Predigt über Sarah

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Predigt über Sarah

Am 18. Januar fand der erste Gottesdienst der Predigtreihe "Frauen in der Bibel" statt. Diakonin Lenore Wesely predigte über Sarah und hat uns ihre Predigt dankenswerterweise zur Verfügung gestellt.


Liebe Gemeinde, ich werde meiner Predigt über Sarah heute keinen Bibeltext voranstellen. Ich werde den Text aus der Basisbibel jeweils in meine Predigt einflechten und ich bitte euch dabei sitzenzubleiben.

 

Wer warst du, Sarah?

Wie kann ich dir nahekommen, dich begreifen?

Du lebtest in einer so anderen Zeit, rund 4000 Jahre vor der unseren.

Du lebtest in einer so anderen Umgebung rund 4000 km von hier.

Du lebtest in einer so anderen Kultur als wir.

Wer warst du Sarah?

Du warst eine Frau in einer patriarchalen Welt.

Du hattest Träume, die auch Frauen in unserer Welt haben.

Da hattest Ängste und Hoffnungen wie wir,

du musstest Enttäuschungen verkraften und Bitterkeit spüren

und du wurdest überrascht

von Gott – ungreifbar, unbegreifbar, größer als du dir vorstellen konntest,

größer als wir uns vorstellen können.

Wer warst du, Sarah?

Du bist so weit entfernt und doch so nahe.

 

Wenn wir über Sarah nachdenken, denken wir über die erste Frau in der Bibel nach, die wir wahrscheinlich als historische Person einordnen dürfen. Die Erzählungen von ihr beginnen in der Bibel direkt nach dem Abschluss der mythischen Urgeschichte von Adam und Eva, Kain und Abel, Noah und der Arche und vom Turm zu Babel. Sarai „meine Prinzessin“ wurde sie von ihren Eltern genannt. Gott gab ihr einen neuen Namen: Sarah „Herrin, Fürstin“ – ein edler Name der Würde verleiht. Sarah wurde Abrams Frau. Auch er bekam von Gott einen neuen Namen: Abraham „Vater einer Menge an Völkern“. Er war nicht nur ihr Ehemann, er war auch ihr Halbbruder. Sarahs Geschichte ist so eng mit der Geschichte Abrahams verwoben, dass ich ihn mitdenken muss, wenn ich von ihr erzähle.

Abraham, war getrieben und immer auf der Suche nach dem unbegreifbaren, lebendigen Gott. In der Erzählung von Sarah und Abraham gibt es in der Bibel zwei Begriffe für Gott. Elohim – eine Pluralform von Gottheit. Das ist ein alter Gottesname. Hier ist die Rede von den alten Göttern, an die der Stamm Abrahams glaubte. Der zweite Begriff ist Adonaj. Das ist der lebendige Gott, den Abraham neu kennenlernt. Adonaj heißt so viel wie „Der Ewige“ oder „mein Gott“. Es ist der Gott, der in Beziehung geht mit den Menschen von Du zu Du. Abraham wollte weg von den erdachten, kalten Göttern den „Elohim“ und er ging weg von ihnen, auf den lebendigen Gott zu „Adonaj, der Ewige, mein Herr“. Dieser Gott rief Abraham, redete mit ihm, ging mit ihm in Beziehung und gab ihm ein großes Versprechen: Wenn du an mich glaubst, will ich dir das Land geben, in das ich dich führen werde und ich werde dir und Sarah einen Sohn schenken. Du sollst der Urvater eines großen Volkes werden. Deine Nachfahren sollen so zahlreich sein wie die Sterne am Himmel und wie der Staub zu deinen Füßen. Beides kann man nicht zählen.

Abraham folgte diesem lebendigen Gott „Adonaj – mein Herr“ und ging weg von seiner Familie, seinem Stamm und den kalten Göttern. Und Sarah ging mit. Sie war eine Mitgehende, Mithoffende. Ihre Hauptaufgabe sah sie darin, einen Sohn zu bekommen. Das war das Wichtigste, das ihr Würde und Anerkennung verlieh. Das war ihr ganzes Hoffen und Sehnen und sie hängte sich an das Versprechen Gottes, von dem Abraham ihr immer wieder erzählte.

Ihr wurde viel zugemutet. Zweimal landete sie im Harem eines fremden Königs, weil ihr Mann Angst hatte, er könnte wegen seiner schönen Frau umgebracht werden und deshalb gab er sie als seine Schwester aus (was ja teilweise stimmte). Sie wurde von den Menschen in ihrer Umgebung nicht ernst genommen, weil sie nicht Mutter war. Fast ihr ganzes Leben lang hoffte sie, durch ein Kind ihre Würde zurückzubekommen. Sie versuchte nachzuhelfen indem sie ihrem Mann die Nebenfrau Hagar zuführte, die für sie einen Sohn bekommen sollte. Hagar bekam mit Abraham den Sohn Ismael. Aber Sarahs Sehnsucht nach Würde und Achtung wurde damit nicht erfüllt, denn sie wurde von Hagar ausgelacht und klein gemachte und zurückgesetzt. Sarah wurde immer älter und bitterer, bis es zu spät war auf einen Sohn zu hoffen. Dieser Gott, dem Abraham folgte, hatte sein Versprechen nicht eingelöst.

Sarah, die Fürstin. Was hatte ihr der Name gebracht? Sie war alt, hoffnungslos, Spielball, verbittert.

Aber es gibt einige Geschichten in der Bibel, in der Gott gerade einer alten, hoffnungslosen Frau ein Kind schenkt und damit besonderes Aufsehen hervorruft. Ein Kind – damit beginnt immer etwas ganz Neues, Besonderes.

Und so besonders geht es mit Sarah weiter. Sie ist nicht vergessen von Gott auch wenn sie das glaubt. Eines Tages in der Mittagshitze bekommen Abraham und Sarah Besuch von drei Männern. Ein besonderer Besuch - denn in einer Wüstengegend in der größten Mittagshitze ist kein Mensch unterwegs. Da zieht sich jeder in den rettenden Schatten zurück. Als dieser Besuch kommt, tun Abraham und Sarah das, was das oberste Gebot ist. Sie gewähren lebensrettende Gastfreundschaft. Sarah kocht und backt im Zelt und Abraham versorgt die Gäste mit Schatten und Wasser und dem Festmahl, das Sarah zubereitet hat.

Ich lese Gen. 18, 9-15

Die Männer fragten Abraham:

 »Wo ist deine Frau Sarah?«

Er antwortete: »Drinnen im Zelt.«

Darauf sagte einer der Männer:

»Nächstes Jahr um diese Zeit komme ich wieder zu dir.

Dann wird deine Frau Sarah einen Sohn haben.«

Sarah stand am Zelteingang hinter Abraham

und konnte alles hören.

Die beiden waren schon sehr alt,

und Sarah hatte längst nicht mehr ihre Tage.

Daher lachte sie in sich hinein und dachte:

»Jetzt, wo ich schon so alt bin,

soll ich da noch Lust bekommen?

Auch mein Mann ist doch viel zu alt!«

Da fragte der Herr Abraham:

»Warum lacht Sarah und denkt,

dass sie zu alt ist, um ein Kind zu bekommen?

Ist denn für den Herrn irgendetwas unmöglich?

Zur genannten Zeit komme ich wieder zu dir.

Dann wird Sarah einen Sohn haben.«

Da leugnete Sarah und sagte: »Ich habe nicht gelacht.«

Denn sie fürchtete sich.

Er aber entgegnete: »Doch, du hast gelacht.«

Ja, es war ein Lachen, aber wohl ein bitteres, ungläubiges, vielleicht auch Scham besetztes Lachen. Dieses Lachen hinter der Zeltwand spricht von langer enttäuschter Hoffnung – ein Leben lang. Wie bitte? Jetzt, wo ich mein Leben lang umsonst gehofft habe, jetzt wo ich eine alte Frau bin, soll ich ein Kind kriegen? Das ist ja lachhaft. Aber dieses bittere und ungläubige Lachen wandelt sich bald in ein unfassbar glückliches Lachen und es spiegelt sich in dem Namen, den Gott für den bald geborenen Sohn bereithält: Isaak, „er lacht“ oder „Gott lächelt“. In diesem Namen steckt ja auch lautmalerisch das Lachen drin „Isa-ak“. Gott hat das lange gegebene Versprechen erfüllt. Sarah und Abraham haben einen Sohn und sie sind damit Ur-Eltern eines großen Volkes, wie es Gott gesagt hat. Dieser Gott, mit dem Abraham immer gesprochen hat, ist lebendig. Adonai, der Ewige, mein Herr.

Ende gut, alles gut! Könnte man jetzt denken. Aber so ist es nicht. Denn Abraham findet keine Ruhe. Er ist weiterhin auf der Suche. Was fordert Gott nun von ihm, nachdem er ihm den heiß ersehnten und versprochenen Sohn geschenkt hat? Das kann es doch nicht gewesen sein. Und da werden die alten Götter „Elohim“ wieder wach in ihm, die kalten, fordernden Götter.

Wir kennen die Geschichte von der Opferung des Isaak. Eine Geschichte, die mir immer gegen den Strich ging.

Hier heißt es in Genesis 22: Die Gottheit (elohim) prüfte Abraham und sprach zu ihm: „Abraham!“ Der antwortete: „Hier bin ich!“ Die Gottheit sprach:“ Nimm deinen einzigen Sohn, deinen geliebten Sohn Isaak und geh mit ihm in das Land Morija. Bring ihn dort als Brandopfer dar – auf einem Berg, den ich dir nennen werde.

Und wirklich, Abraham folgt dieser Aufforderung. Das gibt’s doch nicht, sollte man meinen. Er hört auf diese Götter, die seinen Gehorsam herausfordern und von ihm verlangen, seinen Sohn Isaak zu opfern - das Kind zu opfern, das der Lebendige ihm geschenkt hat. Und der Lebendige schweigt. Ist auch Gott fassungslos? Ja, Abraham macht sich auf. Er nimmt zwei Knechte mit und einen Esel, Feuerholz und Feuer und seinen Sohn Isaak. Abraham gehorcht blind. Abraham, was tust du da? Denkst du, der liebende Gott auf den du immer vertraut hast, ist so feindlich, dass er von dir verlangt deinen Sohn zu schlachten?

Abraham hört nicht auf die Liebe in seinem Herzen zu diesem späten Sohn. Er fühlt nicht mit Sarah, seiner Frau, die dieses Kind gegen alle Hoffnung doch noch bekommen hat. Abraham hat nur den blinden Gehorsam im Sinn. Gott hat es ihm nie leicht gemacht. Nun fordert er alles zurück. Abraham gehorcht ohne zu fühlen und ohne zu denken. Gehorsam ist ihm das Wichtigste. Blinder Gehorsam ist aber lebensfeindlich, mörderisch, lieblos bis ins Letzte. Blinder Gehorsam schaltet die Verbindung zum Lebendigen ab – auch zum lebendigen Gott. Sie schaltet die Herzensverbindung ab, die Verbindung zu den Erfahrungen, die lebensbejahend sind, die wesentlich sind, die den Menschen ausmachen.

Diese Götter, die Abraham in sich hört, fordern aber blinden Gehorsam. Abraham geht nicht in Kontakt mit seinen Gefühlen, er fragt nicht sein Herz. Er tut, was er als Auftrag versteht. Er führt alle hinters Licht um seinen Plan zu verwirklichen. Und der Lebendige, Adonaj lässt ihn gewähren. Er steht aber auf der Seite des Lebens. Er steht bei Sarah und er steht bei Isaak. Denn er ist keiner, der die Menschen so hinterhältig in Versuchung führt. Er verlangt keinen blinden Gehorsam. Er lässt die Menschen frei. Blinder Gehorsam ist absolut lebensfeindlich. Nicht nur die Zeit des Nationalsozialismus hat uns das deutlich gelehrt. Die Rechtfertigung für unzählige Gräueltaten war der Gehorsam. „Ich habe nur das getan, was man mir aufgetragen hat. Ich habe nur meine Pflicht erfüllt.“ Das war die meist gehörte Ausrede. Kein Blick auf die Leidtragenden. Kein Gespür für die Gemetzelten. Das oberste Gebot war das Befolgen der Befehle einer übergeordneten Macht, war das Hören auf ein übergeordnetes Prinzip, eine übergeordnete These, was gut und richtig ist. Diesem blinden Gehorsam ist Sarah ausgeliefert. Sie wird gar nicht gefragt. Sie wird vor die vollendete Tatsache gestellt – hinterher. Und Isaak ist ausgeliefert. Er muss das Feuerholz für den Scheiterhaufen auf dem er geopfert werden soll, selbst tragen. Aber Gott Adonaj spielt vorerst mit und erteilt Abraham eine Lektion: Ich lese Gen. 22, 9-14

Sie kamen an den Ort, den Gott ihm genannt hatte.

Dort baute Abraham einen Altar

und schichtete das Holz darauf.

Dann fesselte er seinen Sohn Isaak

und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz.

Abraham streckte seine Hand aus

und ergriff das Messer,

um seinen Sohn als Opfer darzubringen.

Da rief ein Engel des Herrn vom Himmel her:

»Abraham! Abraham!«

Der antwortete: »Hier bin ich!«

Der Engel sagte:

»Streck deine Hand nicht nach dem Jungen aus

und tu ihm nichts an!

Jetzt weiß ich, dass du wirklich Ehrfurcht vor Gott hast.

Deinen einzigen Sohn hast du mir nicht vorenthalten.«

Als Abraham aufsah,

erblickte er einen Widder hinter sich.

Der hatte sich mit seinen Hörnern

im Gestrüpp verfangen.

Abraham ging hin, ergriff den Widder

und brachte ihn anstelle seines Sohnes als Brandopfer dar.

Ja, der wahre Gott erteilt Abraham eine Lektion. Er steht auf der Seite der Lebendigen. Er steht auf der Seite der Menschen die lieben, die spüren und unterscheiden können zwischen blindem Gehorsam und dem guten Weg. Dieses Unterscheiden ist nicht immer leicht. Das, was wir gelernt haben über Gut und Böse, holt uns immer wieder ein. Wie lebt es sich richtig? Auf wen höre ich? Da haben es besonders die lauten Stimmen leicht. Aber Gott spricht leise. Gott spricht zu unseren Herzen. Gott will uns nicht binden, sondern frei lassen. Gott schaut uns in die Augen und will, dass wir einander in die Augen schauen können.

Sarah hat Abraham nach diesem Ereignis nicht mehr in die Augen geschaut. Sie hat sich frei gefühlt zu gehen. Ihr ist das Lachen vergangen. Sie taucht nicht mehr an der Seite Abrahams auf. Sie geht nach Hebron im Land Kanaan. Abraham bleibt in Beerscheba.

 

Ich denke, Sarah konnte nicht mehr an der Seite dieses Mannes bleiben, der dem blinden Gehorsam einer alten Gottheit folgt – gegen die Liebe. Sie hat wohl auch nicht mehr sehen können, dass Abraham etwas Wesentliches gelernt hat: Der Lebendige Gott Adonaj ist nicht so eifersüchtig, dass er den Menschen das Liebste abverlangt. Gott will keine Menschenopfer und keinen blinden Gehorsam. Damals nicht und heute nicht. Abraham musste das bitter lernen, was Sarah schon längst wusste. Gott macht das Unmögliche möglich, wenn es um das Leben geht. Gott lässt mich jauchzen. Deshalb heißt mein Sohn Isaak und dieses Jauchzen lasse ich mir nicht mehr nehmen.

Gott lässt auch uns jauchzen – dankbar, weil er uns frei lässt unserem Herzen zu folgen, weil er ein Gott des Lebens ist und das Unmögliche möglich macht gegen alle Vernunft.

Amen

 

 

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