Wo ist Gott? (Predigt zu Christi Himmelfahrt)

Wo ist Gott? (Predigt zu Christi Himmelfahrt)

Predigt von Pfarrer Fraiss über 1Kön 8, 22-24.26-28 an Christi Himmelfahrt 2017 in der Gnadenkirche Rosenau

 

22 Und Salomo trat vor den Altar des HERRN angesichts der ganzen Gemeinde Israel und breitete seine Hände aus gen Himmel

23 und sprach: HERR, Gott Israels, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich, der du hältst den Bund und die Barmherzigkeit deinen Knechten, die vor dir wandeln von ganzem Herzen;

24 der du gehalten hast deinem Knecht, meinem Vater David, was du ihm zugesagt hast. Mit deinem Mund hast du es geredet, und mit deiner Hand hast du es erfüllt, wie es offenbar ist an diesem Tage.

26 Nun, Gott Israels, lass dein Wort wahr werden, das du deinem Knecht, meinem Vater David, zugesagt hast.

27 Denn sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?

28 Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, HERR, mein Gott, auf dass du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir:

 

 

Liebe Gemeinde!

Wo ist Gott? Diese Frage stellt König Salomo, der weise Salomo, in unserem Predigttext. Zu seiner Zeit 1.000 vor Christus, da gab es darauf eine allgemeine Antwort: Er wohnt im Tempel, in Jerusalem, im Allerheiligsten, dort ist er zu Hause. Aber selbst Salomo, der Erbauer des ersten Tempels, weiß, dass das nur ein Teil der Wahrheit sein kann. Der Allmächtige lässt sich nicht binden. Er ist überall.

Zu dieser Thematik gibt es auch die alte Geschichte, in der jemand sagt: „Ich gebe dir einen Gulden, wenn du mir sagst, wo Gott wohnt.“ Daraufhin entgegnet sein Gegenüber: „und ich gebe dir zwei Gulden, wenn du mir sagst, wo er nicht wohnt.“

In diesen Bereich gehört auch die Erzählung von Jesus, wie er in den Himmel aufgefahren ist. Das ist eine Geschichte, die uns heute nicht so behagt – ihrer Bildhaftigkeit wegen. Seit wir Menschen mit Flugzeugen und Raketen da oben rumfliegen gefallen uns keine Erzählungen mehr, in denen Menschen hinaufschweben.

Was denn damals und wie es damals passiert ist, darüber will ich gar nicht spekulieren. Aber die Folgen dieses Ereignisses haben dann doch wieder mit uns und mit Salomos Frage zu tun: Wo ist Gott?

Zuerst, nach Karfreitag, wähnen die Jünger Jesus tot. Dann erscheint er ihnen, ist bei ihnen. Sie erleben ihn als lebendig. Aber dann kommt Himmelfahrt. Und das ist der Abschied, das ist wie bei unseren Liebsten das Begräbnis. Das müssen wir uns einmal überlegen. Für die Jünger war Himmelfahrt kein Festtag. Vorher hatten sie Jesus noch bei sich, irgendwie zumindest. Sie konnten ihn sehen, mit ihm reden, er war nicht weg. Aber nun, zum Himmelfahrt, da sagt er letzte Worte, da verabschiedet er sich, da ist er weg.

Es kein Abschied für immer, aber für eine lange Zeit. Sie sagen „Auf Wiedersehen, Jesus, auf Wiedersehen bei Gott.“ Es war für die Jünger nicht schön, dass er nun gegangen ist. Die Stimmung war eher getrübt, wie bei einer Beerdigung.

Denn ab Himmelfahrt ist ihnen Jesus nicht mehr verfügbar und auch die Jünger fragen sich: Wo ist Gott? Wie geht es weiter?

Sie sagen sich: „Es gibt ihn, Gott, zweifellos. Das hat uns Jesus gezeigt. Aber was heißt das für uns? Wo ist er? Sind wir mit ihm verbunden und wie?“

Diese Fragen hatte schon Salomo, der die Begrenztheit des Volksglaubens erkannt hat. Gott im Tempel? Mitnichten. Und auch die Jünger, die bislang immer die Nähe Jesu hatten, ihm Fragen stellen konnten, von ihm getröstet und gelehrt wurden – auch sie empfinden nun eine Leere. Wo ist Gott? Wie geht es weiter?

Diese Frage können auch wir uns stellen: Wo ist er, dieser Gott? Wo ist er in den Unglücken? Wo ist er, wenn wir leiden? Wo ist er, in dieser Welt?

Die Antwort kam nicht gleich zu Himmelfahrt. Jünger haben warten müssen, In ihrem Fall waren es nur 10 Tage bis Pfingsten. Da haben sie eine Antwort erhalten. Das heißt nicht, dass sie dann alles verstanden hätten. Sie hatten eine Frage und haben die Antwort gar nicht ganz und in vollem Ausmaß verstanden. Aber sie erhielten, so wie wir, eine Antwort. Und diese Antwort auf die Frage „Wo ist Gott“ war der Heilige Geist.

Wobei: Ich sage es immer wieder. Ich bin nicht glücklich über die Bezeichnung Heiliger Geist. Das klingt immer so nach Gespenst, so nach einem Geist, der durch die Gegend fliegt und Gott verbreitet. Das ist im Englischen viel schöner getrennt mit den Worten „Ghost“ für Gespenst und „Spirit“ für den Geist. Der Heilige Geist ist ja mehr die Kraft Gottes, die unter uns und in uns wirkt. Die Bibel beschreibt den Geist Gottes anhand der Eigenschaften, die er bringt. Ich zähle sie mal auf:

  • Weisheit
  • Verstand/Einsicht
  • Rat
  • Stärke
  • Erkenntnis
  • Frömmigkeit
  • Gottesfurcht

Zu Weisheit hilft uns Gott. Er gibt uns Kraft, wenn wir sie brauchen. Er lässt uns Zusammenhänge verstehen. Er gibt uns guten Rat für unser Leben. Er hilft uns zum Glauben und dazu, Gott zu erkennen. Das alles macht Gott in uns und unter uns.

Und das ist die Antwort auf die Frage: „Wo ist Gott.“ Er hat uns etwas gelassen, gegeben, was uns hilft: Seinen Geist, seine Wirkung! Das hat Jesus ja versprochen in seiner Ansprache vor seiner Himmelfahrt. Auch wenn wir Gott nicht so bei uns haben, wie wir das manchmal hoffen – er ist auch nicht ganz fern und unerreichbar. Wir haben schon den Abglanz der Ewigkeit in uns. Wir haben schon die Anzahlung aufs Paradies. Wir haben schon die Hilfe, die uns stützt.

Und damit sind wir wieder bei Salomo. Er hat wohl den Geist der Weisheit, der ihn erkennen lässt. Er hat den Geist der Weisheit, obwohl er noch gar nicht weiß, dass es ihn gibt. Da ist er noch 1.000 Jahre zu früh dran. Aber er erkennt die Größe Gottes und die Kleinheit seiner Erkenntnis.

Ein anderer Weiser Mann, Konfuzius, hat gesagt: „Dummheit ist nicht wenig wissen, auch nicht wenig wissen wollen. Dummheit ist glauben, genug zu wissen.“ Das hat Salomo nicht getan. Er hat gewusst, trotz seiner Weisheit, wegen seiner Weisheit, wie viel er noch nicht weiß.

Dumm sind die, die sagen: „Gott kann es nicht geben, weil ich mir das nicht vorstellen kann.“ Weise sind die, die sagen: Ich kann es mir nicht vorstellen, weil es so vieles gibt, das ich nicht weiß. Aber etwas, das ich mir nicht vorstellen kann, das kann es auf jeden Fall geben.“

Salomo erkennt also, dass Gott viel weiter ist als sich die Menschen das damals vorstellen konnten. Die Menschen konnten ihn sich nur im Tempel vorstellen – Salomo erahnt die Größe. Und damit ist er schon ganz beim Neuen Testament. Paulus wird nämlich sagen: Ja, gut, Gott wohnt im Tempel. Aber in welchem Tempel? Ihr, sagt Paulus, ihr seid der Tempel. Jeder Christ, jede Christin ist der Heilige Ort, ist der Tempel in dem Gott wohnen will – durch eben diesen Heiligen Geist.

In uns ist also ein Ort, an dem wir Gott finden können.

Nur, und das war bei Salomo schon so und ist immer noch so. Es ist nicht leicht, sich alles nur im Geiste vorzustellen, den Heiligen Geist als Kraft zu denken, die wirkt. Wir brauchen schon auch Rituale und Gebäude. Kirchen helfen uns, Gott nahe zu sein. Sie sind wohl nicht Voraussetzung zum Glauben, aber eine Hilfe.

Es ist wie in ihrer Wohnung. Im Grunde brauchen sie kein Wohnzimmer. Essen können sie im Stehen in der Küche. Sitzen können sie auch auf dem Bett im Schlafzimmer Alles geht irgendwo anders. Das Wohnzimmer ist nicht nötig. Und trotzdem tut es der Familie gut, eines zu haben, um zusammen zu sitzen, zu reden, einander näher zu kommen.

Und genau so ist es auch mit diesem Gebäude und allen Kirchen. Gott selber könnte ohne sie auskommen. Uns tun sie gut.

Denn seit Jesu Himmelfahrt ist sie wieder da, die alte Frage: Wo ist Gott? Wir kennen die Antwort: er ist fern, aber durch den Heiligen Geist uns nahe. Wir sind der Tempel, in dem Gott auf Erden sein kann.

Doch weil das alles so unfassbar und so theoretisch ist, deshalb tut es gut in einer Kirche zum Vater im Himmel sprechen zu können.

Amen.