Toleranzstraße

Toleranzstraße

Predigtgedanken über die Toleranzstraße – aus unserer Predigtreihe über die Straßennamen in der Rosenau.

Liebe Gemeinde!

Toleranz ist heute ein viel verwendetes Wort. Viel verwendet, weil es viel diskutiert wird. Dabei fällt auf, dass die aktuellen Diskussionen über Toleranz oft davon handeln, wo denn die Grenzen der Toleranz seien. Was müsse man noch tolerieren und wo müsse man auf seinen Werten, Standpunkten bestehen? Wir reden also von Toleranz und meinen, wo sie endet.

Das Wort Toleranz wird andererseits in unseren Tagen oft als Schlagwort benutzt. Das heißt: Als Wort, mit dem man andere schlagen kann. „Du bist in‑tolerant!“ Toleranz nicht als Ideal, sondern als Abgrenzung zu anderen.

Fast niemand würde von sich behaupten, er sei intolerant, und trotzdem gibt es zu wenig Toleranz. Das Wort wird viel verwendet und das in ganz vielen Zusammenhängen. Zwei Leute können heute über Toleranz streiten und dabei ganz verschiedene Inhalte meinen.

Deshalb möchte ich heute das Pflaster der Tagespolitik schnell verlassen. Blicken wir darauf zurück, was in den 50-er Jahren, als die Toleranzstraße benannt wurde, Pfr. Schuster sich darunter vorgestellt hat.

Die Rosenau liegt in etwa der Mitte zwischen dem Haushammer Feld und dem Bauernhügel in Pinsdorf. Das sind zwei für die Evangelischen sehr tragische Orte. An beiden Orten erlebten wir, wozu religiöse Intoleranz führen kann. Der Evangelische Glaube wurde bekämpft und unterdrückt im Österreich des 17. Jahrhunderts. Doch so leicht, wie sich die Herrschenden das vorstellen, geht es nicht, Ideen und Glauben zu vertreiben. Das Bekämpfen des Evangelischen Glaubens führte zu vier verschiedenen Reaktionen. Reaktionen, die auch heute noch zu beobachten sind, wenn mit Gewalt der menschliche Geist gezwungen werden soll.

  • Zum einen gab es Menschen, die dem Druck nachgaben, ihren Glauben aufgaben. So hätten es sich die Herrschenden ja gewünscht.
  • Es führte zweitens andere dazu, ihre Heimat zu verlassen und woanders ihr Glück zu suchen. Das erleben wir ja in unseren Tagen auch in großem Ausmaß.
  • Es führte wieder andere zur Heimlichkeit der Geheimprotestanten, zu einer Religion im Untergrund. Das rief damals und ruft heute die Geheimdienste auf den Plan.
  • Und es führte wieder andere zu radikalen Handlungen – zu Revolte und Aufstand und Kampf.

All diese vier Reaktionsmöglichkeiten waren die Folge von Unterdrückung und Intoleranz. Alle vier sind nicht gut. Alle vier können wir auch heute beobachten. Nämlich dort, wo Staaten des Gewissen von Menschen zwingen wollen.

In Oberösterreich kam es damals zu Bauernaufständen. Evangelische Bauern sahen den Weg der Gewalt als einzigen Ausweg. Sie erlitten Niederlagen und wurden bitter bestraft. So auf dem Haushammer Feld, auf dem mit dem Frankenburger Würfelspiel ein Exempel statuiert wurde. So auch auf dem Bauernhügel in Pinsdorf, auf dem der Aufstand blutig und endgültig niedergeschlagen wurde.

Mitten zwischen diesen Orten liegt die Rosenau als Friedensprojekt, als Hoffnungsprojekt, als Zeichen nun möglicher Toleranz. Was um 1700 unmöglich war, war nun möglich. Dass Menschen Evangelischen Glaubens sich ansiedeln, friedlich unter und mit der katholischen Mehrheit leben. Dass sie sich integrieren und die Mehrheit sie integrieren lässt.

Staatlich wurde das in Österreich erstmals ermöglicht durch das Toleranzpatent von Joseph II. im Jahr 1781. Es war nicht die Gleichstellung, die er den Evangelischen gab, sondern die Duldung. So verstand man damals Toleranz. Ich kann, hat Joseph II. erkannt, keines Menschen Gewissen zwingen. Deshalb muss ich dem Gewissen seine Freiheit zugestehen. Ich erlaube meinen Untertanen ein Evangelisches Privat-Exercitium. So war das Fachwort. Gemeint war: Für sich, im Kleinen, sollen sie ihren Glauben leben dürfen.

Das kam wie ein neuer Morgen nach einer langen, dunklen Nacht der Unterdrückung. An diesen Akt der Duldung erinnert die Toleranzstraße ebenso wie daran, dass es nun in den 1950-er Jahren möglich war, so eine Siedlung zu erbauen.

Als Erinnerung daran und als Mahnung vor jeglicher Unterdrückung des Gewissens heißt diese Straße Toleranzstraße.

Joseph der II. war nicht Evangelisch und wollte eigentlich keine Evangelischen in seinem Land. Trotzdem hat er es sich aus Überzeugung abgerungen, sie zu tolerieren. Das Wort tolerieren stammt vom lateinischen tolerare, was soviel heißt wie „erdulden“ und „ertragen“. Tolerant sein ist nämlich etwas Schmerzhaftes für mich. Denn ich muss etwas erdulden, was mir eigentlich nicht ganz behaglich ist. So ist das Wort im Ursprung gemeint.

Die Katholischen heute dulden die Evangelischen nicht. Denn sie haben uns längst angenommen und respektiert. Da braucht es keine Toleranz mehr, weil wir einfach zusammen gehören und das erkannt haben.

Toleranz kommt von dulden und ertragen. Tolerant kann ich nur dort sein, wo ich über meinen eigenen Schatten springen muss, um etwas zu akzeptieren.

Toleranz ist nicht angenehm, kann weh tun. Und doch braucht man sie um des Friedens willen!

Auch daran will uns die Toleranzstraße erinnern!