Ragimund Reimesch

Ragimund Reimesch

Wer aufmerksam über unseren Friedhof geht, findet das Grab des Künstlers Ragimund Reimesch, geboren am 10.05.1903 in Kronstadt/Siebenbürgen und gestorben am 21.05.1980 in Lenzing. Sein Grab war von den Pflanzen bis zur Unkenntlichkeit überwuchert. Da sich keine Verwandten meldeten, entschlossen sich unsere Pfarrgemeinde und die Siebenbürger Nachbarschaft Rosenau das Grab dieses besonderen Mitmenschen herzurichten.

Seit 1945 lebte Reimesch – wie er selber schrieb – „in innerer Emigration“ in Lenzing und war auch unser Gemeindeglied. Bescheiden und zurückgezogen, jedoch anerkannt, arbeitete er im Chemiewerk in Lenzing bis zu seiner Pensionierung.

Seinen Zugang zur Kunst eröffnete ihm das Studium an der Montanistischen Hochschule Leoben, welches er sich durch Grubenarbeit finanzierte, und an der UNI in Berlin, wo er Philosophie und Kunstgeschichte studierte.

Als sensibler und begnadeter Künstler durchlebte er das von zwei furchtbaren Weltkriegen geprägte Europa. Sein künstlerisches Schaffen begann in Leoben. Er fiel durch seine zeichnerischen Fähigkeiten auf, was ihm die Anstellung in der Landesregierung als Zeichner einbrachte. Bald schon fuhr er nach Berlin, wo er als anerkannter Pressezeichner, Illustrator und auch als Fotoreporter im unruhigen Vorkriegseuropa unterwegs war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt eine ganz neue Phase seines Schaffens. Er verarbeitet das Erlebte und sucht seinen künstlerischen Weg. Er ist Einzelgänger, der sich keiner künstlerischen Schule anschließt. „Aus dem naturalistischen Zeichner wurde ein Traummaler, der – dem Expressionismus zugeneigt – vornehmlich die Monotypie in Ölfarben pflegte“, wie G. Ott beschreibt. Er verarbeitet und bewältigt Geschichte, Gedanken und Traumata und überträgt sie mit dem Pinsel auf die Leinwand.

Wirklichkeit und Traum, Märchen- und Sagenwelten, Tier- und Fabelwesen, Gegenständliches und Abstraktes finden sich in seinem bildnerischen Werk. Reimesch’s spezifischer Ausdruck spiegelt sich auch in meist düster gehaltenen Farben. Sie sind seine persönliche Note.

Ragimund Reimesch hatte mir anlässlich eines Besuches 1979 dieses kleine Bild geschenkt. Ich versuche mit den folgenden Zeilen aus diesem Bild seine typischen Gedanken und Formenwelt zu beschreiben.

Ein Segelschiff schwimmt an einer Insel vorbei, auf der eine dunkle Märchenburg mit zwei Bastionen steht. Der traumgrün gemalte Schiffsrumpf mit seinen rostbraunen Segeln spiegelt sich in der von Farbreflexen gezeichneten See. Die vom Wind verkehrt geblähten Segel des Zweimasters hängen an gestrafften Tauen. Sie sind an den das Bild durchbrechenden Masten befestigt. Die Segel tragen Bewegung in die dunkle Harmonie einer nur scheinbar ruhenden Meereslandschaft. Auch der dunkle Abendhimmel spiegelt sich im undurchdringlichen Wasser. Das vorbeisegelnde Schiff erinnert mich an den sagenhaften „Fliegenden Holländer“, der warten muss, dass er endlich von der Liebe erlöst wird. Aber ich meine, dass dieses Schiff auch für das bewegte Leben von Ragimund Reimesch stehen könnte. Auch sein Lebensschiff musste zwischen den Zeiten und über tiefe Abgründe schwimmen und auch in seinem Hintergrund stehen die mittelalterlichen Wehrburgen Siebenbürgens, die Bastionen Kronstadts. So verarbeitet er das dunkle Mythische und Mythologische in vertrauten archaischen Bildern und düsteren Farben. Seine Kunst zeigt seine schöpferische Bewältigung. In jedem Bild setzt er das um, was ihn bewegte, aus ihm herausströmte und das er wohl auch malen musste!

Pfr. Volker Petri