Predigt zur Sommerpredigtreihe: Was stärkt uns?

Predigt zur Sommerpredigtreihe: Was stärkt uns?

Sommer 2013 Rosenau, Timelkam und Frankenmarkt (Pfr. Roman Fraiss)

Hebräerbrief, Kapitel 13

9 Lasst euch nicht durch alle möglichen fremden Lehren verführen. Gottes Gnade wird euch innerlich fest machen. Speisen können das nicht bewirken. Sie haben denen nichts genützt, die sich mit ihnen befassten.
10 Wir haben einen Altar, von dem die, die noch dem alten Heiligtum dienen, nicht essen dürfen.
15 Durch Jesus wollen wir Gott jederzeit und in jeder Lebenslage Dankopfer darbringen; das heißt: Wir wollen uns mit unserem Beten und Singen zu ihm bekennen und ihn preisen.
16 Vergesst nicht, Gutes zu tun und mit anderen zu teilen. Das sind die Opfer, an denen Gott Gefallen hat.

Liebe Gemeinde!

Was stärkt uns? Das ist die Frage, die ich im Rahmen einer Predigtreihe beantworten soll. Pfarrer Petri, Pfarrer Hubmer, Prof. Sautner und ich sprechen diesen Sommer über ein paar grundsätzliche Fragen des Glaubens. Was verändert uns? Was begleitet uns? Wonach richten wir uns aus? Und heute also: Was stärkt uns?

Dazu habe ich einen etwas ungewöhnlichen Predigttext ausgewählt. Es ist ein Abschnitt aus dem Hebräerbrief. Darin setzt sich der Autor mit genau dieser Frage der Gläubigen auseinander: Was stärkt uns? Immer schon haben die Menschen Rituale entwickelt, um irgendwie gestärkt zu werden. Das kennen wir aus dem religiösen Bereich. Tiere wurden Gott geopfert, Speisevorschriften sollten rein halten, heilige Gegenstände sollten schützen. Aber auch aus ganz anderen Bereichen kennen wir den Wunsch, etwas Stärkendes zu bekommen. Das Nashorn wurde fast ausgerottet, weil sein Horn potenzfördernd sein sollte. Was gibt uns Kraft? Eine ewige Frage der Menschheit.

Im heutigen Bibelwort geht es um Menschen, die sich diese Frage stellen und für sich eine Antwort gefunden haben. Im jüdischen Tempel in Jerusalem wurden ja jeden Tag unzählige Tiere geschlachtet, also geopfert. Anschließend gab es ein Opfermahl, bei dem Teile des Opferfleisches gegessen wurden. Der Tod des Tieres stand symbolisch für den Tod des Schlechten im Menschen, der sündigen Seite des Menschen. Letztlich sollten die Opfer frei machen und Kraft geben.

Das Christentum ist nüchterner als die alten Religionen. Das Christentum ist vorsichtig mit Ritualen. Es sagt hier im Predigtwort: Schaut nicht auf den Altar im Tempel, an dem Tieropfer dargebracht werden. Das gehört schon bald der Vergangenheit an. Christen beziehen ihre Kraft von einem anderen Altar her: von Christus und seinem Opfer am Kreuz.

Der Hebräerbrief nennt vielmehr zwei andere Methoden, mit denen Christen Gott Opfer bringen sollen: Zuerst brauchen wir Lobopfer! Das ist Gebet, das sind geistliche Lieder, das ist der Besuch im Gottesdienst. Und die zweite Art, wie wir Opfer bringen sollen, formuliert die Bibel so: „Vergesst nicht, Gutes zu tun und mit anderen zu teilen.“

Das, also, sind die Opfer, an denen Gott Gefallen hat. Das eine Opfer, das Gott will, sind Gebete, sind auch geistliche Lieder. Das zweite ist das: Gute Taten. Aufopfern. Diese beiden sind viel sinnvoller als Tieropfer.

Da stimmen wir, glaube ich, alle zu. Das ist vernünftig. Und doch haben genau damit die Gläubigen große Probleme. Diese Forderung – lebt richtig und ansonsten vertraut einfach auf Gott – diese Forderung wird einem Grundbedürfnis der Menschen nicht gerecht. Menschen wollen ein Ritual, wollen etwas, an dem sie sich festhalten, wollen irgendwie spürbar, sichtbar, greifbar mit Gott zu tun haben. Die Menschen, das wissen wir durch die Religionsgeschichte hindurch, die Menschen wollen etwas Religiöses tun. Nur geistlich, nur in Gedanken, das ist schwer auszuhalten. Manchmal brauchen wir Rituale.

Das können wir in allen Religionen dieser Welt beobachten: Es bilden sich über kurz oder lang immer irgendwelche Rituale heraus. Ob das den religiösen Anführern passt oder nicht. Wir brauchen ja nur zum Buddhismus rüberschauen. Buddha hat Weltflucht gelehrt, Meditation, Erkenntnis. Buddha heißt ja: Der Erleuchtete. Und jeder kann, so die Idee, durch den richtigen Weg zu einem Buddha werden. Aber was haben die Leute draus gemacht? Sie haben Buddha als eine Art Heiligen hingestellt und verehren ihn. Nach seinem Tod ist fast ein Krieg ausgebrochen um die Asche Buddhas, welcher Fürst sie haben darf. In Sri Lanka wird Buddhas Zahn bis heute verehrt. Es gibt die berühmten Gebetsmühlen – alles eigentlich nicht im Sinne Buddhas, nicht im Geist seiner Lehre. Da hat die Volksfrömmigkeit erbarmungslos zugeschlagen. Man möchte Heilige, man möchte Rituale, man möchte Gott irgendwie greifbar machen. Rein spirituell, alles nur geistig – das reicht für die Mehrzahl der Gläubigen nicht.

Wir wollen das, was Gott unsichtbar macht, doch irgendwie sichtbar haben. Ich stelle mir das ein bisschen wie beim Essen vor. Wenn ich esse, möchte ich gerne sehen, was ich esse. Satt werde ich mit verbundenen Augen genauso wie mit weit geöffneten Augen. Trotzdem macht das Essen mehr Freude, wenn ich sehe, wie alles schön am Teller angerichtet ist. Es ist in Wirklichkeit nicht nötig, sein Essen zu sehen. Und doch schmeckt es uns besser, wenn wir vorher anschauen, was nachher in unseren Mund kommt.

Vielleicht ist es mit der himmlischen Speise, mit der Kräftigung von Gott her, ähnlich. Vielleicht brauchen wir etwas Sichtbares, um Gottes Hilfe besser annehmen und erkennen zu können. Vielleicht brauchen wir so Handlungen wie, zum Beispiel, die Taufe oder das Abendmahl? Vielleicht wären diese Rituale von Gott her gar nicht nötig. Gott wird auch ohne Sakrament zu uns sprechen. Vielleicht würden Lob-opfer und Auf-opfern reichen. Aber Gott ist gnädig – und schenkt uns Zeichen, wo wir uns offenbar danach sehnen.

Ich glaube, man kann die heutige Bibelstelle so zusammenfassen. Es braucht keine Opfer, keine Rituale außer Lobopfern, also Gebet, und dem Aufopfern für andere. Und allein dadurch schenkt Gott uns Kraft, schenkt er uns seine Begleitung, schenkt er uns Mut und Inspiration. Wer im Geiste Gottes sein Leben lebt, bei dem ist Gottes Geist, den stärkt er, dem hilft er. So einfach ist es laut Bibel.

Trotzdem brauchen viele Menschen, damals wie heute, auch etwas Sichtbares, Greifbares, um sich der Kraft Gottes sicherer zu sein. Unsichtbarkeit schafft Unsicherheit. Jesus selber hat deshalb zwei Sakramente gestiftet, die uns sichtbar machen, was im Hintergrund unsichtbar geschieht: Taufe und Abendmahl. Die katholische Kirche, die ja eine besondere Zuwendung zu Ritualen pflegt, kennt gleich sieben Sakramente, sieben Heilige Handlungen.

Das Schöne ist: Es darf Rituale geben. Die Menschen müssen dabei nur aufpassen, nicht in die Aberglaubenfalle zu tappen. Sakramente machen sichtbar, was Gott im Hintergrund wirkt. Sie wirken nicht von selber. Sie sind keine magischen Handlungen. Die Hostie beim Abendmahl ist nicht das große Wunderding. Wenn ich sie mir mitnehme und im Geldbörserl herumtrage, wird sie mir kein Glück bringen. Das Ritual darf nie wichtiger werden als der Glaube, als die Lebensführung. Das Ritual ist Hilfe zum Glauben. Das ist seine Funktion. Mehr nicht.

Der Hebräerbrief will deshalb die Rituale in ihrer Bedeutung ein Stück weit zurück setzen. Sie sind möglich, sind gut, aber nicht entscheidend. Nicht der Ort des Kultes ist entscheidend, nicht der Kult ist nun mehr wichtig, sondern der Mensch und sein Handeln. Die Kraft Gottes, die Nähe Gottes erlange ich nicht an einem bestimmten Ort oder durch ein bestimmtes Ritual – sondern durch meinen Lebenswandel in Aufopferung und Gebet. Das bringt Kraft!

Diese Predigt ist ja Teil einer Predigtreihe mit vielen predigenden Theologen. Die Frage, die ich dabei beantworten sollte, war: Was stärkt uns? Als Pfarrer Hubmer die Themen unserer Predigtreihe verteilt hat, gab er mir diese Frage und eigentlich hat er schon die Antwort dazu geschrieben: Das Abendmahl. So hat er es sich zumindest gedacht.

Leider kam ich in meiner Bibelarbeit nicht direkt zu dem Ergebnis, dass das Abendmahl uns stärkt. Uns stärkt Gott! Das ist die Antwort. Er stärkt uns, wenn wir uns im Geiste, in unserem Tun zu ihm hinwenden. Dann erfahren wir Stärkung.

Das Abendmahl, allerdings, macht uns sichtbar, was unsichtbar und ungreifbar und unerfassbar durch Gott geschieht. Das Abendmahl wirkt nicht einfach so. Es wirkt nur an denen, die es im Glauben annehmen. Das ist übrigens Lehrmeinung aller Kirchen! Der Glaubende kann das Bild des Abendmahls entschlüsseln, der kann darin erkennen, was Gott im Hintergrund wirkt: Dass er uns kräftigt, dass wir zu ihm gehören.

Aber nicht das Brot und der Wein machen die Nähe Gottes aus, sondern unser Glauben und unser Leben. Nicht das Brot und der Wein stärken uns, sondern Gott, der den Glaubenden darin begegnet. Wir müssen uns einfach wirklich klar machen, dass Gott sich nicht an irdische Dinge binden lässt. Er weht, wo er will. Und er ist – , aber er ist anders, als wir denken. Er bleibt uns im Letzten verborgen. Aber er kräftigt uns, wenn wir dazu bereit sind, ihn zu empfangen.

Amen.