Weihnachten, Christmette

Weihnachten und Begräbnis (Predigt zur Christmette 2013)

Predigt zur Christmette 2013 in der Gnadenkirche Rosenau, Pfarrer Fraiss

Liebe Gemeinde!

Im Lukasevangelium lesen wir, was der Engel zu den Hirten gesagt hat. „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.“ Große Freude! Und da frage ich mich manchmal: Haben wir zu Weihnachten teil daran? Haben wir „große Freude“? Erlauben Sie mir einen bösen Gedanken. Manches, wie Menschen bei uns Weihnachten feiern, erinnert eher an ein Begräbnis als an einen Geburtstag.

Alles ist so getragen und so still feierlich. Die Männer haben ihre Anzüge an und alle sprechen eine Spur leiser.

Auch inhaltlich. Weihnachten ist oft eine Zeit der wehmütigen Erinnerung. Wir erinnern uns an schöne, vergangene Zeiten. Wir seufzen dankbar über nette Ereignisse, die anno dazumal geschehen sind. Und wir nehmen Abschied gar nicht so traurig – aber das ist ja manchmal auch bei Begräbnissen so – nehmen Abschied gar nicht so traurig von unserer kindlichen Freude am Christuskind.

Ö3 hört am 24. Dezember, ich glaube um 17 Uhr, mit der Popmusik auf und spielt bis 22:00 nur klassische Weihnachtslieder und leisere, besinnliche Musik. Dann geht es wieder weiter mit dem üblichen Musikmix. Eine solche Unterbrechung eines fröhlichen Musikprogrammes mit ernster, getragener Musik passt doch wohl eher zu einem Begräbnis als zum Fest des Geburtstages. Das würden wir doch eher am Karfreitag zur Sterbestunde Jesu erwarten als zur fröhlichen Feier seiner Geburt!

Und manche Ansprachen zu Weihnachten hören sich auch eher an wie Nachrufe. „Ja, früher, da war alles so besinnlich und schön und wir haben uns über so wenig gefreut, aber heute…“

Ich frage: Ist unsere Art, Weihnachten zu feiern, eigentlich dem Anlass entsprechend? Der Geburt Jesu? Der Freude darüber, dass Gott sich der Welt gezeigt hat?

Ich glaube, bei uns ist es so: Wir bemühen uns wirklich. Wir möchten uns auch gerne zu Weihnachten tief und ehrlich freuen. Aber es gelingt uns halt nicht jedes Jahr. Oft ist Weihnachten einfach nur „wie immer“ – und die Freude ist nicht so groß wie ersehnt. Wir wollen ja zu Weihnachten alles schön und richtig machen. Aber manchmal wird alles zu viel, und dann ist es nicht so schön und fühlt sich nicht richtig an. Vor lauter Bemühen, alles gut zu machen, tun wir uns viel zu viel an und bringen uns damit selbst um die natürliche, die einfache Freude. Nur die Kinder, die lassen sich ihre Freude nicht zerplanen, die bringen Leben in das Fest. Und wenn die Kinder weg sind? Bleiben dann nur noch die Rituale, denen aber das Leben, die Freude fehlt?

Wir dürfen der Heiligen Nacht nicht so viel umhängen und nicht so viel draufpappen, dass sie darunter zusammen bricht. Friede in der Familie, Friede in der Welt, ein gutes Gefühl, schöne Geschenke, ganz viele Besuche, eine gute Stimmung, eine romantische Dekoration, Christbaum und Adventkranz und Beleuchtung im Garten und an den Fenstern und Kekse und das beste Essen und alle müssen glücklich sein – und auch noch religiös sein.

Wer das alles will, der muss verkrampfen. Dessen Feier wird steif und ernst wie ein Begräbnis. Da kann ich nicht mehr froh und locker feiern, wenn ich so viele Erwartungen habe. Diese Forderungen passen in keine einzelne Nacht, nicht einmal eine Heilige Nacht kann all dem gerecht werden.

Weil unser Leben oft so unheilig ist, deshalb möchten wir das Heilige, das uns ja in Wirklichkeit abgeht -, wir möchten das Heilige in einer perfekten Nacht zu uns holen. Aber das Heilige, die Freude darüber kommt nicht auf Bestellung. Sie kommt als Geschenk. Wir müssen in all dem Weihnachten Gott den Raum, die Ruhe, die Zeit geben, damit er uns mit dem Heiligen, mit der Freude beschenken kann.

Wir müssen Gott Raum geben. Denn Weihnachten ist ja die Geburtsstunde Jesu. Freuen wir uns eigentlich über Jesu Geburt? Lassen Sie mich noch einen bösen Vergleich anstellen.

Weihnachten ist uns manchmal wie die alte Uroma, die wir alle schätzen, aber nicht mehr sonderlich ernst nehmen. Zu ihrem Geburtstag kommt die ganze Großfamilie zusammen, um sie hochleben zu lassen. Aber bei der Geburtstagsfeier kümmert sich dann doch keiner wirklich um sie. Sie hört schon schlecht und dann hat sie auch so komische Ansichten, so altmodische Ansichten. Sie ist sehr lieb, die Uroma, zweifellos, jeder mag sie, aber seine Probleme will dann doch keiner mit ihr besprechen. Ein Foto machen wir alle mit ihr, fürs Album. Aber keiner will wirklich viel mit ihr zu tun haben bei ihrer Geburtstagsfeier, zu der alle kommen und sie hochleben lassen.

Die Oma hat so komische Ansichten: Der Enkel mit zwei kleinen Kindern lässt sich gerade scheiden und sie fragt: „Hat das denn sein müssen? Hättet ihr es nicht noch versuchen können?“
Der Sohn erzählt, wie sehr er sich über die Nachbarn ärgern musste, und wie er mit ihnen streitet und Oma sagt naiv: „Kannst du ihnen denn nicht verzeihen?“
Die Nichte sagt, dass sie keine Kinder will, weil sie sonst im Beruf nicht weiter kommt, und die Oma erweist sich als Stimmungskiller und sagt: „Vielleicht tut dir das später einmal leid.“
Der Neffe sagt, wie toll er im Beruf vorankommt, und wie er die Kollegen dominiert, und die Oma plappert von so was Unpassendem wie „Nächstenliebe“.

Weihnachten wird manchmal gefeiert wie der Geburtstag der alten Uroma, die jeder schätzt, jeder zum Geburtstag hochleben lässt, aber keiner mehr ernst nehmen will.

Nehmen wir Jesus ernst? Das Kind in der Krippe kann ich süß finden; das muss ich nicht ernst nehmen. Aber an diesem Kind dran hängt der erwachsene Jesus, und der war nicht mehr süß und lieblich. Der hat Forderungen gehabt an die Menschen, die die Welt verändert haben. Der hat Forderungen an uns, die uns verändern wollen.

Ich kann am Geburtstag der alten Uroma nur von der schönen alten Zeit sprechen statt von heute oder ihrer Zukunft – aber ich kann die alte Uroma auch ernst nehmen und fragen, was sie mir heute in meinem Leben zeigen und sagen kann. Nicht alles, was alt ist, muss deshalb schon veraltet sein!

Wie also feiern wir Weihnachten?
Feiern wir Weihnachten ernst und getragen, wie ein historisches Jubiläum?
Feiern wir Weihnachten als Erinnerungsfest an die eigene Kindheit?
Feiern wir Weihnachten als Fest der Liebe? Was immer das jetzt genau ist.
Oder feiern wir Weihnachten, dass Gott in Jesus in die Welt kam?

Ein Fest der Erinnerung ist Weihnachten nur, wenn es uns nicht gelingt, die Botschaft von Jesus in unser Leben heute zu holen. Auf den Rettungsbegriff „Fest der Liebe“ müssen wir nur dann zurückgreifen, wenn uns kein anderer Sinn mehr sinnvoll erscheint.

Wir sind vom Leben schon so mancher Illusion beraubt worden. Wir haben schon Vieles gesehen und erlebt – da fällt die kindliche Freude über Jesu Geburt manchmal schwer. Und doch liegt da tief in uns diese Sehnsucht nach dem Heiligen, nach Gott, nach etwas anderem als einer Welt, die immer auf dein Geld, aber nie auf deine Seele schaut.

Wir sehnen uns nach einer Heiligen Nacht. Vielleicht deshalb, weil unser Leben oft unheilig ist. Der Alltag lässt uns wenig Raum, so gut und hehr zu sein, wie wir sein könnten, ja sein möchten. Und am Sonntag kommen wir auch oft nicht dazu, Gott Raum zu geben. Und dann haben wir eben nur noch diese eine Nacht. Da soll uns spürbar werden, dass Gott ist. Aber Gott lässt sich nicht zwingen. Wir können seine Nähe nicht herholen durch die perfekteste Vorbereitung. Denn Gott ist anders. Das hat er zu Weihnachten gezeigt: Gott kommt zu uns! Gott schenkt sich uns! Und vor lauter hin- und hergeschenke verpassen wir oft, dass Gott da hinter all den Geschenken bei uns unterm Christbaum liegt und nur gefunden zu werden braucht.

Aber manchmal suchen wir zu Weihnachten eben nur nach Packerln und nicht nach Inhalt. Wir suchen nach Sachen, aber nicht nach Sinn. Wir reden von Gott, aber nicht mit ihm. Und dabei steht er da, jedes Weihnachten, und wartet darauf von uns zu unserer Feier eingeladen zu werden. Und wenn wir Gott Zeit und Raum schenken in unserem Feiern, dann kann er uns beschenken. Vielleicht erfahren wir dann die ersehnte Freude, von der die Engel gesprochen haben.

Keine Begräbnisstimmung an Weihnachten, weil dieser Jesus lebt.
Keine alte Uroma, weil er uns heute noch so viel zu sagen hat.

Gott ist da! Heute Nacht! Laden wir ihn ein in unser Herz!

Amen.