Wer darf zum Abendmahl kommen?

Wer darf zum Abendmahl kommen?

Wer darf zum Abendmahl kommen? 
Predigt von Pfarrer Fraiss, Rosenau Gründonnerstag 2011 

 

Liebe Gemeinde!

Wir haben gerade den Bericht des Markus über das letzte Abendmahl Jesu gehört. Und ich frage: Was bedeutet das heute für uns?

Franz Peter Seiler hat uns etwas über das Abendmahl in Siebenbürgen erzählt. Oder genauer: Er hat uns erzählt, was dort vor dem Abendmahl üblich war. Einerseits bei der Konfirmation, aber auch bei ganz normalen Abendmahlsgottesdiensten: Da ist man durchs Dorf gegangen und hat sich entschuldigt. Entschuldigt, um dann ohne ungelöste Schuld an Gottes Tisch treten zu können.

Abendmahl gab es in Siebenbürgen traditionell sehr selten, 3-4 Mal im Jahr. Es sollte etwas Besonderes sein. Entsprechend besonders hat man sich dann auch darauf vorbereitet. Wir haben doch recht oft Abendmahl; in manchen Gemeinden noch viel öfter. Ist es für uns noch etwas Besonderes? Bereiten Sie sich in irgend einer Weise darauf vor, bevor sie zum Abendmahl kommen?

Es gibt dazu in der Bibel einen ganz prominenten Satz. Eine viel diskutierte Bibelstelle. Im Korintherbrief steht folgende Mahnung (1Kor 1127+28a): „Wer nun unwürdig von dem Brot isst oder aus dem Kelch des Herrn trinkt, der wird schuldig sein am Leib und Blut des Herrn. Der Mensch prüfe aber sich selbst.“ Dieser Satz ist zu einer großen Frage geworden. Wann bin ich würdig, das Abendmahl des Herrn zu nehmen?

In der katholischen Kirche, die ja bekannt regelungsfreudig ist, wird klar festgelegt, wer nicht zur Kommunion gehen darf.

Nicht zur Heiligen Kommunion zugelassen sind Ungetaufte und alle Nichtkatholiken außer denen, die zu einer unierten Ostkirche gehören. Nicht zur Kommunion dürfen außerdem alle, die in schwerer Sünde leben. Letztere müssen zunächst davon ablassen und sich mit Gott und der Kirche versöhnen, indem sie ihre Schuld bereuen und das Bußsakrament empfangen. Geschiedene, die in einer „nichtkirchlichen“ Verbindung, beispielsweise einer standesamtlichen Ehe, leben, sind dauernd von der Kommunion ausgeschlossen. Sie leben ja auch andauernd in Sünde. Es gibt eine Ausnahme: Sie verpflichten sich, völlig enthaltsam zu leben, das heißt, „sich der Akte zu enthalten, welche Eheleuten vorbehalten sind“. In diesem Fall können sie zur Kommunion hinzutreten.

Wer nun die Voraussetzungen zum Abendmahl erfüllt, kann trotzdem nicht einfach so daran teilnehmen. Es soll jeder Katholik, bevor er die Kommunion empfängt, beichten. Außerdem darf er eine Stunde vorher nichts essen und trinken. Dann ist man würdig, zum Abendmahl zu gehen.

Jetzt die große Frage: Wie ist das in der Evangelischen Kirche? Wissen Sie es? Wer darf und wer darf nicht zum Abendmahl? Was sollen wir tun, bevor wir zum Abendmahl gehen?

Das sind wir wieder bei einem typischen Problem unserer Kirche. Vieles ist bei uns nicht genau geregelt. Es wird dem Gewissen des einzelnen Gläubigen überlassen. Das ist gut – hat aber auch seine Nachteile. Dort wo die Evangelischen kaum noch Ahnung von ihrer Religion haben, dort wird es willkürlich und wischiwaschi. Denn da weiß keiner mehr, wie und wieso er sein Gewissen prüfen soll. Dabei gilt er auch uns, dieser Satz: Wir sollen uns prüfen, bevor wir zum Abendmahl gehen. Auch wir dürfen nicht unwürdig zum Abendmahl gehen. Allerdings beantworten die Reformatoren die Frage, wann du würdig bist, ein wenig anders als die Katholischen.

Die katholische Kirche verlangte von ihren Anhängern, dass sie vor dem Empfang der Kommunion die Absolution von ihren Sünden erlangen. Um für das Abendmahls würdig zu sein, musste man rein sein.

Calvin behauptete nun, es sei lächerlich, vor dem Empfang dieses Sakraments rein werden zu wollen. Das Abendmahl hat ja gerade den Zweck, uns zu „reinigen“, indem es uns wieder in ein rechtes Verhältnis zu Gott setzt. Es sei viel besser, in einem wahren Geist der Reue zum Abendmahl zu gehen.

Die Erkenntnis, dass wir der Vergebung bedürfen, darf nicht zu übertriebener Besorgnis führen. Das Erkennen seiner Sünde darf niemanden vom Abendmahl abhalten. Im Gegenteil, die einzige Bedingung für die Teilnahme am Abendmahl besteht gerade in der Erkenntnis, wie sehr wir seiner bedürfen! Der Geist der Reue muss also die Erkenntnis unseres Elends mit dem Vertrauen auf Christus vereinigen. Denn im Abendmahl begegnet Christus jedem von uns auf ganz individuelle Art. So beschreibt es Calvin.

Ganz ähnlich auch Luther im Großen Katechismus:

Jesus spricht selbst: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Die Kranken sind die, die mühselig und beladen sind mit Sünde, Furcht und Anfechtung. Bist du nun beladen und fühlst deine Schwachheit, so gehe fröhlich [zum Abendmahl] und lasse dich erquicken, trösten und stärken. Denn willst du harren, bis du solches loswerdest, dass du rein und würdig zum Sakrament kommest, so musst du ewig davonbleiben. In so einem Fall spricht Gott sein Urteil: Bist du rein und fromm, so bedarfst du meiner nichts und ich deiner wieder nichts.

Darum heißen die allein unwürdig, die ihr Gebrechen nicht fühlen noch wollen Sünder sein.

Eine spannende These. Luther sagt, unwürdig kommt nur der zum Abendmahl, der nicht erkennt, dass er ein Sünder ist. Unwürdig kommt der zum Abendmahl, der nicht innerlich spürt, dass er auf Gottes Vergebung angewiesen ist.

Wer also glaubt, er brauche keine Vergebung und keinen Gott, der hat beim Abendmahl nichts verloren!

Auch von uns Evangelischen ist also verlangt, dass wir uns vor dem Abendmahl selbst prüfen, ob wir würdig sind, zum Abendmahl zu gehen. Wir brauchen dazu nicht die Absolution durch den Priester sozusagen als Freigabe für das Abendmahl. Diese Prüfung ist bei uns, was viel schwieriger ist, jedem selber auferlegt. Als Hilfe dazu, nur als Hilfe, bieten wir im Gottesdienst die gemeinsame, offene Beichte an.

Würdig im Sinne der Reformatoren heißt:

  • Erstens: Wir müssen einsehen, dass wir es nötig haben, zu Gott zu kommen, weil wir sündig sind.
  • Zweitens: Wir müssen das Abendmahl würdig und richtig feiern, also auf Gottes Vergebung Vertrauen und wirklich glauben, dass Gott uns in Brot und Wein nahe kommt.

Luther dazu im Großen Katechismus: „Du musst deine Not fühlen und Hunger und Durst nach dem Sakrament haben.“ Auf die Frage, was mit denen ist, die diese Not nicht fühlen, hat Luther eine interessante Antwort. Wenn jemand keinen Hunger und Durst nach Gottes Vergebung fühlt, bei denen „weiß ich keinen besseren Rat, denn dass sie doch in ihren Busen greifen, ob sie auch Fleisch und Blut haben.“ Und dann sollen sie in der Bibel lesen – und zwar die Aufzählungen, was alles die Sünden der Menschen sind. Da werden sie sich schon wiederfinden und erkennen, dass sie Vergebung dringend nötig haben.

Nur gibt es gerade in unserer heutigen Zeit viele Menschen, die überhaupt nicht nach ihrer Schuld und nach Gott fragen. Und die dürfen dann nach unserem Verständnis nicht beim Abendmahl teilnehmen.

Auch die Evangelische Kirche kennt also Ausschlussgründe vom Abendmahl. Auch bei uns darf nicht jeder mitfeiern. Ein paar klare Regeln gibt es. Wer nicht getauft ist, ist nicht zum Abendmahl zugelassen. Nicht Konfirmierte Erwachsene dürfen auch nicht zum Abendmahl – außer mit besonderer Genehmigung durch den Pfarrer. Der Gedanke dahinter: Wenn sie wirklich teilhaben wollten an Gottes Gemeinschaft, warum lassen sie sich dann nicht konfirmieren? Das gleiche gilt für Ausgetretene und Menschen, die keiner Kirche angehören.

Getaufte Kinder können in Begleitung ihrer Eltern oder anderer christlicher Bezugspersonen am Abendmahl teilnehmen, wenn sie entsprechend darauf vorbereitet worden und imstande sind, in der ihnen gemäßen Weise die Gabe des Abendmahls zu erfassen. Auch da gilt: Eigentlich sind bei uns nicht alle Kinder zum Abendmahl geladen. Es sollen nur die kommen, denen von ihren Eltern die Bedeutung des Mahles bewusst gemacht worden ist.

Es ist nicht so einfach und so nebenbei, wie es manchmal bei uns aussieht.

Das Abendmahl, das wir von Jesus haben, ist etwas Wichtiges, Heiliges, Besonderes. Das soll man nicht so nebenbei, emotionslos einnehmen. Darum war auch diese Sitte aus Siebenbürgen etwas Wunderbares. Du gehst zu deinen Schuldigern, du gehst zu denen, mit denen du Streit hattest, und bittest um Vergebung.

Wer seine Fehlerhaftigkeit einsieht, wer fühlt, dass er Gottes Hilfe und Vergebung bedarf, wer es besser machen will – der soll, so Luther, frei und fröhlich zum Abendmahl kommen.

Amen.