht auf deine Kirche an! Viel schlimmer: Es kommt auf dich an! Es kommt darauf an, wie du dein Leben gestaltest. Wie sehr du dem Glauben an Gott Zeit und Raum gibst!

Und hier, an dieser Stelle, hier erst, kommt die Kirche ins Spiel. Die Kirche ist nicht die Institution, die dir den Zugang zum Himmel sichert. Das kannst nur du erreichen. Die Kirche, aber, ist dein Begleiter auf diesem Weg. Die Kirche ist der Ort, an dem Menschen über Gott nachdenken, von ihm reden, zu ihm beten. Die Kirche, die Pfarre, der Seelsorger – zu denen kannst du kommen, wenn du im Glauben Hilfe brauchst, wenn du Fragen hast.

Es ist wie mit der Schule. Alle glauben immer, dass wir in Österreich eine Schulpflicht haben. Haben wir aber gar nicht. Niemand muss in Österreich in die Schule gehen. Das hätte ich euch vor acht Jahren sagen sollen. Wir haben nur eine Bildungspflicht! Das heißt: Man könnte auch, statt zur Schule zu gehen, alles ganz allein lernen, Heimunterricht, und dann am Ende des Schuljahres eine Prüfung ablegen. Das ist möglich. Nur geht natürlich jeder zur Schule, weil es dann doch einfacher geht. Das ist ja nicht sinnvoll.

Und genau, so, meine Lieben ist es auch mit der Kirche. Es geht einfach leichter und besser und lustiger, wenn man nicht alleine ist. Wenn man Gemeinschaft hat mit anderen. Wenn man den Pfarrer ärgern kann im Konfikurs. Wenn man Gaudi hat mit Gleichaltrigen. Du brauchst theoretisch keine Kirche, keine Glaubensgemeinschaft. Du kannst alles im stillen Kämmerlein erarbeiten. Du kannst allein die Bibel lesen, kannst allein versuchen sie zu verstehen, kannst alleine beten, und, und, und. Aber, das zeigt uns die Erfahrung, du wirst nicht weit kommen. Glaube braucht auch Gemeinschaft, braucht Menschen, mit denen du dich austauschen kannst. Braucht vielleicht auch einen Pfarrer oder wen andern, der sich ein bisserl auskennt. Es braucht auch Menschen, die dir Mut machen, die mit dir beten, die mit dir singen. Allein ist es öd und schwer. In Gemeinschaft geht es viel besser.

Stellt euch nur mal den Konfirmandenunterricht ohne Konfirmanden vor. Es ist doch viel lustiger, dass wir den alle gemeinsam gemacht haben. Ich hätte auch jedem ein dickes Buch in die Hand drücken können und sagen: „Lies das und lern das!“ Das ist es einfach nicht, worauf es ankommt. Schule ist ja auch mehr als nur lernen. Da geht es auch um Gemeinschaft, soziale Kontakte, da lernt man ja auch mit anderen Menschen umzugehen, auch mit denen, die mir nicht so liegen.

Mitgliedschaft in der Kirche ist also nicht gleich ewiges Leben. Gott schaut euer Herz an, nicht eure Kirche. Aber unsere Kirche ist Begleiter von Menschen, die an Gott glauben möchten. Die Schule bringt Schulbildung, die Kirche bringt Herzensbildung. Und hier an diesem Punkt, bin ich überzeugt, ist unsere Kirche eine der besten Kirchen. Hier ist es von Vorteil, wenn man Evangelisch ist! Als Begleiter beim persönlichen Glauben, bei dieser Aufgabe, halte ich persönlich unsere Evangelische Kirche für eine ausgezeichnete Wahl.

Wenn Sie nochmals an die Karikatur denken. Alle Kirchen haben das gleiche Wasser. Nur was manche Gemeinschaften über das Wasser behaupten, das ist problematisch. Wir versprechen euch keine übergroßen Wunder. Wir versprechen euch nicht das Blaue vom Himmel herunter.

  • Wir sind eine Stimme der Vernunft, die dazu auffordert, sich eine eigene Meinung zu bilden.
  • Wir kommen nicht mit Dogmen daher, sondern mit der Aufforderung, selber nachzulesen und nachzudenken.
  • Wir sind keine radikale Sekte, die andere ausschließt, sondern versuchen weltoffen zu sein.
  • Wir versuchen Werte zu vermitteln, und die Menschen zum Nachdenken anzuregen.
  • Und, das schien euch gestern bei eurer Predigt extrem wichtig zu sein: Wir haben einen Feiertag mehr.

Ich weiß, für viele von Euch ist Gott momentan kein großes Thema. Aber umso wichtiger ist es, dass es unsere Kirche für euch gibt. Denn wenn ihr eines Tages nach Gott fragt. Wenn ihr eines Tages das Gefühl habt: Das mit Gott, darüber möchte ich eigentlich mehr wissen.
…dann wisst ihr, wo ihr hingehen könnt.
Hier, bei uns, habt ihr eure geistliche Heimat. Hier könnt ihr herkommen, jederzeit, wenn ihr das Bedürfnis habt. Und ihr wisst auch: In unserer Kirche begegnet ihr einem vernünftigen, modernen Christentum. Wir reden euch nichts ein. Wir machen euch nicht radikal. Wir sagen aber schon, was richtig und falsch ist. Wir reden von einem Gott, der euch mag und euch zur Seite stehen möchte. Evangelisch ist ein Qualitätsmerkmal!

Ich bin wirklich überzeugt, dass hier bei uns ein guter Ort ist, um zu einem modernen, ehrlichen, innigen Glauben zu kommen. Wir als Kirche sind eure Helfer. Und ihr?
Ihr seid nun ein mündiger Teil dieser Kirche!
Ihr, Konfirmanden, seid nun Mithelfer an diesem großen Auftrag, den Menschen in nicht‑radikaler Weise, Gott näher zu bringen.

Amen.