Tue Gutes - und schweige darüber!

Tue Gutes – und schweige darüber!

Predigt vom 25. August 2013 – Pfr. Roman Fraiss

Mt 6, 1-4

1 Habt Acht auf eure Frömmigkeit, dass ihr die nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel.

2 Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen lassen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

3 Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut,

4 damit dein Almosen verborgen bleibe; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.

Liebe Gemeinde!

Jesus ist hier wieder einmal sehr streng. „Schweige über deine guten Taten“, sagt er. Und das in einer Zeit, in der ständig Menschen bei der Übergabe von überdimensionalen Schecks in der Zeitung abgebildet sind. Darüber schweigen entspricht ja so gar nicht dem Zeitgeist. Was heißt dem Zeitgeist? Früher haben die Adeligen ja auch schon an ihren Stiftungen ihre Namen anbringen lassen. Nicht darüber zu reden, das entspricht offenbar so gar nicht unserem Naturell.

Aber Jesus verbietet es uns ja nicht. Er sagt: Tut ruhig Gutes und sonnt euch in dessen Ruhm. Kein Problem. Aber erwartet dafür dann keinen himmlischen Lohn. Denn ihr habt euch für den irdischen Lohn, den Ruhm, die Anerkennung entschieden. Ist auch recht. Nur verwechselt diese beiden nicht.

Wer einmal einem Vereinsvorstand angehört hat, der weiß, welcher Ärger entsteht, wenn jemand bei einer Ehrung vergessen wird. Da kommt dann keiner und beklagt sich offen und direkt – denn das würde ja der gebotenen Bescheidenheit widersprechen. Aber hinten herum wird gemeckert und geklagt. Kommt es aber zu einer öffentlichen Ehrung, dann gibt es wieder welche, die hinterrücks lästern: „Da schaut euch mal den an, wie er da scheinheilig in die Kamera lächelt, weil er 1.000 Euro gespendet hat. Das setzt er doch von der Steuer ab. Aber ich weiß, wie der seine Mitarbeiter anschnauzt!“ Wer Gutes tut und es öffentlich zeigt, der wird schnell angegriffen.

Das ist ein Dilemma: Viele Wohltäter wollen nicht genannt werden. Andere wollen wiederum schon geehrt werden. Aber so gut wie alle Menschen betonen, dass ihnen die Ehrung nicht wichtig ist. Aber trotzdem wollen manche die Ehrung und andere wollen es wieder nicht, und dann sind wir auch noch schnell beleidigt… Sie kennen das!

Liebe Gemeinde! Gutes tun und darüber reden – oder eben nicht darüber reden – das ist eine ganz schön komplizierte Sache. Mitten in dieses komplizierte Gemenge von Wünschen, Ängsten und Neid hinein kommt heute noch dieses Jesuswort aus der Bergpredigt dazu. „Tue Gutes, aber reden nicht darüber“, empfiehlt Jesus. Eine seltsame Zumutung in unserer Zeit, wo der Schein, das Äußerliche, das Image so wichtig sind! Warum sollten wir uns also an eine derart aus der Mode gekommene Regel halten?

Schauen wir einmal auf die Begründung, die Jesus dieser Regel gibt! Er sagt: Wer Gutes tut und dies vor den Menschen bekannt macht, wer seine Gerechtigkeit, seine guten Taten zur Schau stellt, der empfängt Lohn von den Menschen. Und damit hat er keinen Lohn mehr von Gott zu erwarten. Denn Lohn für eine Tat gibt es nur einmal. Wer aber das Gute im Verborgenen tut, so dass er nicht nach Anerkennung und Ehre, nach Imagegewinn und öffentlicher Aufmerksamkeit strebt, der wird von Gott belohnt. Und das ist der wahre Lohn.

Liebe Gemeinde, ist das hier etwa eine Vertröstung auf den Himmel? „Hier auf Erden darfst du nichts Gutes erwarten, hier musst du schön bescheiden und duldsam sein, denn nur dann wirst du einmal im Himmel belohnt.“ Nein, Sie kennen Jesus, so denkt er nicht! Der Himmel ist bei Jesus niemals etwas, was nur im Jenseits oder nach dem Tod stattfindet. Die Belohnung im Himmel, die beginnt bereits jetzt. Das Reich Gottes ist ja schon unter uns angebrochen.

Aber was ist dann der Unterschied zwischen dem Lohn, den Gott gibt, und dem Lohn, den Menschen geben? Und warum ist beides ein solcher Gegensatz? Um diese Fragen zu beantworten, möchte ich Ihnen eine alte jüdische Legende erzählen.

Zwei Brüder wohnten einst auf dem Berg Morija. Der jüngere war verheiratet und hatte Kinder, der ältere war unverheiratet und allein. Die beiden Brüder arbeiteten zusammen, sie pflügten das Feld zusammen und streuten zusammen den Samen aus. Zur Zeit der Ernte brachten sie das Getreide ein und teilten die Garben in zwei gleich große Haufen: für jeden einen Haufen.

Als es Nacht geworden war, legte sich jeder der beiden Brüder bei seinen Garben nieder, um zu schlafen. Der Ältere aber konnte keine Ruhe finden und sprach in seinem Herzen: „Mein Bruder hat eine Familie, ich dagegen bin allein und ohne Kinder und doch habe ich gleich viele Garben genommen wie er. Das ist nicht recht.“ Er stand leise auf und nahm von seinen Garben und schichtete einen Teil davon heimlich auf den Haufen seines Bruders. Dann legte er sich wieder hin und schlief ein.

In der gleichen Nacht, eine geraume Zeit später, erwachte der Jüngere. Auch er musste an seinen Bruder denken und sprach in seinem Herzen: „Mein Bruder ist allein und hat keine Kinder. Wer wird in seinen alten Tagen für ihn sorgen?“ Und er stand auf, nahm von seinen Garben und trug sie heimlich und leise zum Haufen seines älteren Bruders.

Als es Tag wurde, erhoben sich die beiden Brüder, und jeder war erstaunt, dass die Haufen die gleiche Größe hatten wie am Abend zuvor. Aber keiner sagte zum anderen ein Wort. In der folgenden Nacht wartete jeder ein Weilchen, bis er den anderen schlafend wähnte. Dann erhoben sie sich, und jeder nahm von seinen Garben, um sie zum Haufen des anderen zu tragen. Auf halbem Weg trafen sie plötzlich aufeinander, und jeder erkannte, wie gut es der andere mit ihm meinte. Da ließen sie die Garben fallen und umarmten einander in herzlicher und brüderlicher Liebe.

Gott im Himmel aber schaute auf sie hernieder und sprach: „Heilig ist mir dieser Ort. Hier will ich unter den Menschen wohnen!“

Diese Geschichte zeigt, wie Menschen selbstlos anderen Gutes tun, und wie sie dafür von Gott belohnt werden. Gerade indem sie selbstlos dem jeweils anderen Bruder etwas Gutes tun,
– indem sie Liebe schenken,
– ohne etwas dabei für sich herausschlagen zu wollen,
kommt diese Liebe wieder zu ihnen zurück. Sie erfahren Nähe und erleben eine Verbundenheit, die einfach ein Geschenk des Himmels ist. Sie spüren eine herzliche und geschwisterliche Liebe, die gegenseitig ist. Bis heute erfahren Menschen, die selbstlos Gutes tun, erfahren immer wieder, wie Liebe zu ihnen zurückkommt. Wie sie auf einmal von anderen beschenkt werden, wie die Freude, die sie anderen machen, wieder auf sie zurückfällt.

Keine gute Tat, die selbstlos und ohne Hintergedanken getan wird, bleibt so ohne Wirkung. Gott lässt etwas davon auf uns zurückfallen. Jetzt in diesem Leben und sicherlich auch in der Ewigkeit. Keine gute Tat wird bei ihm vergessen werden. Dieses unerwartete Zurückkommen der Liebe, die wir selbstlos gegeben haben, das ist der Lohn Gottes. Die Liebe, die Menschen geben und empfangen, die bleibt uns ja im Herzen. Alles vergeht, die Liebe aber bleibt. Das ist der Lohn Gottes. Die Liebe, die wir geben, lässt er auf uns zurückfallen. Das ist Gottes Lohn.

Voraussetzung für diesen Lohn Gottes ist aber gerade, dass wir keinen Lohn von den Menschen wollen. Denn nur dort, wo das Gute auch uneigennützig getan wird, ist es auch eine Tat der Liebe. Wer offen oder auch heimlich unter dem Mantel der Bescheidenheit nach der Anerkennung der anderen schielt, der kann keinen Lohn Gottes empfangen. Wer für das, was er gibt, wieder etwas will, der kann keinen Lohn Gottes empfangen. Das Paradoxe am Lohn Gottes ist gerade, dass ihn nur der empfängt, der gar nicht auf ihn aus ist.

Das heißt jetzt nicht, dass Sie nicht auch öffentliche Anerkennung und Lohn für ihren Einsatz bekommen dürfen. Besser jemand tut eine gute Tat um der Anerkennung willen als gar nicht. Auch dieser Lohn ist recht. Es ist halt was anderes, das muss uns klar sein. Auch  die Grenze zwischen diesen beiden Belohnungen ist manchmal fließend.

Ich möchte zur Verdeutlich zum Abschluss nur ein Beispiel von vielen nennen. Nehmen wir einen Feuerwehrmann. Der kriegt ja auch öffentliche Anerkennung. Aber die ist ja in Wirklichkeit mager. Da ist jemand 20 Jahre bei der Feuerwehr, hunderte Stunden, und dann kriegt er halt bei einer Feier ein Abzeichen. Das ist nicht viel. Aber er bekommt auch anderen Lohn, und der ist ihm oft viel mehr wert: Wie bewegend ist der Dank derer, die er in einem Unglücksfall gerettet hat? Ohne dass er etwas dafür erwartet hätte, manchmal sogar unter dem Einsatz seiner eigenen Gesundheit. Da empfängt er eine ganz andere Art von Lohn, in der Dankbarkeit der Menschen. Das ist doch der wahre Lohn!

Amen.