Weihnachten, Christmette

Weihnachten und Martin Luther

Weihnachtspredigt Rosenau 2017 zur Christmette und Stefanitag Evang. Friedenskirche Vöcklabruck

Lukas 15, 11
11 Jesus erzählte weiter: »Ein Mann hatte zwei Söhne.

12 Der jüngere sagte: ‚Vater, gib mir den Teil der Erbschaft, der mir zusteht!‘ Da teilte der Vater seinen Besitz unter die beiden auf.

13 Nach ein paar Tagen machte der jüngere Sohn seinen ganzen Anteil zu Geld und zog weit weg in die Fremde. Dort lebte er in Saus und Braus und verjubelte alles.

14 Als er nichts mehr hatte, brach in jenem Land eine große Hungersnot aus; da ging es ihm schlecht.

15 Er hängte sich an einen Bürger des Landes, der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten.

16 Er war so hungrig, dass er auch mit dem Schweinefutter zufrieden gewesen wäre; aber er bekam nichts davon.

17 Endlich ging er in sich und sagte: ‚Mein Vater hat so viele Arbeiter, die bekommen alle mehr, als sie essen können, und ich komme hier um vor Hunger.

18 Ich will zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich bin vor Gott und vor dir schuldig geworden;

19 ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Nimm mich als einen deiner Arbeiter in Dienst!‘

20 So machte er sich auf den Weg zu seinem Vater.
Er war noch ein gutes Stück vom Haus entfernt, da sah ihn schon sein Vater kommen, und das Mitleid ergriff ihn. Er lief ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und überhäufte ihn mit Küssen.

21 ‚Vater‘, sagte der Sohn, ‚ich bin vor Gott und vor dir schuldig geworden, ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu sein!‘

22 Aber der Vater rief seinen Dienern zu: ‚Schnell, holt die besten Kleider für ihn, steckt ihm einen Ring an den Finger und bringt ihm Schuhe!

23 Holt das Mastkalb und schlachtet es! Wir wollen ein Fest feiern und uns freuen!

24 Denn mein Sohn hier war tot, jetzt lebt er wieder. Er war verloren, jetzt ist er wiedergefunden.‘ Und sie begannen zu feiern.

 

 

Liebe Gemeinde!

Das Lutherjahr – 500 Jahre seit der Reformation – geht nun zu Ende. Die Auswirkungen Luthers sind gerade zu Weihnachten sehr groß. Wie in Österreich heute gefeiert wird, geht sehr stark auf Luther zurück. Ohne, dass es die meisten überhaupt wissen. Werfen wir gemeinsam einen Blick zurück.

Weihnachten vor 500 Jahren – wie ist das gewesen? Wie haben zum Beispiel die Luthers Weihnachten gefeiert? Am Anfang so wie alle Menschen damals. Sie hatten an den Festtagen, wenn möglich, etwas Besonderes zu essen. Die Kinder bekamen Süßigkeiten und andere Kleinigkeiten, manchmal Gewand. Gebracht hat die Geschenke der Heilige Nikolaus.

Das war für die Evangelischen keine optimale Situation. Denn mit den Heiligen haben wir es ja nicht so. Heilige als bewundernswerte Menschen, ja. Heilige als Vorbild, ja. Aber Heilige, die wie Florian für Feuer zuständig sind, oder wie Nepomuk für Brücken oder wie Barbara für Tunnel – das ist etwas ungewohnt.

Auf der anderen Seite wollte Luther die Menschen nicht vor den Kopf stoßen und alte, sinnvolle Rituale nicht mit Gewalt verändern.

Er argumentierte, man müsse auf die Schwachen Rücksicht nehmen. Viele Menschen brauchen einfach noch ihre Heiligen, man soll sie ihnen nicht von einem Tag auf den anderen wegnehmen. Dieser Gedanke geht auf Paulus zurück. Paulus schreibt: „Wenn wir einen starken Glauben haben, ist es unsere Pflicht, die anderen in ihren Schwächen mitzutragen, anstatt selbstgefällig nur an uns zu denken. “ (Rö 151) Luther ist vorsichtig und behutsam mit Reformen umgegangen. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, weshalb an bestimmten Bräuchen, wie auch dem Nikolaus-Brauch, weiter festgehalten wurde.

Die Veränderung geschah dann nicht per Verordnung oder Dekret. Die Veränderung geschah zu Hause bei den Luthers – und wirkt bis heute nach. Bei jedem von uns, auch bei den Katholischen, sogar bei denen ohne Religion. Was hat die Veränderung gebracht? Die Kinder! Martin Luther wurde zwischen 1526 und 1534 sechsmal Vater.

Als seine eigenen Kinder heranwuchsen wurde er plötzlich in seiner eigenen Familie mit der Frage konfrontiert: Wie vermittle ich Kindern Weihnachten? Und hier, in seiner eigenen Familie, begann die große Veränderung. Ab 1535 hat Luther in seiner Familie den Brauch geändert und an die Stelle des heiligen Nikolaus Christus selbst, das Christkind, gesetzt. Er erzählte seinen Kindern, dass es das Christkind sei, das Christus-Kind, das ihnen zu Weihnachten eine Freude machen wolle.

Das war aber keine schnelle Ersatzidee. Luther hat sich das gut überlegt. Und was er sich überlegt hat, warum es das Christkind ist, das ist ganz nahe dran an dem, was Weihnachten bedeutet.

Da müssen wir mitdenken, jetzt, denn hier geht es um die Bedeutung des Weihnachtsfestes: Das Christuskind, Christus, ist das Geschenk an die Menschheit. Das war für Luther zentral.

Im Grunde fühlt sich Weihnachten für Luther an wie das Gleichnis vom barmherzigen Vater. Wir haben es gerade gehört: Der Sohn, der weggeht, sein Erbteil verprasst, zerstritten ist und dann reuig zurückkommt. Wie groß ist die Freude, wenn das vergeben ist, wenn man wieder in Frieden mit seiner Familie leben kann. Ich habe etwas angestellt, meine Familie verletzt. Doch dann kommt meine Frau, kommen meine Eltern, vergeben mir, bieten Versöhnung an – so eine Freude erlebt Luther zu Weihnachten. Es ist die Freude über die Aussöhnung mit dem himmlischen Vater. Noch mehr als im Gleichnis: Denn im Gleichnis kommt der Mensch zum Vater zurück. Weihnachten kommt der Vater zum Menschen!

Gott hätte bei jedem von uns seine guten Gründe, dass er sagt: „Mit dir nicht. Du bist nicht gut, gut genug.“ Aber dann schickt er Jesus. Da zeigt er uns: Ihr seid mir so wichtig, dass ich selbst zu euch komme. Wir alle sind Sünder. Gott erbarmt sich, aber, und sendet seinen Sohn, um die Menschen von ihrer Schuld zu befreien.

Das ist Grund zur Freude! Das ist das größte Geschenk, denkt sich Luther, das man erhalten kann. Nämlich der Friede mit dem liebenden himmlischen Vater.

Das ist der Kern! Für Luther ist Jesus der Schlüssel zu allem! Alles ist von Gott gegeben, es treten keine Mittler dazwischen, auch die Kirche nicht, auch keine Heiligen. Gottes Verhältnis zu uns ist ganz direkt. Jeder Christ ist ein Heiliger – und ein Sünder zugleich.

Sie merken, wie ich mich mühe: Es ist komplizierte Theologie. Das ist, das weiß Luther, für Kinder nicht wirklich zu fassen. Aber wie kann man bereits Kindern ein Stück dieser Freude verspürbar machen? Das hat er sich gefragt. Und die Antwort lag nahe. Wenn Christus ein Geschenk ist. Dann könnte doch er den Kindern Geschenke bringen. Damit sie es verstehen. Er erzählte seinen Kindern, dass das Christkind, das Christus-Kind, ihnen zu Weihnachten eine Freude machen will.

Diese neue Art Weihnachten zu feiern hat Luther nicht gelehrt oder verlangt von den Menschen. Es wurde einfach erzählt und geschrieben, wie das bei den Luthers so läuft. Und mehr und mehr Menschen haben seine Idee vom Christkind übernommen, über die Konfessionsgrenzen hinweg. So hat sich das Christkind bei uns neben dem Nikolaus als Freund der Kinder etablieren können.

In anderen Ländern ist ja der Nikolaus zum Weihnachtsmann, Santa, also Heiliger, Klaus, geworden und vom 6. Dezember auf den 24. Dezember gewandert. Wir haben uns beides bewahrt. So gesehen hat Luther nicht nur das Christkind gebracht, sondern auch den Heiligen Nikolaus gerettet.

Für uns ist wichtig, beim Christkind nicht nur das süße Engelswesen zu sehen, sondern auch seine Bedeutung zu kennen.

Martin Luther hat also die Art, wie wir heute Weihnachten feiern, stark beeinflusst. Sie können sich überlegen, welche Sitten, Rituale Sie in ihrer Familie so haben. Es gibt ja viele und schöne Möglichkeiten, Weihnachten zu feiern. Manches ist gut überlegt. Bei manchem tun wir uns selber schwer, den Sinn dahinter zu verstehen.

Ob es für das Feiern zum Beispiel wichtig ist, den Christbaum jedes Jahr in einer anderen Farbe zu schmücken, am besten noch abgestimmt auf die Servietten, sie dahingestellt. Auch beim Essen. Da investieren viele Menschen viel Zeit, sich Jahr für Jahr Neues zu überlegen. So las ich letztens mit Überraschung einen Artikel, dass jedes Jahr andere Gerichte zu Weihnachten „angesagt“ sind. Scheinbar präsentieren alljährlich Spitzenköche und Feinschmecker Weihnachtsmenü-Empfehlungen. Ich habe die aktuelle Liste für Sie gelesen und kann Ihnen nun sagen, was sie heute hätten essen sollen. Meine Familie ist übrigens völlig „out“.

Ich zitiere aus „Die Presse“ vom 18. Dezember (2016): Heuer ist Wild gefragt und außerdem außergewöhnliche Fleischteile, allerdings nicht die Filets, die sind schon wieder zu gewöhnlich.

Und dann gibt es daneben noch die Speisen, die sowieso out sind: „Die Schinkenrolle als Ode an die 1980er-Jahre gehört zum Beispiel dazu. Auch das Lachsbrötchen hat seine ruhmreichen Zeiten bereits hinter sich.“ „Fondue und Raclette scheinen fast schon heimlich praktiziert zu werden. Wer auf die Frage nach dem Weihnachtsmenü mit Fondue antwortet, schiebt meist entschuldigend den Satz nach: ‚Ich will zu Weihnachten nicht den ganzen Tag in der Küche stehen.‘ Das hört man übrigens auch von der Würstel- oder Selchfleischfraktion.“

So steht es da.

Viele Rituale gibt es in unseren Familien. Manches ist gut überlegt und hilft uns, Weihnachten besser zu verstehen. Bei anderen Sachen, wie zum Beispiel dem Essen, investieren wir viele Gedanken – und doch ist die Hauptsache eigentlich, dass Menschen miteinander am Tisch sitzen. Was dann drauf steht ist eher zweitrangig.

Welches von unseren Ritualen hilft dem Teilen der Freude und dem Blick auf Jesus? Und mit welchen Ritualen entfernen wir uns von dem, was Weihnachten ausmacht?

Martin Luther hat wunderbar den Kern von Weihnachten betont und ihn zum Zentrum gemacht. Jesus, der uns versöhnt mit dem himmlischen Vater. Um dieses Zentrum hat Luther das Schenken an die Kinder gelegt. Und im Lauf der Zeit haben wir mehr und mehr darumgelegt. Helf uns Gott, dass wir das Zentrum nicht aus den Augen, vor allem nicht aus dem Herzen verlieren.

Amen