Wie es ist, dumm zu sein (Predigt im Rahmen der Sommerpredigtreihe)

Wie es ist, dumm zu sein (Predigt im Rahmen der Sommerpredigtreihe)

Predigt von Pfr. Roman Fraiss zur Predigtreihe 2014 in Timelkam und Rosenau über Weisheit
Thema: …nicht weise sein (Wie es ist, dumm zu sein)

 

Als Predigttext diente das 9. Kapitel des Buches der Sprichwörter

Liebe Gemeinde!

Die heutige Predigt steht im Rahmen einer Predigtreihe über Weisheit. Pfarrer Hubmer, Pfarrer Petri, Prof. Sautner und ich machen uns diesen Sommer so unsere Gedanken dazu. Die anderen Prediger haben darüber gesprochen, was Weisheit ist und wie sich Weise verhalten. Das ist alles wichtig und schön. Ich, nun, darf im Rahmen dieser Reihe ein wenig frech sein. Denn, sicherlich, es ist schön, weise zu sein. Manche sind es auch – Viele sind es aber auch nicht. Wie ist es nun, nicht weise zu sein. Passiert mir da was oder geht es eh ganz gut auch ohne Weisheit?

 Weisheit, das haben wir in den letzten Predigten erfahren, ist ein Gesamtpaket. Ein Paket aus Lebenserfahrung, Vernunft, Einsicht in die eigenen Schwächen und Demut vor Gott.

Der Weise erkennt seine Fehler und lernt daraus. Das kann schmerzhaft sein, seine eigenen Schwächen anzuerkennen. Der Dumme hingegen, der ist sein Leben lang selbstsicher und überzeugt davon, dass er klug ist und alles richtig macht und alle anderen die Deppen sind. So eine Einstellung ist dumm, aber angenehm.

Das kennt man ja auch aus dem Beruf. Da ist einer ein Tüftler, denkt nach, zweifelt, überlegt. Und dann kommt so ein Nicht-Weiser daher. Und der hat zwar keine Ahnung, aber redet mit voller Überzeugung davon, dass er die beste Lösung hat und sich auskennt und so weiter. Oft werden die Leute bevorzugt, die sich gut präsentieren, die von sich überzeugt sind. Die Leere hinter ihren Worten, die merkt man oft erst zu spät.

Weisheit lässt einen die vielen Seiten eines Problems sehen. Dummheit ist leichter: Da sehe ich nur meine Seite, und dabei bleibe ich. Da komme ich schnell zu einer Meinung und finde schnell einen Schuldigen. Nämlich immer wen andern. Weise sind umsichtiger.

Weisheit macht einem das Leben also nicht unbedingt leichter. Nicht weise sein ist bequemer. Es ist einfacher. Aber, das sagt uns die Bibel: der Lohn der Weisheit ist ein erfülltes Leben. Aber ein erfülltes Leben ist nicht immer einfach und bequem.

Gute Beispiele für Dummheit oder Torheit, wie das Gegenteil von Weisheit eigentlich heißt – gute Beispiele für Torheit liefern die Geschichten von den Schildbürgern. Sie kennen sie ja sicherlich. Und diese Geschichten haben durchaus Tiefgang. Es beginnt schon einmal damit, warum die Schildbürger so dumm sind. Das hat genau mit dem zu tun, wovon ich gesprochen habe: Damit, dass Weisheit unbequem ist. Denn in Wahrheit waren die Leute der deutschen Stadt Schilda sehr, sehr gescheit. Aber das war unbequem. Von überall her kamen Ratsuchende, um die Bewohner um Hilfe zu bitten. In aller Herren Länder gingen die Männer aus Schilda, um ihren Dienst zu versehen. Einer war Baumeister in Pisa, der andere Gärtner bei Hofe in England und noch vieles mehr. Die Frauen in Schilda entbehrten ihre Männer und mussten doppelt so viel arbeiten. Die Kinder wurden ungezogener, weil keiner Zeit für sie hatte.

Da trafen die Leute von Schilda einen Entschluss: Wenn es so viele Nachteile bringt, klug zu sein, dann wollen wir doch lieber dumm sein. Wir sind so klug, dass wir uns sicher auch erfolgreich dumm stellen können. Dann will niemand mehr etwas von uns, wir können zu Hause bleiben und haben unsere Ruhe.

Nur der Lehrer hatte Bedenken. „Wer klug tut, wird davon noch lange nicht klug.“, sagte er. „Aber wer sich lange dumm stellt, wird vielleicht eines Tages wirklich dumm“. Die anderen lachten ihn aus. „Seht, es fängt schon an“, sagte er. „Was?“, meinte der Schmied neugierig. „Eure Dummheit“, rief der Lehrer. Da lachten sie ihn alle aus.

Hier sind wir ganz aktuell. Wir stellen uns dumm, damit wir unsere Ruhe haben. Wir ziehen uns zurück, damit uns die Nachbarn nicht nerven. Wir sagen, wir können das nicht, um nicht helfen zu müssen. Oder – heute das Hauptargument –: „Ich habe keine Zeit“, um das nicht zu müssen, was andere sich von mir wünschen würden. Wir machen in der Arbeit nur mehr Dienst nach Vorschrift, weil der Chef so nervt.

Ist nicht viel anders als sich dumm stellen, wenn wir uns ahnungslos, überarbeitet, gestresst stellen. Das alles gab es damals wie heute. Der Lehrer hat damals eine gute Frage gestellt: Kann man sich auf Dauer dumm stellen ohne dabei dumm zu werden? Kann man sich auf Dauer zurückziehen ohne verschroben zu werden? Kann man sich auf Dauer Blödsinn im Fernsehen ansehen, ohne selber davon angesteckt zu werden? Kann man auf Dauer nichts tun ohne vom geistigen Nichts ergriffen zu werden?

Nun ja: So sind die Leute von Schilda also freiwillig zu Toren geworden und haben das gleich zu Beginn beim Bau ihres neuen Rathauses bewiesen. Ein Rathaus wurde gebaut und eröffnet. Alle Einwohner gingen in das neue Gebäude hinein. Aber da stürzten sie wild durcheinander. Sie blickten einander ratlos an und riefen: „In unserm Rathaus ist es dunkel!“

Da stimmten alle zu. Aber woran lag es? Lange wussten sie keine Antwort. Dann bemerkten sie es. Es lag an den Fenstern. Auf die hatten sie vergessen.

Am Abend trafen sie sich im Wirtshaus. Sie besprachen, wie man Licht ins Rathaus hineinschaffen konnte. Erst nach dem fünften Glas Bier sagte der Hufschmied nachdenklich: „Wir sollten das Licht wie Wasser hineintragen!“ „Hurra!“, riefen alle begeistert.

Am nächsten Tag schaufelten die Schildbürger den Sonnenschein in Eimer und Töpfe. Andre hielten Kartoffelsäcke ins Sonnenlicht, banden dann die Säcke schnell zu und schleppten sie ins Rathaus. Dort banden sie die Säcke auf und schütteten das Licht ins Dunkel. So machten sie es bis zum Sonnenuntergang. Aber im Rathaus war es noch dunkel wie am Tag zuvor. Da liefen alle traurig wieder ins Freie.

Das ist dumm, natürlich. Aber nichts, was nicht auch heute ständig geschieht. Wir wollen Dinge einfangen, die sich nicht einfangen lassen. Wir wollen das Glück einfangen, in Säcke stecken und mit uns herumtragen. Dazu kaufen wir teure Autos, machen aufwendige Urlaube, dazu gehen wir dorthin, wo man uns sagt, dass es toll und schön und cool ist und dass dort die Party abgeht. Wir wollen das Glück portionsweise auf unserem Teller. Nur: Dass ist genauso dumm, wie das Licht einfangen zu wollen. Ich kann Zufriedenheit, Glückseligkeit nicht erkaufen oder erzwingen. Auch in der Religion, übrigens, ist es so. Wir wollen Gott bei uns, verfügbar, angreifbar. Nicht irgendwo fern. Wir tragen Ketterln, die uns Glück bringen sollen. Wir hängen Rosenkränze und Kreuze auf den Autospiegel und hoffen, dass dadurch Unfälle vermieden werden. Wir bauen Kirchen und Heilige Orte, als ob nicht Gott überall sein kann, vor allem in uns. Aber das ist unheimlich, dass wir ihn nicht verfügbar haben. Wir wollen auch Gott portionsweise auf unserem Teller. Das ist nicht weise, aber angenehm. Ich mache eine Wallfahrt dort und dorthin, dafür sind meine Sünden vergeben. Ganz klar, ohne Unsicherheit. So wollen wir Gott. Die Torheit macht es uns leicht. Die Weisheit entlarvt solche Tricks.

Sonnenlicht in Eimer packen, das sind auch Drogen. Da kaufe ich mir ein Stück Glück, ein Stück Vergessen, ein Stück heile Welt – jetzt sofort auf meinem Teller. Es muss verfliegen und eine noch größere Finsternis hinterlassen.

Das Problem all dieser Praktiken liegt auf der Hand. Ich kann das Sonnenlicht nicht fangen. Es entzieht sich meiner Macht. Ich kann das Glück, die Zufriedenheit, die Seligkeit, kann Gott nicht fangen. Sie sind da, aber niemals erzwingbar. Das zu erkennen ist ein großer Unterschied zwischen weise und nicht weise.

Eines Tages ging in Schilda das Salz zu Neige, und die Händler hatten keines mehr zu verkaufen.

Deshalb überlegten sie, was sie tun sollten. Und weil ihr Rathaus inzwischen helle Fenster hatte, fiel ihnen auch gleich etwas Pfiffiges ein. „Da der Zucker auf Feldern wächst“, meinte einer, „brauchen wir auf dem Gemeindeacker nur Salz auszusäen. Dann haben wir unser eigenes Salz!“ So geschah es. Sie streuten die Hälfte ihres Salzvorrats auf den Acker.

Bald wuchs eine Art Kraut auf dem Acker und man nahm an, das wäre das erwartete Salz-Kraut. Wir wissen, dass es nur Brennnesseln waren. Aber auch diese Art von Nicht-Weisheit ist heute hoch im Kurs. Nämlich die Unart, nicht auf die Weisheit anderer zu hören. Die Leute von Schilda hätten ja nachfragen können: Wie es mit dem Salz? Aber die Toren glauben nun einmal, dass sie alles besser wissen. Ich bin jung und habe studiert. Da habe ich es doch nicht nötig, die Alten nach ihren Erfahrungen zu fragen. Und schon bin ich verdammt, alte Fehler neu zu begehen. Die Schildbürger hatten viele Ideen, aber waren nicht weise genug, sie von Erfahrung filtern zu lassen.

Während die Schildbürger warteten, dass das Kraut wuchs, berechneten sie schon, wie viel Tonnen Salz sie wohl ernten würden. Da kamen Kühe und Ziegen aus dem Nachbardorf, gingen auf das Feld und trampelten die Pflanzen nieder.

Bis der Hufschmied mit einem Stock in der Hand aufs Feld stürzen wollte, um die Tiere zu verjagen. „Bist du verrückt?“, schrie der Bäcker. „Willst auch du noch unser Kraut niedertrampeln?“ Und sie hielten ihn fest. Da rief er: „Wie sonst soll ich das Vieh vertreiben, wenn ich nicht ins Feld laufen darf?“
„Ich weiß“, sagte der Schulmeister, „du setzt dich auf ein Brett. Vier von uns heben dich hoch und tragen dich ins Feld. Auf diese Weise wirst du kein einziges Hälmchen zertreten.“ Alle waren von dem Vorschlag begeistert. Man trug den Schmied zu viert über den Acker, und er verjagte das Vieh und berührte keinen Halm!

Auch diese Art von mangelnder Weisheit ist weit verbreitet. Ich versuche ein Problem zu lösen, und mache damit alles noch schlimmer. Ich versuche eine Lüge zu vertuschen, und brauche dazu sieben weitere Lügen. Ich habe mich an der Börse verspekuliert. Gut, dann nehme ich eben noch mehr Geld auf und versuche meine Verluste wettzumachen. Das sollen schon Banken so gemacht haben. Wir kennen die Ergebnisse.

Aber wir haben das gleiche im Alltagsbereich, wenn zwei Menschen zu streiten beginnen. Ich kann aber auch beim Streiten alle Probleme der letzten 10 Jahre aufwärmen – nur um ja besser dazustehen. Und dann bleibt aber verbrannte, versalzende Erde zurück.

Dummheit ist zeitlos. Bei den Schildbürgern wie bei uns.

Und so ist es bemerkenswert, wie die Geschichten von den Schildbürgern enden. Eine Stadt voller Menschen ohne Weisheit ist natürlich dem Untergang geweiht. Damals wie heute. Ich zitiere:

Und so kommt es, dass es heutzutage die Stadt Schilda und die Schildbürger nicht mehr gibt. Das heißt: Es gibt sie natürlich noch. Ihre Enkel und Urenkel und deren Enkel und Urenkel leben über die ganze Erde verstreut. Sie wissen gar nicht mehr, dass sie von den Schildbürgern abstammen. Von Leuten also, die sich dumm stellten, um glücklich zu werden. Und dann gerieten sie ins Unglück, weil sie dumm wurden. Und sie können es auch gar nicht wissen. Denn heutzutage werden die Dummen berühmt und bekannt. Sie kommen zu Geld und Glück genauso wie die Klugen. Woran sollten also die Dummen auf unserer Erde merken, dass sie dumm sind?

An einem einzigen Merkmal kann man die Dummen erkennen: Mit dem, was sie erreicht haben, sind sie selten, aber mit sich selber sind sie immer zufrieden. Passt also gut auf! Bei den anderen. Und bei wem noch? Ganz recht, bei euch selbst!

Woran also kann man die erkennen, die nicht weise sind? „Mit dem, was sie erreicht haben, sind sie selten zufrieden. Aber mit sich selber sind sie immer zufrieden.“ Das also ist ein Merkmal jener, die nicht weise sind. Und es mag also bequem sein, nicht weise zu sein. Es ist angenehm, sich selbst für den Klügsten zu halten. Es ist einfach zu sagen, ich kann das nicht, ich habe keine Zeit. Dumm stellen und dumm sein ist einfach. Aber auf Dauer schadet es! Mein Leben wird dadurch dümmlich. Ich werde auf diese Weise nicht zu dem erfüllten Leben kommen, das Gott für mich vorgesehen hat.

Und deshalb, rät die Bibel, sollten wir uns selbst aufmerksam betrachten. Erkennen wir ins uns den Weisen oder den anderen?

Ich kann Sie also heute nur ermuntern, nach Weisheit zu streben. Also nach diesem Paket aus Lebenserfahrung, Vernunft, Einsicht in die eigenen Schwächen und Demut vor Gott.

Wie das geht, das sollten meine Kollegen in den anderen drei Predigten ihnen erklärt haben. Die sind sicherlich weiser als ich, die haben das gewiss zu erklären gewusst.

Amen.