Predigt über Maria Magdalena

Predigt über Maria Magdalena

Predigt über Maria Magdalena

# Neuigkeiten

Predigt über Maria Magdalena

Predigt zu Maria Magdalena von Diakon Günther Wesely
gehalten am 15.02.2026 im zuge der Predigtreihe "Frauen in der Bibel".

Lied von Maria Magdalena aus „Jesus Christ Superstar“

 

Dieses Lied war meine erste bewegendere Begegnung mit Maria Magdalena. Das war 1974. Ich war in Wien beim Bundesheer und habe mir im Kino den Film „Jesus Christ Superstar“ angeschaut. Junge Menschen spielen Szenen aus dem Leben Jesu. Die Musik hat Andrew Lloyd Webber komponiert. Und in diesem Film singt Maria Magdalena dieses Lied über ihre Liebe zu Jesus. I dont no how to love him… Ich weiß nicht wie ich ihn lieben soll. Hin und hergerissen zwischen der Liebe und dem Wissen, das Jesus einen eignen Weg gehen muss. So wird Maria Magdalena in diesem Film dargestellt.

Eine andere Begegnung aus jüngster Zeit: Im Künstlerhaus in Wien bei der Ausstellung „Du sollst dir ein Bild machen“ ist auch eine Gegenüberstellung der Jungfrau Maria und Maria Magdalena. Maria, die Mutter Jesu als stille, verklärte, sanfte Frau, eine jungfräuliche Mutter rein passiv, liebend, leidend. Maria Magdalena wird als große Verführerin, und als reuige Sünderin dargestellt. Warum ist das so? Schauen wir in die Geschichte.

In der westlichen Kirchengeschichte wurde schon ab dem 4. Jh. n. Chr. eine wirklich fragwürdige und tendenziöse Verschmelzung der Jesusjüngerin mit anderen Frauengestalten des Neuen Testaments herbeigeführt. Gegen das Zeugnis der Evangelien wird Maria Magdalena oft nicht als Verkünderin genannt und geehrt, sondern als schwache Frau, als schöne Verführerin, aber auch als devote, reuige Sünderin und Büßerin dargestellt. Maria Magdalena wird oft willkürlich mit drei anderen Frauengestalten der Bibel vereint, nämlich erstens mit der namenlosen Sünderin aus dem Lukas-Evangelium (7,36-50), die Jesu Füße mit Öl salbt; zweitens mit der namenlosen Frau, die im Markus-Evangelium im Hause Simons, des Aussätzigen, Jesu Haupt salbt (Mk 14,3-9) und drittens mit Maria von Betanien, der Schwester von Martha und Lazarus, die nach dem Johannesevangelium (12,1-11) in ihrem gemeinsamen Haus Jesu Füße salbt und mit ihrem Haar trocknet. Die Evangelien erzählen keine einzige Salbungsgeschichte, in der Maria aus Magdala vorkommt. Und doch reichte die bloße (Vor-)Namensgleichheit von Maria Magdalena mit Maria von Betanien aus, um sie zur stadtbekannten Sünderin und Dirne zu stigmatisieren. Ein ganz und gar unbiblisches Bild der Maria Magdalena.

Wie sind die biblischen Zeugnisse? Ich werde immer wieder Bibelstellen zitieren, die auch Grundlage meiner Predigt sind. Ich bitte euch aber, dabei sitzen zu bleiben.

Der Zeitpunkt, zu dem sie biblisch bekannt wird, ist die Wanderzeit Jesu, als er sich Maria aus Magdala angenommen hat und sie von ihren „sieben Dämonen befreit hat“  

Lk 8,1-2: Und es begab sich, dass er durch die Städte und Dörfer zog und verkündete das Evangelium vom Reich Gottes; und die zwölf waren mit ihm, dazu einige Frauen, die er gesund gemacht hatte von bösen Geistern und Krankheiten, nämlich Maria, genannt Magdalena, von der sieben böse Geister ausgefahren waren, und auch Johanna, die Frau des Chuzas, eines Verwalters des Herodes, und Susanna und viele andere, die ihnen dienten mit ihrer Habe.     

Es heißt, Jesus habe sie von sieben Dämonen befreit. Das kann bedeuten, dass Jesus sie aus großer seelischer Not, aus schwerem Leid, erlöst hat. Sicher ist nur, dass sie Jesus mit einer tiefen, treuen Liebe verbunden war. Jesus ist also die Ursache für Maria Magdalenas Entscheidung, ihm nachzufolgen. Von diesem Zeitpunkt an begleitet Maria Magdalena Jesus im Leben.  

Als ein weiteres biblisches Zeugnis wird von Maria Magdalena berichtet, dass sie unter dem Kreuz ausharrt, bei Jesus bleibt, als er stirbt, trotz der realistischen Gefahr für das eigene Leben:

Joh 19,25 Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter, seiner Mutter Schwester; Maria, die Frau des Kleophas und Maria von Magdala.   

Dann wird beschrieben, wie Maria Magdalena bei der Grablegung dabei ist.

Markus 16, 47 Aber Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Joses, sahen wo er hingelegt wurde.  

Am Tag nach dem Passahfest, wird im Johannesevangelium von einer wichtigen Begegnung berichtet.

Joh 20, 11 Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein. Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, den einen dort, wo der Kopf, den anderen dort, wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten. Die Engel sagten zu ihr: Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Man hat meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat.  Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war.  Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen. Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich ihm zu und sagte auf hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister.  Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern, und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. Maria von Magdala ging zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt.

Mich rührt diese innige Szene jedes Mal wieder, wenn ich sie höre. Maria erkennt Jesus erst, als er sie bei ihrem Namen nennt. Sie wiederum möchte ich ihn berühren und umarmen, aber Jesus ist nicht mehr der, der er vor seinem Tod war. „Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht zu meinem Vater aufgefahren“, wehrt er ab.

In diesen wenigen Worten wird spürbar, wie nahe Jesus und Maria Magdalena sich gewesen sein müssen. Wir können wohl sagen: Sie war die Frau, die Jesus am nächsten stand. Und so erfährt sie folgerichtig auch als erste von allen Jüngern und Jüngerinnen, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Mehr noch, sie erhält von Jesus persönlich den Auftrag, seinen Jüngern diese frohe Botschaft zu überbringen. Sie wird damit zur ersten Zeugin seiner Auferstehung, zu ersten Predigerin des Evangeliums.

In allen Evangelien ist sie es, die von Jesus beauftragt wurde, den anderen, von seiner Auferstehung zu erzählen.  

Maria Magdalena hat Jesus also im Leben, im Sterben, im Tod, in der Auferstehung und in ihrer Verkündigung den Jüngern gegenüber, begleitet. Das sind die biblischen Quellen von Maria Magdalena.  

Warum und wie konnte es dazu kommen, dass bei einer eigentlich klaren Quellenlage die Gestalt der Maria Magdalena über Jahrhunderte hinweg so verschwommen, so verzerrt dargestellt wurde? Ich glaube, die Antwort zeigt sich, wenn wir uns der echten Maria Magdalena genauer zuwenden.

In sämtlichen Evangelien wird Maria Magdalena als erste unter den Frauen genannt, die Jesus von der Anfangszeit seines öffentlichen Wirkens in Galiläa bis zum Tod am Kreuz nachgefolgt ist.  

Und es ist Maria Magdalena, die anders als die meisten anderen Frauen in den biblischen Erzählungen nach ihrem Herkunftsort benannt wird. Magdala, dem heutigen Migdal in Israel am Westufer des Sees Genezareth. Frauen wurden damals eigentlich ihren Männern oder Söhnen zugeordnet, was mit dem Namen klar erkennbar war: Frau des… Mutter des… Alles deutet darauf hin, dass Maria Magdalena eine alleinlebende und eigenständige Frau war. Sie muss auch reich gewesen sein, denn sie hat Jesus und seine Jünger nicht nur begleitet, sondern sie auch finanziell unterstützt. Das ist gemeint, wenn im Lukasevangelium steht … und dienten ihnen mit ihrer Habe. Das war für damalige Verhältnisse und wohl auch noch für die Jahrhunderte der Kirchengeschichte danach, nicht nur unkonventionell, sondern geradezu anstößig. Erstaunlich, wie gefährlich eine solche Frauengestalt offenbar schon früh für die patriarchale Kirche war.  

Da konnte wohl nicht sein, was nicht sein durfte. Eine unbefangene Darstellung, wie sie sich auch und gerade nach dem Johannesevangelium eigentlich aufdrängt, hätte bedeutet, klipp und klar zu sagen, dass es eine Frau war, eine starke Frau, die in dem für unseren Glauben so entscheidenden Moment handelt. Es ist ihr Verdienst, dass wir als Christen heute da stehen, wo wir stehen.  

Nach Jesu Tod vergraben sich die Jünger in ihrer Trauer, völlig nachvollziehbar. Sie sind verängstigt und resigniert. Ihnen ist mit Jesu Tod am Kreuz Führung und Lebensinhalt genommen. Eine Zukunft scheint unvorstellbar. Für Maria Magdalena ist das genauso. Aber, sie vergräbt sich nicht. Sie geht. Zum Grab. Allein. Sie beugt sich weinend in die Grabkammer. Maria Magdalena wendet sich nicht ab, sondern sie wendet sich ihrem Verlust, ihrer Trauer zu. Sie schont sich nicht. Sie stellt sich ihrer Trauer, in derselben bedingungslosen Hingabe, wie sie schon ihr Leben Jesu gewidmet hat.

In der Realität ihres Verlustes sieht sie schließlich die Engel, die an Stelle Jesu, zu seinem nicht vorhandenen Haupt und seinen nicht präsenten Füßen sitzen; die als himmlische Wesen in irdischem Grab Himmel und Erde, Tod und Leben miteinander verbinden: „Frau, warum weinst du?“ wird sie gefragt. Maria Magdalena weint um ihren Verlust, den sie durchlitten hat: Gestorben – begraben – und jetzt weggenommen. Und wendet sich um und sieht Jesus, ohne ihn zu erkennen. Erst als er sie beim Namen nennt: „Maria“, wendet sie sich Jesus zu und erkennt ihn: „Rabbuni!“, Meister. Die Macht der Anrede.

Und an dieser Stelle wird aus dem gestorben und begraben das Gestorben, begraben und von den Toten auferstanden, das untrennbar miteinander verbunden ist, das wir im Glaubensbekenntnis bezeugen, wie Maria Magdalena.  

Jesus hat Maria bei ihrem Namen gerufen. Die vertraute Stimme, der Klang ihres Namens hat sie zurückgeholt in die Beziehung zu ihm. Und sie antwortet: „Rabbuni“ = mein Meister, mein Lehrer. Auf einmal ist alles wieder da: Die Liebe, die Jesus ihr geschenkt hat, und die Liebe, die sie Jesus entgegengebracht hat. Nur, dass sich diese Liebe nicht so festhalten lässt, wie sich das jeder Mensch wünschen würde. Daher sagt Jesus „Halte mich nicht fest“. Bei Maria Magdalena und Jesus geht es nicht um eine private Sache, es ist nicht ihre Bestimmung, sich auf ewig an diesen Jesus zu klammern und alles andere drumherum zu vergessen. Maria erfährt, dass die Liebe und Vergebung ihres Meisters allen Menschen gilt. Persönlich, aber nicht privat. So kann Maria weder das Vergangene bewahren, noch ihre Beziehung zu Jesus als eigenen Besitz erhalten. Die Sorge, aber dass es nicht weitergeht, dass alles zu Ende ist, wird ihr genommen. Und: Zu ihrem neuen Leben gehört, dass sie sich noch mehr als zuvor für die Anderen öffnet. Sie ist es, die den anderen Jüngern verkündet: „Ich habe Jesus, den Lebendigen, gesehen“.

Sie ist die erste Zeugin und die erste Predigerin, wenngleich bei Paulus im 1. Kor. 25,3-7 Kefas, also Petrus der Erstgenannte der Zeugen ist. Hier schimmert schon eine klassisch patriarchale Gesellschaftsordnung durch, die auch in der Gemeindeleitung die Führungspositionen in der Hand von Männern steht. So wird Maria Magdalena mit ihrem Zeugnis zur weiblichen Führungskraft in Liebe und Erkenntnis, Petrus fast ein Gegenspieler in seiner männlichen Rolle von Macht und Dominanz in Gemeindeaufbau und Gemeindeleitung.

Kirchenvater Bischof Hieronymus wird das folgende Zitat zugeschrieben (4. Jhdt): „Als Jesus auferstanden war, erschien er zuerst den Frauen. Jene wurden Apostelinnen der Apostel. Und die Männer sollten schamrot werden, weil sie den nicht suchten, den die Frauen längst gefunden hatten“.

Ich denke, dass wir auch in unserer protestantischen Tradition gut daran tun, an Maria Magdalena zu erinnern. Nicht, um sie als Heilige zu verehren, sondern um an sie, ihre besondere Beziehung zu Jesus und ihren Mut zur Verkündigung wach zu halten. In ihr gedenken wir der ersten Zeugin der Auferweckung, denken an eine Schwester im Glauben, die aufgehorcht hat, als Jesus sie beim Namen gerufen hat, die nicht im Alten stecken geblieben ist, sondern Anderen durch Worte des Lebens Mut zuspricht. Auch uns. Wenn wir hier in den Altarraum schauen, dann könnte der Satz der über dem Kreuz steht „Er ist wahrhaftig auferstanden“ uns an diese Maria Magdalena erinnern. Einer Frau, die als Erste, die Botschaft der Auferstehung in die Welt getragen hat.

Ich schließe mit Worten von Hanna Strack, einer deutschen Theologin und Schriftstellerin: „Maria Magdalena, wir danken dir dafür, dass du uns zeigst, wie Gottes Macht und Gottes Licht wirkt in der Verzweiflung und in der Trauer, im Tod. Mit dem, was du sagst, bist du eine Prophetin für unsere Zeit! Eine biblische Heilige, die die modernen Tugenden vertritt: Solidarität mit den Sterbenden, Mitleiden mit den Gefolterten, Mut zur Trauer, Phantasie, Ausdauer.“

AMEN

Und der Friede Gottes, der größer ist als all unser Denken und Begreifen, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. AMEN

 

Dies könnte Sie auch interessieren

0
Feed