Was wir von einer Pfütze lernen können - Predigt zum Ewigkeitssonntag 2014

Was wir von einer Pfütze lernen können – Predigt zum Ewigkeitssonntag 2014

Predigt vom Ewigkeitssonntag 2014 über den 2. Petrusbrief, Kapitel 3. Pfarrer Roman Fraiss

 

2Pet 3

3 Ihr sollt vor allem wissen, dass in den letzten Tagen Spötter kommen werden, die ihren Spott treiben, ihren eigenen Begierden nachgehen

4 und sagen: Wo bleibt die Verheißung seines Kommens? Denn nachdem die Väter entschlafen sind, bleibt es alles, wie es von Anfang der Schöpfung gewesen ist.

5 Denn sie wollen nichts davon wissen, dass der Himmel vorzeiten auch war, dazu die Erde, die aus Wasser und durch Wasser Bestand hatte durch Gottes Wort;

6 dennoch wurde damals die Welt dadurch in der Sintflut vernichtet.

7 So werden auch der Himmel, der jetzt ist, und die Erde durch dasselbe Wort aufgespart für das Feuer, bewahrt für den Tag des Gerichts und der Verdammnis der gottlosen Menschen.

8 Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, dass ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag.

9 Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde.

10 Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden.

11 Wenn nun das alles so zergehen wird, wie müsst ihr dann dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen,

12 die ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und erstrebt, an dem die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden.

13 Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.

Wir bitten um deinen Beistand Gott, im Verstehen und im Befolgen. Amen.

 

Liebe Gemeinde !

„Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist. Wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“ So singen wir immer nach dem Psalm. Wie alles im Gottesdienst hat auch dieses Liedchen einen Sinn, eine tiefere Bedeutung. Dieses „Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist“ soll so eine Art kleines Bekenntnis der Gemeinde sein zu ihrem dreieinigen Gott. Zuerst der Psalm (die Psalmen zählen ja zu den ältesten Gebeten der Menschheitsgeschichte) dann das Bekenntnis, dass wir diesem Gott – dem wir dieses Gebet anvertrauen –, dass wir diesem Gott vertrauen.

Das kleine Lied geht aber weiter: „Wie es war im Anfang.“ Hier also eine Anspielung darauf, dass Gott schon vor dieser Welt existiert hat. Am Anfang dieser Welt war Gott da und hat alles entstehen lassen. „Wie es war im Anfang, jetzt“ – so geht es weiter. Auch „jetzt“ ist Gott noch da, heilt und hilft und hört auf unsere Gebete. Das Lied endet: „jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit.“

Und spätestens da wird es schwierig. Das Lied will sagen: Am Anfang, jetzt, und in aller Zukunft ist Gott bei uns. Von Ewigkeit zu Ewigkeit. Also bis zum Ende dieser Welt und darüber hinaus. Von Ewigkeit zu Ewigkeit also.

Warum ich das so herausstreiche? Der heutige Sonntag hat den Namen „Ewigkeitssonntag“. Es ist der letzte Sonntag des kirchlichen Jahres. Mit dem ersten Advent startet ein neues Jahr. Das kirchliche Jahr ist wie das menschliche Leben. Es geht los sozusagen mit der Empfängnis, mit der Vorfreude auf die Geburt (Advent und Weihnachten). Es geht weiter durch Zeiten des Leidens (Passionszeit). Aber es gibt auch Freude (Ostern, Pfingsten). Es gibt Höhen und Tiefen. Und es gibt auch eine Zeit, im Sommer, in der es einfach so dahin läuft. Im Herbst blickt man zurück, auf das Jahr und die Ernte. Schließlich, im November, auch heute, wendet sich der Blick dem Tod, dem Ende zu. Der Ewigkeit.

Unser heutiger Bibeltext spricht da eine ganz klare Sprache: Auch wenn Spötter es abstreiten; es wird der Tag des Herrn kommen. Dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen und die Elemente werden vor Hitze schmelzen und die Erde und ihre Werke werden ihr Urteil finden.

Es wird diese Welt einmal ein Ende haben – und die Menschen darauf  mit ihr. Dieser Gedanke ist heutzutage eigentlich allgemein anerkannt. Irgendwann einmal wird diese Welt dahin sein. Die Frage ist eine andere. Liegen tatsächlich Anfang und Ende dieser Welt bei Gott? Oder ist alles vorgezeichnet durch die Physik, durch die Kräfte des Alls, durch die Zufälle des Universums?

Ich kann Ihnen diese Frage nicht beantworten. Ich weiß es nicht und niemand weiß es, wie das mit der Welt war und ist und sein wird. Man kann nur glauben und vertrauen. Dieses Vertrauen drücken wir aus, wenn wir im Gottesdienst singen: „Wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Da vertrauen wir darauf, dass die Schicksale dieser Welt bei unserem Gott liegen.

Für viele Menschen sind die Ergebnisse und Theorien der Wissenschaftler zu einer Gottheit geworden. Was die uns sagen, glauben wir. Glauben wir ungeprüft. Als würden sich die Wissenschaftlicher nicht auch ständig widersprechen und gegenseitig widerlegen. Was sich naturwissenschaftlich nicht erklären lässt, das kann es auch nicht geben. Ist das wirklich so? Kann es etwas, das wir uns nicht vorstellen können, das wir nicht verstehen, nicht trotzdem geben? Vielleicht verstehen wir einfach so wenig?

Auch als unser Predigttext geschrieben wurde gab es schon Zweifler und Spötter. Die haben gesagt: „Wo bleibt denn euer ach so großartiger Weltuntergang?“ Der Autor beantwortet diese Frage, indem er sagt: Er kommt „bald“. Aber „bald“ ist für Gott eine andere Zeitspanne als für uns. Bei Gott ist die Zeit anders. Tausend Jahre können wie ein Tag sein. Diese Erklärung soll die Gläubigen trösten und wieder sicher machen, dass Gott tatsächlich von Ewigkeit zu Ewigkeit die Welt in seinen Händen hat.

Ich will ihnen heute auch einen Trost, einen Gedanken anbieten. Ich habe Ihnen eine Geschichte mitgebracht. Die Geschichte einer kleinen Pfütze.

Es war einmal eine kleine Pfütze. Sie war von fröhlicher Gesinnung und fürchtete sich nur vor der Sonne. (Die könnte sie ja austrocknen.) Wir, (die kleine Pfütze und ich), freundeten uns trotz unserer Verschiedenheit ein wenig an.

„Grüß Gott“, sagte sie zu mir. „grüß Gott, wenn es ihn gibt.“ Ich konnte nicht umhin, das als ungewöhnlich zu empfinden. Die kleine Pfütze kann reden und redet noch dazu von Gott. Ich war bereit, sofort meiner Wege zu gehen, falls sie mich nur hatte narren wollen. Ich fragte sie, wie ausgerechnet sie darauf käme, von Gott zu reden? Statt einer Antwort nahm die kleine Pfütze alle Kraft zusammen und spiegelte mir die ganze Weite des Himmels. Wir führten lange Gespräche über ihren Vater, den Regen, und auch darüber, dass sie sich vor der Sonne fürchtete. Vielleicht ist es mir gelungen, ihr diese Furcht zu nehmen.

Sie wurde nämlich sehr nachdenklich, als ich ihr von der Weite des Meeres erzählte, vom Spiel seiner Fische und den glitzernden Wellenfalten. Ich erzählte auch, dass das Meer die Heimat und Geborgenheit aller Pfützen der Welt sei und dass alles Leben des Meeres und der Erde aus der Sonne käme, auch das Leben der Pfützen.

Als der Abend aus dem Osten herbeieilte, so eilig, als hätte er irgendein Rendezvous verschwitzt, überraschte er uns regelrecht, mich und die kleine Pfütze. So sehr waren wir versunken in unser wortloses Gespräch.

Als ich einige Tage später wieder vorbei kam an der Wohnmulde meiner nassen Freundin, war sie nicht mehr zu sehen. Ausgetrocknet staubte der Boden unter mir. Mir war aber, als hörte ich eine Nachricht meiner nassen Freundin aus der tanzenden Sonnenluft: „Du hast meine Sehnsucht geweckt. Als die Sonne mich umarmte in all der neu entdeckten Zärtlichkeit, konnte ich nicht widerstehen und tanzte mit ihr empor zu den Pfaden der Wildgänse, die mir den Weg zeigen werden zum Meer. Komm bald! Und vergiss nicht … grüß Gott.“

Die kleine Pfütze hat Angst vor der Sonne. Sonne bringt Tod, denkt sie. In Wirklichkeit bringt die Sonne nicht den Tod der Pfütze – sondern nur ihre Verwandlung. Sie wird verwandelt von einer sichtbaren, angreifbaren Substanz zu Nebel, zu Luft, zu Dampf. Sie ist nicht mehr greifbar, nicht mehr sichtbar, aber doch immer noch da. Und der Wind wird sie führen und vorantreiben bis zum Meer, dem Ort, wo alle Pfützen ihre Heimat haben.

Die kleine Pfütze am Waldweg kann sich das nicht vorstellen. Undenkbar ist es, dass das Leben noch weitergeht, wo sie doch sieht, wie die Sonne an ihr zehrt, wie eine Pfütze nach der anderen vergeht. Unvorstellbar ist es, dass es ein Leben nach dem Sonnenschein gibt. Und so hat die Pfütze Angst vor der Sonne.

Für uns ist auch vieles unvorstellbar. Ein Leben nach dem Tod? Ein Weiterleben woanders als in unserem Körper? Ein neuer Himmel, wenn Himmel und Erde vergehen? Unvorstellbar, nicht wahr?

Es kann aber trotzdem sein, dass es so sein wird – auch wenn es für uns unvorstellbar ist. Dass der Anfang und das Heute und das Ende dieser Welt in Gottes Händen liegen, mag schwer vorstellbar sein. Es muss aber deshalb nicht unmöglich sein.

Die Pfütze hat Angst vor dem vermeintlichen Ende. Angst vor der Sonne. Dann, als sie vom Meer erfahren hat, hat das ihre Hoffnung geweckt, ihr die Angst genommen. Sie hatte Hoffnung, dass alles noch ganz anders wird. Dass sie auch als Gas, in einer geistigen Form, weiterhin Leben kann.

Zuerst sah sie nur die Begrenztheit ihres Lebens. Jetzt hat sie Vertrauen in die Weite dieser Welt. Es gibt mehr als nur das Leben als kleine Pfütze in diesem kleinen Wald. Ich kann verwandelt werden. Es gibt etwas, dass alles Leben von Ewigkeit zu Ewigkeit umfangen hält.

Von genau so einer Hoffnung spricht unser Predigtwort. Auch wenn Spötter uns verlachen. Auch wenn angeblich kluge Leute es abstreiten. Es kann doch so sein, dass Anfang und Jetzt und das Ende bei Gott liegen. Nicht nur unser ganz persönliches Schicksal; nein das Schicksal dieser Welt.

Ich kann Sie davon nicht überzeugen oder es ihnen einreden. Ich kann sie heute nur anregen, darüber nachzudenken.

Unser Predigttext versucht, den Menschen Hoffnung zu geben. Im letzten Vers heißt es: „Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.“

Ich werde diese Predigt heute nicht mit „Amen“ beenden. Amen heißt „So ist es“, das ist zu viel. Ich weiß nicht, ob es so ist. Ich hoffe es nur. Aber statt Amen zu sagen, singen wir lieber gemeinsam das kleine Lied, das ich schon mehrmals in dieser Predigt erwähnt habe. Singen wir es aus der Hoffnung heraus, dass es so ist. Singen wir: „Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist. Wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit.“

Und singen wir dann, vielleicht am Ende auch noch „Amen.“